Das Schlimme kommt, das ist versprochen. Sind Sie schon mal so was mitgefahren?, fragt Mathias Wieland, der Pressemann vom Radsport-Team Gerolsteiner und lächelt diabolisch, als der Reporter verneint: Na, dann werden Sie heute Abend wissen, was man mit einem Auto alles anstellen kann.

Fährt Wolfgang Lötzsch den Wagen?

Hans-Michael Holczer, unser Teamchef. Lötzsch sitzt hinten, bei den Rädern. In dreißig Minuten geht’s los.

Hier rollt noch nicht die Tour de France. Dies ist die Tour de Suisse, in jedem Jahr die finale Prüfung vor dem Königsrennen. Der Schweizerhimmel blaut, die Alpengipfel gleißen, das liebliche Bürglen summt und brummt. Bergvolk strudelt durch die Gassen um das Wilhelm-Tell-Museum, vor dem der Ur-Eidgenosse die freiheitliche Bolzenschleuder präsentiert und sein Söhnchen Walter das pfeildurchbohrte Obst. Tags zuvor, auf der fünften Etappe, gab es den ersten Schweizer Sieg. Wie Tells Geschoss, so jubelt Blick , sei Albasini in Altdorf durchs Ziel geflogen. Das Volk fühlt ungebrochen national, obwohl im Profiradsport der Konzern das Heimatland ersetzt, weil nicht Länderteams kämpfen, sondern Rabobank gegen Crédit Agricole, Liquigas, Quickstep, Euskatel… Die Urner Kantons-Matadoren, die Gebrüder Zberg, fahren für Gerolsteiner, den zweiten deutschen Stall. Der erste ist T-Mobile. Dessen Star Jan Ullrich rollt eben zum Start, im Gelb des Spitzenreiters. Heute Abend wird er es verloren haben.

Dem fehlt der letzte Wille, spricht ein breites sächsisches Organ. Wenn der wollte, wie er könnte, hätte Armstrong keine Tour de France gewonnen. Na, der Ulle verdient auch als Zweiter ohne Ende. Wir sind ja damals für Holzteller und Plattenspieler gefahren.

Das ist Lötzsch? Der sagenumwitterte Lange , der Pistenfresser, Outlaw und Zerschmetterer der DDR-Elite? Es gibt Wissende, die halten Wolfgang Lötzsch für den größten deutschen Renner aller Zeiten, noch vor Rudi Altig, Olaf Ludwig, Täve Schur. Jetzt ist er Mechaniker von Gerolsteiner. Er hantiert am Materialwagen, verstaut Proviant, schraubt Rennmaschinen aufs Dach. Holczer kommt, der Chef: Los geht’s! Und es geht los.

Der Tross rollt auf der historischen Straße durch Uri – zunächst gemächlich, mit Pinkelpausen und Aug und Ohr für all die heile Welt. Samtbraune Holzhäuser in sattgrünen Matten, umstellt von Felsgetürm, umklungen vom Geläut der Tiere. Schon entspringen sieben Fahrer. Das Hauptfeld buckelt in langer Schlange bergauf, immer bergauf, durch Tunnel und Serpentinen, gen Hochalp-Pass. Die Schwächeren fallen ab. Ein Antlitz der Leiden, so keucht der Italiener Angelo Furlan die Alp hinan. Acht Resignierende werden diese Etappe im Besenwagen beenden. Holczer sagt: Gestern hat’s in Spanien wieder einen verbraucht.

Verbraucht?