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Schwarz auf weiß: Im Mainzer Gutenberg-Museum zeigt Martin Welke, wie die Presse seit 400 Jahren Geschichte macht von 

Neu, neu, immer und absolut neu muss die Welt für die Zeitung sein, für Fernsehen, Radio und Internet sowieso, unerhört und noch nie da gewesen. Nichts langweiliger als die Zeitung von gestern, die Wiederholung. Und nichts stimmt den Zeitungsmann verdrießlicher als der Gang ins Archiv des eigenen Blattes, wo er wieder einmal aus den staubseufzenden Seiten längst vergilbter Jahrgänge verbittert zur Kenntnis nehmen muss: Alles schon geschrieben und gedruckt. Alles schon erklärt und kommentiert, alles schon gegeißelt, behudelt, verlacht und bepriesen.

Dies ist keine schöne journalistische Selbsterfahrung, und so kann es auch niemanden aus dem Metier resp. Milljöh verwundern, dass es in keiner der bedeutenden deutschen Zeitungsstädte so etwas wie ein Pressemuseum gibt. Das heißt, in Hamburg befindet sich eins im Aufbau; der Himmel weiß, wann es eröffnet wird.

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Ein fabelhaftes privates Pressemuseum gab es allerdings bis Ende der achtziger Jahre in Meersburg am Bodensee. Gegründet und aufgebaut hatte es ein Historiker aus Bremen: Martin Welke, Zeitungssammler und -sucher aus Leidenschaft, ein Pressebesessener. Inzwischen hat er sich mit seiner einzigartigen Sammlung nach Mainz gewandt, und hier im Gutenberg-Museum zeigt er jetzt, zum 400. Geburtstag der Zeitung, eine faszinierende Austellung zu diesem immerjüngsten Gewerbe der Welt.

Denn natürlich war im Anfang das Gewerbe, das Geschäft. Schon die Geburtsurkunde belegt es. Welke fand sie im Archiv. Es ist die Bitte des Straßburger Nachrichtenhändlers Johann Carolus an den Rat der Stadt, sein junges Unternehmen doch bitte vor unlauterem Wettbewerb zu schützen. Nachdem er zuvor handgeschriebene Neuigkeiten verbreitet habe, vertreibe er seit zwölf Wochen gedruckte. Das war im Oktober 1605 und ist die welterste Erwähnung einer Zeitung überhaupt, der Zeitung, wie wir sie heute kennen, schwarz auf weiß; dawar der Gutenbergsche Buchdruck immerhin schon anderthalb Jahrhunderte alt. Leider hat sich bisher kein Exemplar dieses Jahrgangs gefunden. Aber neben Carolus’ wertem Schreiben begrüßt den Besucher auch das erste erhalten gebliebene Exemplar einer Zeitung. Es ist vier Jahre jünger und stammt ebenfalls aus der Nachrichtenmanufaktur des Johann Carolus.

Technik und Zensur, hungerndes Engagement und dickes Geschäft

So viel zur Geschäftsgrundlage. Heroisch geht es dann später zu, wenn die Pressegeschichte zur Freiheitsgeschichte wird (schon drollig in einer Stadt wie Mainz, die von ihrer eigenen Freiheitsgeschichte bis heute nichts wissen will!). Die Ausstellung öffnet das Pantheon und erinnert an die Unsterblichen und ihre Schicksale. An Schubart, den Württembergs Herzog 1777 für Jahre in den Kerker warf. An Louise Otto, die 1848/49 den Frauen das Recht erstritt, selber Zeitung zu machen. An Carl von Ossietzky und all die anderen, die bis in die letzten Tage der Weimarer Republik versucht hatten, mit ihrer Schreibmaschine die deutsche Höllenfahrt aufzuhalten. Und schließlich an die, die in der DDR darum gekämpft haben, dem Stasi-Staat Öffentlichkeit abzutrotzen.

Doch sie vergisst auch jene nicht, die tatsächlich vergessen sind. Wie Gottfried Eisenmann, einen braven, konservativen Zeitungsmann aus Würzburg, der nach dem Hambacher Fest ins Visier der Zensoren geriet. 15 Jahre sperrte ihn die Münchner Obrigkeit schließlich weg; erst 1847, kurz vor der Revolution, kam er wieder frei. So viel zur Liberalitas Bavariae, mit der ja noch 1962 der Spiegel seine ganz eigenen Erfahrungen machen musste.

Die Ausstellung, in der klaren Architektur von Marcus Hofbauer und mit dem grafischen Konzept von Christiane Landgraf geschickt präsentiert, zeigt immer beides: Hardware und Software, Technik und Zensur, hungerndes Engagement und dickes Geschäft. Wir sehen die Stiefel des Postreiters, der in den allerersten Jahren die Zeitung übers Land brachte, und die gewaltigen Fernschreiber, die gestern noch High Tech waren; die Tickermeldung der dpa aus Ost-Berlin vom 9.November 1989 hängt gleich daneben. Die Geschichte der Zeitungsdruckkunst wird so lebendig illuminiert wie die Geschichte des Vertriebs. Hier steht der Eil-Lieferwagen BMW DA 2 von 1931, der es immerhin schaffte, mit einer Spitzengeschwindigkeit von 75 Stundenkilometern den Mühlhäuser Anzeiger unters Volk zu fahren, eine Etage tiefer – die Austellung erstreckt sich über vier Ebenen – lassen wir uns den Nachbau einer Presse erklären, an der Benjamin Franklin gearbeitet hat. Oder eine Originalmaschine, die 1845 zum ersten Mal Holzschliffpapier bedruckte, das typische Zeitungspapier.

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