Tacit knowledge
Es gibt Reaktoren, die sich deutlich besser als die weltweit derzeit üblichen "Leichtwassereaktoren" zur Herstellung von Plutonium eignen: Schnelle Brüter und Schwerwasserreaktoren. In beiden Reaktortypen ist der Umwandlungsprozess von U-238 in Pu-239 keine Nebensache, sondern gehört zu deren tragenden Prinzipien. In militärischen Atomprogrammen, die auf Plutonium gründen, werden daher vorzugsweise diese beiden Typen verwendet. Iran baut einen Schwerwasserreaktor.
Zu bedenken ist freilich, dass militärisch nutzbares Plutonium keineswegs fix und fertig aus Kernreaktoren gleich welchen Designs kommt; vielmehr muss nach der Bestrahlung der Brennelemente noch ein chemischer Prozess angeworfen werden, um das Plutonium aus dem Gemisch der radioaktiven Materialien herauszutrennen. Zwar gibt es Designstudien aus Amerika, die nahelegen, dass eine solche Wiederaufarbeitungsanlage für militärische Zwecke keineswegs ein gigantisches Industriegebäude füllen muss – dennoch, sie heimlich einzurichten ist schwierig, und sie zu betreiben erst recht, wegen ihrer charakteristischen Emissionen in die Umwelt.
Letztlich ist der Weg zur Bombe über das angereicherte Uran der einfachere. Immerhin ist es ein Weg, für den kein Atomreaktor vonnöten ist – das wusste auch Iraks Diktator Saddam Hussein, als er sich nach der Zerstörung seines Kernreaktors "Osirak" durch die Israelis daran machte, anstelle mit Plutonium sein Waffenprogramm mittels Urananreicherung fortzuführen. Überdies muss eine Uranwaffe des "Kanonenkugel-Typs" nicht mehr getestet werden: Man weiß einfach, dass sie funktioniert.
Womit nicht gesagt werden soll, dass ihre Herstellung ein Kinderspiel sei. Denn selbst in dem Fall, dass die Anreicherungstechnik qualitativ und quantitativ ausreicht, dermaßen große Mengen Waffenurans herzustellen, dass ein simples Design genügt, selbst dann ist erhebliches Know-how vonnöten, noch dazu eines, das nicht aus Lehrbüchern oder Anleitungen oder Konstruktionszeichnungen abgeleitet werden kann.
Das fertigungstechnische Wissen von den Feinheiten der Metallurgie und der Handhabung ist typischerweise das, was Wissenschaftstheoretiker tacit knowledge nennen, "schweigendes Wissen" also, das aus Erfahrung besteht und sich selten nur im Kopf eines Einzelnen befindet, sondern vielmehr ein auf ganze, oft größere Kollektive verteiltes Handlungswissen.
Ohne eine weit gefächerte nationale Wissensbasis kann es eine iranische Bombe nicht geben, es sei denn, man kauft sie sich fix und fertig woanders ein (das wäre die Option, die den schwerreichen Saudis offen steht, sollte es in der Region zu einem nuklearen Wettrüsten kommen).
Mehr noch: Sämtliche Atomwaffenprogramme, das amerikanische, russische, chinesische, britische, französische, indische, pakistanische, brasilianische, südafrikanische oder sogar das nordkoreanische, sind bisher in Wahrheit internationale gewesen – die Ausnahme ist das deutsche Atomwaffenprogramm, das bekanntlich nichts Nennenswertes zustande brachte.
Dieser Artikel ist in ähnlicher Form am 24.07.2005 auf ZEIT ONLINE erschienen
- Datum 10.02.2010 - 10:20 Uhr
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