Schon höre ich es: Der Alsmann ist rückwärts gewandt! Dabei bin ich das weitaus weniger, als viele glauben. Aber ich wünsche mir das Radio so, wie es früher war. Das ist mein Traum. Eine Radiowelle, die für jeden etwas hat. Damit man nicht dauernd den Sender wechseln muss, wenn man morgens beschwingte Musik, mittags zwei Stunden Information und abends ein Hörspiel haben möchte. Die Leute in den Anstalten glauben offenbar, dass jemand, der einem Alltagsinformationssender mit Verkehrshinweisen und Bundesligakonferenzschaltung den Vorzug gibt, unbedingt anglo-amerikanische Rockmusik hören will. Das scheint in den Köpfen mancher Leute eine Einheit zu sein. Und wenn jemand deutschsprachige Musik, Schlager oder Volkstümliches hört, dann ist die Person angeblich an Information nicht interessiert. Gründliche Interviews, Reportagen oder Hörspiele müssen dagegen in einem staubtrockenen, musik- und unterhaltungsfreien Raum stattfinden, als hätten die Taliban die Programmdirektion übernommen.

Ich habe oft erlebt, dass nach meinen Konzerten junge Leute mit Mikrofonen vor mir standen und wollten, dass ich für sie eine "Station-ID" spreche, also eine Rundfunkstationskennung. Ich frage dann immer: Spielt ihr auch meine Platten? Nein, nein, heißt es dann, wir spielen nur englischsprachige Songs, nein, nein, wir spielen nichts mit Klaviersoli. Dann verweigere ich mich. Ich will einfach nicht verstehen, dass man eine Rhythmusmaschine drunterlegen muss, um das Wetter anzusagen. Andererseits ist auf vielen Stationen, die hauptsächlich Musik in deutscher Sprache spielen, eine Betulichkeit ausgebrochen, die an ein Seniorenstift erinnert.

Jetzt sagen manche bestimmt: Dann hör doch was anderes oder schalte ab. Nein. Ich fordere mein Recht auf gute Radiounterhaltung! Rundfunk ist doch weit mehr als Fernsehgrundversorgung. Die schnelle Information, die man viel besser nebenbei aufnehmen kann als aus dem Fernsehen. Doch leider ist genau zu jener Tageszeit, da die Leute Radio hören, die sich ganz bewusst gegen das Fernsehen entschieden haben, erschreckend wenig Esprit zu hören. Dabei könnte sich der Rundfunk dieses Abendpublikum mit Liebe heranziehen. Aber leider sind in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren monströse Rundfunksysteme aufgebaut worden, riesige Wasserköpfe, die man nur von Herzen verachten kann.

Doch es gibt auch grüne Auen. Bei WDR4 zum Beispiel merkt man, wie sich das Programm im Laufe des Tages verändert. Morgens ist neuer, deutscher Schlager zu hören, in all seiner musikalischen Bescheidenheit, im Laufe des Tages verschiebt sich die Musikfarbe immer mehr in Richtung Unterhaltungsmusik und Easy Listening. Man spielt ambitioniertere, deutschsprachige, sogar neue Songs, und abends ab 20 Uhr lebt das Radio auf, wie es früher überall war: Mit moderierten Musiksendungen von wirklichen Enthusiasten und Fachleuten. Das macht Spaß! Und diese Sendungen sind erfolgreich.

Dennoch gibt es auf den als "Servicewellen" ausgewiesenen Kanälen der Öffentlich-Rechtlichen einen Formatradioterror, wie er von den privaten Das Beste aus den 70ern/80ern/90ern und das Geilste von heute- Sendern nicht schlimmer dargeboten werden könnte. Dazu dürfen wir nicht schweigen! Was also tun? Die Hörer könnten etwas dagegen tun. Ich fürchte nur, die Lust der Menschen, dafür auf die Straße zu gehen, ist begrenzt.

In meinem Traum stürmen die Hörer die so genannten lokalen Rundfunksender! Und auf einmal merken sie, dass das Musikprogramm zentral gesteuert ist. Es gibt zwar lokale Werbung und einen Zwei-Minuten-Bericht über den heimatlichen Fußballverein, aber Musiker aus der Region haben überhaupt keine Chance.

Nein, ich bin nicht glücklich mit dem Radio. Obwohl es doch eigentlich das tollste Medium überhaupt ist. Man braucht nur einen Techniker – und mich. Früher, 1985, als ich anfing beim Radio, da hab ich mir immer noch Fotos hingelegt. Ich habe mir die Leute vorgestellt, für die ich sende, dachte, das geht dann leichter. Nach ein paar Sendungen habe ich die Anonymität als Chance begriffen. Die ersten Jahre war ich unter dem Pseudonym Professor Bop auf Sendung. Das war der Name eines 40er-Jahre-Diskjockeys, dessen Jingle ich hatte und dessen Identität ich quasi angenommen hatte.