Massaker Die toten Seelen von SrebrenicaSeite 6/6
Aco Perendić ist der Anführer der Gruppe. Der 27-Jährige leitet ein kleines Theater, das gerade von einer Tournee durch Kroatien, Serbien und Mazedonien nach Bosnien zurückgekommen ist. Er hat auch ein eigenes Drama verfasst. Es trägt den Titel »Fortschreitender Zerfall« und handelt von Menschen, die zu Robotern werden. Roboter, die auf Knopfdruck gedankenlos Befehle ausführen, sind das beste Kanonenfutter. »Wir wollen nicht in den Krieg ziehen«, heißt es auf Perendićs T-Shirt, »wir wollen reisen.« Bei der Eröffnung des Jugendzentrums tritt der Theatermann ans Mikrofon und zitiert Albert Einstein: »Ich weiß nicht, welche Waffen im nächsten Krieg zur Anwendung kommen, wohl aber, welche im übernächsten: Pfeil und Bogen.« Nationalistische Verblendung und Hass haben die Balkankriege geprägt. »Wir müssen Toleranz lernen«, sagt Perendić, dem die Gnade der späten Geburt eine Rekrutierung erspart hatte.
Religion und ethnische Zugehörigkeit spielen in der Gruppe der Fernstudenten, die den Bau des Jugendzentrums durchgesetzt haben, keine Rolle. »Wir sind sechseinhalb Serben und dreieinhalb Muslime«, rechnet Perendić durch und grinst. Die beiden Hälften zusammen sind Dejan. Er ist Sohn des muslimisch-serbischen Ehepaars Amira und Milos Milo Marković. »Manche Leute behaupten, Srebrenica habe keine Zukunft, es sei eine tote Stadt«, sagt der Student, »da bin ich anderer Meinung, wir müssen uns eben um eine bessere Zukunft bemühen. Wenn die Jugendlichen die Stadt verlassen, dann wird sie tatsächlich bald eine tote Stadt sein.« Er wünscht sich, einen Job zu finden, eine Familie zu gründen und in Srebrenica eine Zukunft zu haben.
Auch Begić, der Metzger und Tanzlehrer, will sich nicht damit abfinden, dass Srebrenica stirbt. Übers Internet hat er ein Motorradtreffen in Srebrenica organisiert. Über hundert Biker aus ganz Bosnien donnern auf schweren Maschinen heran. Begić hat seine Yamaha aus der Garage geholt und seine Lederklamotten mit dem Schriftzug »Harley Davidson« angezogen. Am Abend lassen die Biker dann Kinder auf dem Sozius Platz nehmen, kurven auf dem Schulhof herum und machen mit ihrem Krach den Rockgruppen aus Kroatien, Serbien und den Niederlanden Konkurrenz, deren Musik aus riesigen Lautsprecherboxen ins Tal hämmert. Hunderte Jugendliche - die Mädchen bauchfrei, die Jungen in Hiphop-Hosen - tanzen zur Musik. Alles tobt. Srebrenica lebt. Bis plötzlich der Strom ausfällt. Beweisen kann es niemand, aber alle halten es für Sabotage. Bestimmt haben die unten in Bratunac den Strom abgestellt. Genauso war es ja auch beim letzten Konzert vor einem Jahr. Srebrenica soll sterben, Srebrenica, wo wieder über 400 Muslime leben, der einzige Ort der bosnischen Serbenrepublik mit einem muslimischen Bürgermeister. Nein, an einen Zufall glaubt hier niemand. Man behilft sich mit einem Generator. Um fünf Uhr früh ist die Fete zu Ende.
Unten in Potocari, sechs Kilometer von Srebrenica entfernt, gegenüber der alten stillgelegten Batteriefabrik, wo einst die holländischen Blauhelme ihr Hauptquartier hatten, ist der große Friedhof. 1.327 Gräber in Reih und Glied, wie auf einem Soldatenfriedhof. Doch nicht Kreuze stehen über den Gräbern, sondern grüne Holzstelen, und sie tragen alle dieselbe Inschrift: »Juli 1995«. Später, wenn sich die Erde dann gesenkt hat, wird man sie durch weiße Steine ersetzen. Am 11. Juli, am zehnten Jahrestag des Falls von Srebrenica, werden noch einmal über 500 Opfer des Massakers hier begraben werden. 30.000 Trauergäste werden erwartet. Aber noch herrscht Ruhe in Potocari.
Eine alte Frau kommt die Straße herunter, in einer dimje , der traditionellen Pluderhose der Musliminnen, einen selbst gepflückten Blumenstrauß in der Hand. »Alle Ehre den Vätern«, sagt sie, »aber Mutters Schmerz ist der größte. Ich habe sie alle großgezogen, ausbilden lassen und ihnen die Hochzeit finanziert. Meine Söhne waren Schreinermeister, während des Krieges haben sie Beinprothesen hergestellt ...« Ihre Stimme erstickt. Einer ihrer Söhne wird noch immer vermisst, wie auch weitere sechs Verwandte. Sie begibt sich zur Gruppe der Witwen, die am Eingang des Friedhofs steht.
Plötzlich kommen die Biker angedonnert, manch einer mit Braut auf dem Sozius, und stören die Totenruhe. Auch Ahmo Begić, der Tanzlehrer und Metzger, ist unter ihnen. Die Witwen drücken sich an die Mauer. Die Biker parken ihre Maschinen, setzen den Helm ab, gehen breiten Schrittes auf die Witwen zu und überbringen ihnen Geschenke. Wortlos. Dann setzen sie sich wieder auf ihre Motorräder und brausen davon. Der Lärm ebbt ab. Die alte Frau mit dem Blumenstrauß winkt den Bikern mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung hinterher. In Srebrenica kehrt wieder Ruhe ein. Die Stadt fällt wieder in ihre Depression zurück.
- Datum 10.09.2008 - 14:56 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.07.2005 Nr.28
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