Washington
Der Anschlag in London hat in Amerika zunächst vertraute Reflexe wachgerufen. Der Streit um die beste Strategie im Kampf gegen den Terror hat das Land tief gespalten, und deshalb wird jede neue Attacke als Beleg der eigenen Weltsicht gesehen. Typisch ist ein kleines Gefecht, in das Leser der New York Times einander gleich nach dem Frühstück auf der Website der Zeitung verwickeln. So schreibt ein Leser: "Wenn George Bush sich um al-Qaida gekümmert hätte statt den Irak anzugreifen, wäre es womöglich nicht zu diesem Tag gekommen." Darauf sieben Minuten später folgende Antwort: "Ich muss mich doch wundern, dass die linksliberale Antwort auf diese Anschläge immer ist, George Bush zum Schuldigen zu erklären. Glücklicherweise haben die Briten 1940 gezeigt, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Deshalb ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie die Spanier kopieren und die Flucht ergreifen." Entlang dieser Linie dürfte die Diskussion in den kommenden Tagen weiter gehen.

Natürlich ruft jeder Anschlag auf eine grosse Stadt des Westens gerade in Amerika die Erinnerung an die Attacke auf New York und Washington im September 2001 wach. Das war schon beim Bombenattentat auf die Vorortzüge von Madrid so. Alle Kommentaren sind voll des Lobes über die professionelle Katastrophenhilfe in London und die stoische Gelassenheit der Engländer, die in Amerika als eiserne Entschlossenheit verstanden wird. Die britische Botschaft in Washington wird überflutet von Gesten des Mitgefühls, so dass am frühen Nachmittag Botschafter Sir David Manning vor die Presse tritt und sich für die spontane Solidarität der Amerikaner bedankt. Weil die Bilder aber so schrecklich vertraut sind, fragen sich die amerikanischen Analytiker vier Jahre nach dem Anschlag auf das eigene Land nun, ob die "neue Normalität" eines Lebens ohne Anschläge nicht doch eine Schimäre war.

Nicht nur hat Außenministerin Condoleezza Rice ihren britischen Kollegen Jack Straw sofort angerufen, um amerikanische Hilfe anzubieten. Ein Team von FBI-Ermittlern ist bereits auf dem Weg nach London. Das Heimatschutzministerium erhöhte die Warnstufe für den öffentlichen Nahverkehr der Städte auf "Code Orange". Diese Farbeinteilung ist in Amerika äusserst umstritten. Was sie bewirkt, ist vielen nicht recht klar. Immerhin setzt die Ausrufung der Warnstufe eine Kette von Massnahmen in Gang. In Washingtons U-Bahn sind schon am Morgen Beamte mit Maschinengewehren sowie Spürhunde zu sehen. Minister Michael Chertoff will Pendler "nicht davon abhalten, den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen". Allerdings bittet er die Fahrgäste, "besonders aufmerksam" zu sein. Tatsächlich erhalten Passagiere der New Yorker U-Bahn binnen Stunden Hinweise, wie sie Selbstmord-Attentäter erkennen könnten. Beobachter berichten von Zufallskontrollen durch Zivilbeamte in New York. Derweil herrscht in Washington kurzfristig Aufregung, weil "ein verdächtiges Paket auf der Toilette einer U-Bahn Station gefunden" wird. Und direkt vor der Union Station, keine zwei Strassenblocks vom amerikanischen Parlament entfernt, liegt ein brauner Koffer mitten im Kreisverkehr. Es dauert nur Minuten, bis die ganze Gegend abgesperrt ist. Der Koffer, so stellt sich heraus, ist harmlos. Und Heimatschutzminister Chertoff beruhigt, es gebe keinen Hinweis daraus, dass ein ähnlicher Anschlag in den Vereinigten Staaten geplant sei.