Elias Cangela ist nicht zu beneiden. Der Beamte der mosambikanischen Katastrophenschutzbehörde bereitet Land und Leute auf sämtliche möglichen Notfälle vor. Er ist zuständig für drei Distrikte der Provinz Inhambane, ein Gebiet von der Größe Hessens. Der Schreibtisch des Einzelkämpfers steht in einem Nebenraum des Sozialamts der Kleinstadt Vilankulo. Hier gibt es weder Strom noch einen Telefonanschluss. Die Akten muss er mit Plastikplanen gegen Regen schützen, das Wellblechdach hat große Löcher. "Ich habe noch nicht mal ein Fahrrad", sagt Cangela. Gerade ist er von einer Dienstreise in ein Dorf am hochwassergefährdeten Fluss Save zurückgekommen. Zwei Tage war er unterwegs, denn Minibusse verkehren nur auf größeren Pisten. Die letzten 17 Kilometer musste er mit einem Stoß Informationsmaterial auf dem Rücken durch die heiße Savanne laufen – an einem Tag hin, am nächsten zurück.

Auf der Straße vor Cangelas Büro rumpeln unterdessen die klimatisierten Geländewagen internationaler Hilfsorganisationen vorbei. An bunten Aufklebern ist leicht zu erkennen, wem sie gehören: Care, Dänischer Entwicklungsdienst, USAid, Jesus Alive, Deutsche Welthungerhilfe. "Nein, neidisch bin ich nicht", sagt Cangela bescheiden, "mein Verhältnis zu den Organisationen ist gut. Manchmal nehmen sie mich sogar mit, wenn sie aufs Land fahren."

Die Situation im mosambikanischen Hinterland ist typisch für große Teile der so genannten Dritten Welt. Der staatliche Katastrophenschutz liegt in den Händen einer mittellosen Bürokratie, die im besten Fall guten Willen zeigt. Die Folgen spiegeln sich in der Statistik. Über 95 Prozent aller Opfer von Naturkatastrophen leben in armen Ländern – wobei die über 200000 Tsunami-Opfer noch nicht einmal mit eingerechnet sind. Vorbeugung findet kaum statt, und im Fall der Fälle muss die Nothilfe aus dem Ausland kommen. In Mosambik untersteht die Katastrophenschutzbehörde deshalb auch nicht dem Innen-, sondern dem Außenministerium.

Ihre letzte große Bewährungsprobe liegt fünf Jahre zurück. Im Februar und März 2000 waren außergewöhnlich starke Regenfälle im zentralafrikanischen Hochland mit einem Zyklon zusammengetroffen und hatten selbst kleine Flüsse in riesige Seen verwandelt. Eine Fläche von der Größe der Schweiz stand über Wochen unter Wasser. Zwei Millionen Menschen mussten fliehen oder verloren ihren Besitz, 700 ertranken.

Ein Fahrrad für den Krankentransport und ein Radio für den Wetterbericht

Die Welt hätte von der Katastrophe wohl so wenig Notiz genommen wie Monate später von dem verheerenden Erdbeben im indischen Bundesstaat Gujarat, bei dem 19000 Menschen starben. Doch dann wurde Sophia Carolina gerettet, und zufällig war eine Kamera dabei. Hochschwanger hatte die Bäuerin drei Tage in einem Baumwipfel gesessen und dort oben ihre Tochter Rosita geboren – ein Hubschrauber aus dem Nachbarland Südafrika brachte sie schließlich in Sicherheit. Die Bilder der dramatischen Rettung von Mutter und Kind gingen um die Welt, plötzlich flossen die Hilfsmillionen. Auch das ist typisch für Katastrophen in armen Ländern. Ob und wie viel Hilfe eintrifft, ist von Zufällen abhängig. Und ob die Hilfe den Menschen eher nützt oder schadet, zeigt sich erst Jahre später.

Das gilt auch für die Milliarden, die seit der Tsunami-Katastrophe nach Südasien fließen. Über 500 Millionen Euro wurden allein in Deutschland für die Opfer gespendet. Nur ein kleiner Teil wurde für die erste Nothilfe verbraucht, der große Rest fließt nun in Wiederaufbau und Prävention. Möglichst gerecht soll es dabei zugehen und möglichst nachhaltig sollen die betroffenen Gebiete vor der nächsten Katastrophe geschützt werden. So ist es in Tausenden Projektanträgen und politischen Stellungnahmen zu lesen. Ob das in Asien klappen wird, lässt sich heute noch nicht beurteilen. Aber der Blick auf Mosambik, die ehemalige portugiesische Kolonie am Südostzipfel Afrikas, in der die große Flut jetzt fünf Jahre zurückliegt, macht deutlich, wo die Probleme liegen.

"Auf die nächste Überschwemmung sind wir vorbereitet", sagt Ester Maxamba. Stolz zeigt die 40-jährige Bäuerin aus Begaja, einem kleinen Dorf in der zentralmosambikanischen Provinz Sofala, die Ausstattung des lokalen Katastrophenschutzkomitees: ein Fahrrad für den Transport von Kranken und Verletzten, ein Radio zum Empfang der Wettervorhersage, ein Megafon und drei bunte Fahnen, um die Bevölkerung zu warnen. "Blau bedeutet, dass ein Zyklon in zwei Tagen kommen kann, Gelb, dass er nur noch zwölf Stunden entfernt ist, und die rote Fahne hissen wir, wenn der Wirbelsturm in den nächsten sechs Stunden erwartet wird", sagt Maxamba. "Dann bringen wir unsere Vorräte in Sicherheit und beginnen mit der Evakuierung der Kranken."