Srebrenica Schweigen in BelgradSeite 2/2
Die Haltung eint fast die ganze politische Klasse. Als bloße Taktik deutet Sonja Biserko auch die spontan bekundete Bereitschaft des reformorientierten Präsidenten Boris Tadić, am zehnten Jahrestag nach Srebrenica zu reisen und sich »vor den Opfern zu verneigen«. Denn Tadić mochte sich nicht einmal dazu aufraffen, zu Srebrenica wenigstens eine Konferenz einzuberufen. Er entstammt dem nationalen Bürgertum, das sich ein selbstständiges Serbien wünschte.
Eine Ausnahme unter all den taktierenden Verteidigern Serbiens machte Landwirtschaftsministerin Ivana Dulić-Marković mit einer persönlichen Erklärung. »Alle Worte, alle mächtigen Worte hätte ich aussprechen sollen, bevor die Verbrechen geschehen sind«, sagte die sonst zurückhaltende Fachpolitikerin. »Srebrenica ist kein Ort für das serbische Volk«, hatten in den Dörfern Ostbosniens schon bald nach dem Massaker die serbischen Bauern geflüstert. Die einfachen Leute hatten den Ton der nationalen Verantwortung gefunden. Nun war er, wenn auch sehr selten, in Belgrad ebenfalls zu hören.
Überdröhnt wurde der Ton der nationalen Verantwortung am letzten Junisonntag von der Rockband Bijelo Dugme (»Weißer Knopf«), einer Kultgruppe aus den siebziger und achtziger Jahren. Jugoslawische Fahnen wehten, die 200.000 meist jugendlichen Fans stimmten den Hit des Jahres 1987 an: »Steh auf und sing, Jugoslawien!« Das junge Publikum nimmt das selbstständige Serbien, das Projekt der Eltern, einfach nicht an. Es will weder auf mittelalterliche serbische Zaren stolz sein noch sich für Srebrenica schämen. »Die jungen Leute sind auf der Suche«, sagt Sonja Biserko, die selbst früher Diplomatin eines Landes war, von dem sie sagt, dass es »das nicht mehr gibt«. Über die Debatte nach dem Video vom Massaker urteilt sie: »Es ist wenig dabei herausgekommen.«
- Datum 07.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.07.2005 Nr.28
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