neuwahlen 2005 Alles auf eine KarteSeite 4/4
Wenn die Union mit ihrer Programmatik tatsächlich fast alles auf eine Karte, auf das bessere Handwerk, setzt, dann bewegt sie sich nicht auf goldenem Boden, sondern auf dünnem Eis. Eine Regierung, die – zumindest noch – wenig Charisma zu bieten hat, die auf Pathos weitgehend verzichtet, die keine Wohltaten zu verteilen hat, die sich nicht traut, die neue Freiheit auszurufen, eine solche Regierung hat wenig Kredit. Zwei, drei grobe Fehler, ein Start, der holprig wird, und sei es auch nur so wie bei Helmut Kohl im Jahre 1982 – schon ist die Aura der zuverlässigen Politarbeiter mit dem Bleistift hinterm Ohr dahin.
Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen. Zum einen wird man sich überlegen müssen, gewissermaßen nachzuphilosophieren, mehr Sinn, mehr Pathos und mehr Werte einzubringen. Zum anderen müssten die Christdemokraten versuchen, mit (fast) heiligem Ernst politische Usancen der alten Bundesrepublik zu überwinden. Der Bundeskanzler hat bei seiner Rede zur Vertrauensabstimmung einen sehr klugen, für ihn durchaus auch tragischen Satz gesagt: »Wenn wir Energien freisetzen, Bewegung ermöglichen und weitere Reformen in Gang setzen wollen, dann müssen wir auch mit den üblichen Regeln der politischen Mechanik, mit der Physik der Macht gleichsam, brechen.«
Dass wahrscheinlich nun ausgerechnet eine Physikerin darangehen muss, politische Naturgesetze zu überwinden, ist nun wieder eine heitere Pointe dieses herben politischen Sommers.
- Datum 14.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.07.2005 Nr.29
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