Hortensienstrasse 41, Berlin Unter Helden

Mehrere Familien der Widerstandsbewegung gegen Hitler lebten als Nachbarn in Berlin-Lichterfelde. Dort wuchs auch unser Autor Jens Jessen auf. Sein Großvater wurde nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet

Manchmal träume ich von der Hortensienstraße. Es ist immer der gleiche Traum. Ich versuche, mit einem kleinen Auto, vielleicht ist es sogar ein Tretauto, in die Straße hineinzufahren. Aber das Auto, so klein es ist, ist nicht klein genug für die Hortensienstraße. Wir bleiben stecken. Ich falte das Auto zusammen und klemme es unter den Arm; aber selbst so sind wir nicht dünn genug. Es ist ganz offensichtlich: Eine Rückkehr in die Hortensienstraße ist genauso unmöglich wie die Rückkehr in den Mutterschoß.

Die Hortensienstraße in Berlin-Lichterfelde, die Straße meiner Kindheit, hat auch heute noch, bei Tage und für meinen erwachsenen Blick, eine unheimliche Seite. Wenn man vom S-Bahnhof Botanischer Garten, der mit herrischer Gründerzeitgeste in den Himmel strebt, rechts in die Straße biegt, ähnelt sie einem dunklen Trichter, der sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verengt. Nach wenigen Schritten bleibt von ihr kaum mehr als ein mit Kopfsteinen gepflasterter Feldweg, auf der einen Seite bewachsen mit kleinen, kränkelnden Reihenhäuschen aus den zwanziger Jahren, auf der anderen Seite mit großen knorrigen Mietshäusern, von großbürgerlich bis elend. Am Ende verliert sich die Straße und läuft in ein winziges Rinnsal aus, das in den Hindenburgdamm mündet.

Da hat die Straße aber schon ihren Namen gewechselt und den urbanen Bewuchs verloren. Als Resedenstraße wird sie rechts von Schrebergärten, links von einem ehemaligen Straßenbahndepot gesäumt. Wahrscheinlich ist es bezeichnend, dass sich dieses unrühmliche Ende, der Wurmfortsatz der Hortensienstraße, am rücksichtslosesten modernisiert hat. Das bröckelnde Straßenbahndepot ist zu einer Niederlassung der Bayerischen Motorenwerke geworden, die Schrebergärten sind gepflegt und haben ordentliche Zäune statt der alten Umgrenzung aus Bierflaschen, von denen meine Schwester seinerzeit glaubte, sie wären von den Bewohnern einzeln ausgetrunken worden, bevor sie mit dem Hals voran in den märkischen Sand gesteckt wurden.

Wahrscheinlich hatte meine Schwester Recht. Heute jedenfalls sind die Flaschen verschwunden wie das dazugehörige Milieu. Was ist aus dem dreirädrigen Lastwagen geworden, dessen Fahrer frühmorgendlich nach »Alteisen, Lumpen, Papier« schrie? Was aus dem Bettler, der meinen Vater regelmäßig bei uns zu Hause aufsuchte und dessen Fingernägel von einer rätselhaften Krankheit zu schorfigen Blättern aufgeworfen waren? Was aus unserer Putzfrau, die einmal in der Woche drohte, aus Verzweiflung über ihre familiäre Misere den Gashahn aufzudrehen? Selbst die struppigen und verstaubten Hortensien, die als Huldigung an den Straßennamen im Vorgarten meines Elternhauses standen, sind nicht mehr, und auch der wilde Wein nicht, der das Haus unter seinem Pelz verbarg. Es ist, als habe in der Straße eine Gespensteraustreibung stattgefunden.

Die Geister sind aber alle noch da. Einigen hat die Stadtverwaltung inzwischen Plaketten an ihren ehemaligen Wohnhäusern gestiftet, es sind der Professor Joachim Tiburtius, erster Kultursenator im Nachkriegsberlin, und der Graf Yorck von Wartenburg, der im Widerstand gegen Hitler sein Leben verlor. Keine Plakette befindet sich an dem ehemaligen Haus von Eugen Gerstenmaier, der im Widerstand gegen Hitler das Leben nicht verlor und deshalb Bundestagspräsident der Nachkriegsrepublik werden konnte. Keine Plakette erinnert an die halbstarken Söhne unseres Nachbarn, die der Schrecken der Straße waren, echte Rocker der sechziger Jahre, mit öligen Entenschwanzfrisuren und öligen Mopedketten, die sie drohend in der Luft kreisen ließen. Keine Plakette auch hat die hübsche Tochter unserer Putzfrau erobert, die mehr noch als der trinkende Mann die Selbstmordgedanken der Mutter beflügelte; denn von dieser Tochter hieß es in der Straße allgemein, sie werde wegen ihrer frühreifen Schönheit ein böses Ende nehmen.

Das waren die Figuren meiner Kindheit; im Rückblick erkenne ich deutlich, wie sie alle noch aus der sozialen Ordnung und politischen Unordnung der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit stammten, Entwurzelte oder niemals Verwurzelte oder Hinterbliebene des gescheiterten Widerstandes wie meine Eltern auch, die auf Vermittlung der Witwe Yorcks in die Hortensienstraße gezogen waren. Wir wohnten in dem Reihenhäuschen Nr. 41, das war ungefähr auf halbem Weg zwischen der Nr. 12, in der die Witwe des Senators Tiburtius wohnte, und der Nr. 50, in der die Gräfin Yorck lebte. Es wäre nicht falsch zu sagen, dass sich zwischen diesen Hausnummern meine Kindheit erstreckte. Bei Marion Yorck, die meine Schwester und ich skrupellos aus ihrem Mittagschlaf herauszuklingeln pflegten, gab es englische Drops; bei Louise Tiburtius, die nur auf Einladung besucht werden konnte, gab es Spekulatius und eine denkwürdig dünne Limonade, die ein starkes Verlangen nach härteren Drogen freisetzte.

Im Haus Nr. 50 einigte man sich auf die Notwendigkeit eines Attentats

In meiner kindlichen Perspektive bewachten die beiden Witwen Eingang und Ausgang der Straße. Jenseits der Tiburtia (wie sie allgemein genannt wurde) begann die Welt der kleinen Läden und gierig beäugten Kaugummiautomaten rund um den S-Bahnhof; jenseits der Gräfin Yorck die Welt der Bierflaschen und dunklen Gestalten, vor denen uns grauste. An dieser Einschätzung änderte es wenig, dass auch Gerstenmaier jenseits des Yorckschen Häuschens wohnte, und noch dazu in einem deutlich höheren Gebäude, das über der Eingangstür einen Balkon auf die Straße hinausreckte, der zu nichts taugte, es sei denn, man hätte Ansprachen ans Volk halten wollen. In meiner Perspektive passte dieser Balkon aber gut zu dem hochfahrenden Charakter Gerstenmaiers, denn obwohl meine Schwester bestreitet, dass wir ihn mehr als ein oder zwei Mal gesehen hätten, lebt er in meiner Erinnerung als kleiner Mann mit erhitztem Gesicht, immer kurz vor einem Wutausbruch stehend.

Gerstenmaier schien mir darum zu Recht am bedrohlichen Ende der Straße zu Hause zu sein, während die Tiburtia ebenso rechtmäßig das verlockende Ende beherrschte. Die Tiburtia, klein, zerbrechlich und kostbar überschminkt, hatte ihre natürlichen Augenbrauen ausrasiert und zwei Zentimeter höher auf der Stirn neu gezogen, was den puppenhaften Charakter ihrer Erscheinung noch einmal verstärkte. Die Gräfin Yorck dagegen (übrigens bürgerlicher Berliner Herkunft), mit ihren dunklen Haaren, kräftigem Kinn und kräftiger Nase, war wie ein Kasperl aus dem Kasperltheater; das Leuchten ihrer Augen und dunkle Knarren ihrer Stimme (wie kostbares altes Parkett) wärmten mein Herz. Ich erinnere mich noch, mit welchem Vergnügen ich Jahre später ein ähnliches Knarren bei der Frau des Bischofs Scharff wahrnahm und dann noch einmal bei der Frau eines Professors und wie ich dann meine Mutter mit dem Wunsch quälte, sie möge doch alle drei Damen auf einmal einladen, zu einem Kaffeekränzchen des Knarrens.

Mag sein, dass die abgeschlossene Welt unserer Straße solche Obsessionen und idiosynkratischen Fantasien begünstigte; jedenfalls stand meine Kindheit unter dem Stern alter Damen, allen voran meiner Großmutter, die in ihrem Wintergarten mit den Witwen der Generäle Olbricht, von Hase und von Kluge Bridge spielte (unter den Verschwörern im Oberkommando der Wehrmacht lief das Bonmot um: »Von Hase ist kein Hase, und von Kluge ist nicht klug«). Aber was die Hortensienstraßenwelt tatsächlich zusammenschloss und in gewisser Hinsicht vom restlichen Teil der Gesellschaft isolierte, wusste ich nicht im Entferntesten.

Erst Jahrzehnte später wurde mir klar, dass die Jessen, Yorck und Gerstenmaier, die hier in rätselvoller Freundschaft lebten, schon einmal in der Hortensienstraße, während des Krieges, in dem Häuschen Nr. 50 zusammengekommen waren, an jenem 8. Januar 1943, als das legendäre Treffen zwischen den Sozialutopisten des Kreisauer Kreises, zu denen Yorck gehörte, und den konservativen Verschwörern um Goerdeler, Popitz und Generaloberst Beck stattfand, denen mein Großvater zuneigte. Man konnte sich zwar auf die Notwendigkeit eines Attentats einigen (Ullrich von Hassell ärgerte sich in seinem Tagebuch nur über den »angelsächsisch-pazifistischen« Grafen Moltke), aber im Übrigen einigte man sich auf nichts.

Eugen Gerstenmaier trug damals die wirtschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen der Kreisauer vor, die sich scharf gegen Goerdeler wandten. Die Kreisauer sahen ihn als Reaktionär; doch bestand das Reaktionäre für sie darin, dass er zu Marktwirtschaft und Parlamentarismus zurückwollte; heute würde man Goerdeler eher einen Liberalen nennen. So ändern sich die Begriffe mit den Zeiten, und was die Historiker säuberlich trennen, hing damals vielleicht zusammen, wenn auch manchmal genau seitenverkehrt. Jedenfalls hatte mein Großvater, obwohl zu den konservativen Militärs neigend, den Kreisauer Yorck schon Jahre zuvor an die Akademie für Deutsches Recht gezogen, die er für seine eigenen Zwecke, zumindest gegen die Absichten der Nazis, einzusetzen trachtete.

Aber wie auch immer die Gegensätze waren: Sie endeten mit dem gemeinsamen Tod der Verschwörer am Strang. Graf Yorck von Wartenburg wurde am 8. August, mein Großvater Jens Peter Jessen am 30. November 1944 in Plötzensee hingerichtet. Und erst recht endeten die Gegensätze für die Hinterbliebenen mit der Gründung der Bundesrepublik, die über Jahre von den Attentätern nichts wissen wollte. So begann das Bridgespielen, so entstand das Hilfswerk der Stiftung 20. Juli, das den Hinterbliebenen die Renten zahlte, die ihnen der Staat verweigerte, und so fand auch die Hortensienstraße wieder ihren Platz in der unsichtbaren Topografie des Widerstands.

Wenn wir einen Spaziergang machten, um Cory Popitz zu besuchen, die Tochter des preußischen Finanzministers, mussten wir nur über die S-Bahn-Brücke und die Moltkestraße hinunter bis zum Weddigenweg gehen; etwas weiter, über den Ostpreußendamm hinaus, wären wir auf die ehemalige Wohnung des Generalobersten Beck gestoßen. Wenn wir aber auf unserem Schulweg in umgekehrter Richtung die Moltkestraße über den Asternplatz hinausgingen, kamen wir am Haus meines Großvaters in der Limonenstraße vorbei, in dem seinerzeit das letzte Treffen der Verschwörer vor dem Attentat stattgefunden hatte (ohne Stauffenberg, aber mit seinem Adjutanten von Haeften). Selbst das Haus von Tiburtius, als einem Mitglied der Bekennenden Kirche, lag noch auf demselben historischen Pfad.

Wir Kinder wussten freilich nichts von der Karte, auf der wir uns bewegten; und ganz irrig wäre es anzunehmen, dass sich etwas von dem Glanz der Historie in unserem Alltag niedergeschlagen hätte. Er wurde von Eintöpfen beherrscht, von gebrauchten Möbeln, von den abgetragenen Kleidern anderer Kinder, die durch die Familien hindurch getauscht wurden; und auch die Kindermädchen, die sich um mich und meine Schwester kümmerten, waren keine Kindermädchen, sondern Hauswirtschaftslehrlinge, die meine Mutter ausbildete.

Kassler mit Tomatensoße, das kam einem Verbrechen gleich

Die Lehrbefugnis dazu hatte ihr die Tochter des Historikers Friederich Meinecke verschafft, die einer Berufsschule vorstand, und so probte meine Mutter mit den armen Mädchen, die aus den Tiefen des Weddings oder Neuköllns stammten, die Finessen eines großbürgerlichen Haushaltes, aber ohne die Mittel eines solchen. Ich glaube, dass die Lehrlinge vor allem lernten, wie man mit einer Kochkiste umgeht. Denn auch das gab es damals noch: eine hölzerne Truhe, mit Zeitungspapier gefüllt, in die man Speisen zum Nachgaren stellte. Die Kochkiste stand neben dem Gasherd (jenem, mit dem sich die Putzfrau einmal in der Woche vergiften wollte) und diente dazu, Energie zu sparen.

Gelegentlich kamen Inspektoren vorbei, um zu prüfen, ob in der Ausbildung alles mit rechten Dingen zugeht, und wahrscheinlich wird es meiner Mutter unvergesslich sein, dass sie eines Tages just in dem Moment auftauchten, als auf dem Küchentisch etwas lag, was dort sonst niemals zu sehen war: zwei Fasane, bereit zum Rupfen und Ausnehmen. Der Ruf meiner Mutter als Ausbilderin wuchs nach diesem Anblick ins Legendäre.

Gut ein Dutzend Mädchen wurden so durch den Haushalt geschleust; meine Schwester und ich waren der Meinung, dass sie vor allem unserer Unterhaltung zu dienen hatten. Und in der Tat: Ihre Tüchtigkeit schwankte, aber Anekdoten lieferten sie zuverlässig. Es gab eine, die regelmäßig von einem Verlobten abgeholt wurde, allerdings nicht immer von demselben Mann. Auf die verblüffte Frage meiner Mutter erklärte sie dann regelmäßig: »Det is meen andra Valobta.« Am Nachhaltigsten war unser Entzücken (anfangs war es allerdings Entsetzen), als Heidi etwas kochte, dessen Kombination in der Küche meiner Mutter überhaupt nicht vorgesehen, streng genommen sogar ausgeschlossen war, nämlich Kassler mit Tomatensoße. Meine Schwester spricht noch heute von einem so genannten »Kochverbrechen«.

Ungebrochen und frei von kindlichem Sarkasmus war dagegen unsere Freude an dem Mädchen, das mit uns, anstatt spazieren zu gehen, Bus fuhr, und zwar von Endstation zu Endstation. So lernten wir zum einen, dass es eine Welt jenseits der Hortensienstraße gibt, und zum anderen, dass auch diese Welt zwei Seiten hat, eine verheißungsvoll tiburtische (wenn die Fahrt losgeht) und eine gerstenmaiersche (wenn die Fahrt zu Ende ist). So begriffen, taugte die Hortensienstraße als Metapher für ein ganzes Leben.

 
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