Liebe Soldatinnen, liebe Soldaten, meine Damen und Herrn, über das "Dritte Reich" werden Sie leidlich Bescheid wissen. Das Dumme ist nur, dass die Vergangenheit heute vor allen Dingen durch ihre Fixierung in den Medien, Film und Fernsehen verschwimmt. Hier an diesem Ort, in dem Gebäude einer einstigen NS-Ordensburg, scheint sie zwar besonders präsent zu sein. Jede Denkmalschutzbehörde kann nur davon träumen, eine Kulisse derart rein erhalten zu können. Aber das ist für Sie eine weitere Falle. Denn die Kulisse ist nicht gerade erleichternd. Es ist ja nicht so, dass man sich trotz einer solchen Architektur mühelos als Demokrat bewähren kann, es erfordert doppelte Anstrengung. Denn eine derartige Architektur präformiert natürlich das Bewusstsein, und, was fast schlimmer ist, sie präformiert die Haltung, schon die körperliche. Das Gebäude trägt zwar inzwischen den Namen meines Großvaters, des Genralobersten Ludwig Beck, der aus der militärischen Tradition zum Widerstand gegen Hitler fand. Aber welchen Nutzen könnten Sie aus seinem Beispiel ziehen? Wie war es überhaupt möglich, dass ein erfolgreicher Offizier, immerhin Chef des Generalstabs, als Haupt einer Verschwörergruppe endete? War er immer schon auf der anderen Seite? Hat er die Seiten gewechselt?

Beides ist falsch. Das Leben ist meistens gemischt. Es gab einen Prozess. Diesen Prozess möchte ich als das Exempel darstellen, das für jeden Gültigkeit hat, der in derartige Prozesse einbezogen wird. Die historische Situation von damals ist natürlich mit der heutigen nicht zu vergleichen und wird sich auch so nie wiederholen. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Wohl aber können auch heute Situationen auftreten, in der militärische Führer sagen müssten: Das ist mit meinem Gewissen nicht zu vereinbaren. Sie selbst kennen solche Konflikte. Beispielsweise hätten Sie die Rechtmäßigkeit des Kosovo-Krieges infrage stellen können. Beispielsweise wurde in Afghanistan gekämpft, ohne dass ein Krieg erklärt worden war. Das waren keine Eroberungskriege, doch auch bei den humanitären Interventionen gibt es erhebliche Grauzonen.

Warum ist Beck 1938 zurückgetreten? Zunächst aus einem technischen, militärtechnischen Grund: Er befand, dass Hitlers Armee für einen Krieg unzureichend gerüstet war. Er wollte als Chef des Generalstabs nicht die Verantwortung für ein Abenteuer übernehmen. In diese Perspektive können Sie sich auch heute hineinversetzen: Soll man im Sudan intervenieren, mit einer Bundeswehr, die noch nicht einmal in der Lage ist, ihre Truppen in Afghanistan wirkungsvoll zu schützen, wenn sie ernstlich in Gefahr geraten? Bei jeder Gedenkrede zum 20. Juli wird Beck dafür gelobt, dass er sich geweigert hat, Soldaten leichtsinnig zu opfern. Wie aber sorgt man heute dafür, dass unsere Leute nicht in Situationen geschickt werden, für die sie nicht ausgerüstet sind?

Der Weg meines Großvaters in den Widerstand lehrt vor allem, sich vor der propagandistischen Verklärung militärischer Heldentaten zu hüten. Anders als viele Offiziere der Wehrmacht, die schon vor Kriegsbeginn der Agitation der Nazis zum Opfer gefallen waren, hat Beck sich niemals auf Propaganda eingelassen. Er beharrte darauf, nachzudenken. Nachdenken ist aber etwas, das mit Gehorsam und Gehorsamsbruch unauflöslich verbunden ist. Ein Gehorsam, der nicht auch den Gehorsamsbruch kennt, ist kein Gehorsam, sondern die bloße Pawlowsche Reaktion, eine reine Dressurnummer. Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt hat aus Anlass der Wehrmachtsausstellung einmal geschrieben: "Häufig sind auch Angehörige des Widerstandes nicht Opponenten aus einem Guss gewesen. Die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 waren wohl für die meisten von ihnen ein Lernprozess. Die Gestalt des Generalobersten Beck kann hierfür als exemplarisch gelten." Der Dichter Heinrich Heine sagte übrigens beiläufig, Vernunft sei immer demokratischer Natur. So gesehen, wäre mein Großvater ein in der Wolle gefärbter Demokrat gewesen, obwohl er sich das selbst politisch kaum hätte träumen lassen.

Dieser Tage ist ein Buch über die Bundeswehr erschienen, von Detlev Bald (Die Bundeswehr. Eine kritische Geschichte), und was mich an seiner lakonischen Darstellung am meisten erschüttert hat, sind eine Reihe von Fakten, die das Stichwort Kontinuität betreffen. Noch 20, 30 Jahre nach Kriegsende reagierte die Hardthöhe bei jeder Enthüllung über das, was die deutsche Wehrmacht angerichtet hatte, als wäre es ein Angriff auf die bestehende Bundeswehr. Der Bruch ist offensichtlich nicht hinreichend vollzogen worden. Diese Frage nach Kontinuität und Nichtkontinuität war auch das Problem des Generalstäblers Beck, der vom Kaiserreich über die Weimarer Republik in den NS-Staat – sagen wir: hinüberamtiert hat. Das ist ein Kontinuitätsproblem, von dem man viel lernen kann, vergleicht man nur die Bundeswehr mit der Wehrmacht, die Bundeswehr mit der einstigen Nationalen Volksarmee, den alten bloßen Verteidigungsauftrag der Bundeswehr mit ihrem heutigen Einsatzauftrag, nach dem Stichwort: "Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt."

Was würde Beck zu Out-of-area-Einsätzen sagen? Er würde wahrscheinlich sagen, wenn ich mich in ihn hineinversetzen kann, solche Einsätze seien dann möglich, aber auch nur dann, wenn sie der inneren Vernunft einer ausreichend schlagkräftigen Truppe und der äußeren Vernunft eines gerechtfertigten Einsatzzieles genügen. Wenn nicht, wenn es sich eher um eine Mischung aus erhöhtem Risiko und Theaterdonner auf der einen Seite und politisch ungefestigter Interessenwahrnehmung auf der anderen Seite handelt, hätte er solche Einsätze wahrscheinlich abgelehnt. So würde das ja auch heute jeder vernünftige Bürger in Uniform oder jeder Soldat ohne Uniform – wenn wir den Bürger einmal spaßeshalber so definieren wollen – sehen. Das Verrückte ist freilich nur, dass die riskantesten Einsätze oft damit begründet werden, riskante Einsätze vermeiden zu wollen. Die ganze aberwitzige Geschichte der atomaren Abschreckung während des Kalten Krieges ist ein Paradebeispiel dafür. Detlev Bald schreibt: "Laien fällt es schwer sich vorzustellen, in welchen Vernichtungswelten Soldaten bis Mitte der neunziger Jahre eine Verteidigung dachten."

Sidney Pollacks Film The Interpreter, der in den letzten Wochen in den Kinos zu sehen war, hat die Pointe, dass jeder Krieg einen internationalen Gerichtshof braucht, um nachträglich die Verantwortung wiederherzustellen. Diese nachträglich hergestellte Verantwortung ist aber nicht die, die vorher und während des Krieges galt beziehungsweise vorgeschoben wurde. Die Wiederherstellung ist niemals eine wirkliche Wiederherstellung. Offensichtlich jedoch kann man ohne Verantwortung nicht leben, und wer sie vorübergehend aussetzt oder sich von ihr lossagt, muss nachher so tun, als könne er sie wieder zurückerobern. Ein Reinwaschungsprozess, eine nachträgliche Retusche, wie beim Irak-Krieg. Wobei der Verantwortungskonflikt im Irak-Krieg, und da sind wir wieder bei Beck, noch nicht einmal das Schlimmste war, sondern der bewusste Einsatz von Lügen auf Seiten von Bush und Blair, um zu demonstrieren, dass man verantwortungsvoll handelt, handeln wird, und im Nachhinein, dass man verantwortungsvoll gehandelt hat. Die letzte Lüge in diesem Gespinst ist also die, dass man nicht gelogen hat. Ich will damit sagen – darum dieser Lügenexkurs: Beck hat offenbar nie gelogen. Sein Schweigen war ein beredtes Schweigen, und es hieß unter anderem auch, keine Lüge in die Welt setzen wollen.