Falsch erzogen

Die Deutschen bekommen zu wenige Kinder. Ein Blick in die Erziehungsratgeber der vergangenen Jahrzehnte beweist: Die Kinderfeindlichkeit hat hierzulande Tradition

Wenn die Bevölkerung schrumpft, bringt der Staat gröbste Rhetorik in Anschlag. Otto Schily ließ kürzlich einen besonders dicken Knüppel kreisen, als er gewollte Kinderlosigkeit eine »Absage an das Leben« nannte.

Was den Innenminister so in Fahrt gebracht hatte, war sein Erschrecken über die Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Studie, wonach ein erheblicher Anteil der jungen Erwachsenen keine Lust mehr auf Kinder hat. Das lässt Schlimmes befürchten, jedenfalls aus bevölkerungspolitischer Sicht. Wer grundsätzlich keinen Nachwuchs will, wird sich auch nicht von höheren Familiensubventionen umstimmen lassen. Das Problem liegt tiefer. Es geht um die grundsätzliche Haltung zum Kind in diesem Land – so grundsätzlich, dass selbst die Bevölkerungslobbyisten in der Weimarer Zeit und im Nationalsozialismus mit der Beleidigung des Publikums als lebensfeindlich, materialistisch oder karrierefixiert kein Glück hatten. Vergeblich forderten sie angesichts der sich damals abzeichnenden Entwicklung zur Ein-Kind-Ehe eine »heldische Lebensauffassung, bei der Opferbringen und Für-andere-leben eine Selbstverständlichkeit« seien. Aber auch das Zerrbild des »Luxusweibchens«, das lieber ins Theater gehe, als Windeln auszuwaschen, hatte keine animierende Wirkung auf die Frauen.

Nicht nur die Reproduktionsunlust, auch andere typisch deutsche Probleme im Umgang mit dem Kind sind erklärungsbedürftig: die ängstliche Ernsthaftigkeit in Fragen der Zuständigkeit für Betreuung und Erziehung, die im Vergleich zum Ausland lange überhöhte Säuglings- und Müttersterblichkeit, aber auch die bis heute beklagte Rückständigkeit bei der Schmerzbehandlung kleinster Kinder.

Woher kommt die Anomalie in der Kinderfrage? Ein Blick auf den historischen Diskurs zu den Themen Geburt, Säugling, Kleinkind mag weiterhelfen. Hören wir den erfolgreichsten deutschen Erziehungsexperten zu, wie sie früher werdende Eltern auf ihren Nachwuchs eingestimmt haben. Die berühmteste deutsche Ratgeberautorin aller Zeiten war Johanna Haarer, NSDAP-Mitglied und im »Dritten Reich« die staatlich empfohlene Expertin in Sachen Kinderkriegen. Liest man die von ihr verfassten Bestseller (unter anderen Die deutsche Mutter und ihre erstes Kind), macht man eine überraschende Entdeckung: Aus ihren Werken, die im höheren Auftrag der NS-Bevölkerungspolitik standen, spricht eine unverhohlene Abneigung gegen das werdende Leben: Wir lesen ihre konstanten Warnungen vor »erbkrankem« Nachwuchs, ihre Panikmache vor der Geburt (»ein Schlachtfeld«), ihre Empfehlung, das Kind vor dem Stillen erst mal ein bis zwei Tage lang nach der Entbindung hungern zu lassen, ihre Schilderung der Machtkämpfe ums Schlafen und Sauberwerden. Hat man sich durch alle abscheulichen Details der Säuglingspflege durchgearbeitet, bleibt eines hängen: Mit der Geburt eines Kindes beginnt ein existenzieller Kampf. Auf der einen Seite die deutsche Mutter – auf der anderen, ja was eigentlich? Ein großhirnloses Wesen, instinkt- und machtgesteuert. Schon an der Brust verursacht dieser emotionale Zombie Schwierigkeiten, stellt sich »trinkfaul«, will nur »lutschen«, und schlimmer noch, will nicht begreifen, dass er nur um 6, 10, 14, 16 und 20 Uhr zu essen bekommt. Wenn er schreit, schreibt Haarer, wird er richtig gefährlich. »Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (…). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.«

Johanna Haarers Kriegsberichterstattung von der Front zwischen Mutter und Kind war damals Standard. In den dreißiger Jahren wurden in großem Maßstab mit Hilfe von Büchern, Mütterschulungen und Broschüren Vorstellungen vom Lebensbeginn unters Volk gebracht, die ausreichend abschreckend waren, um jeden Gedanken an Nachwuchs zu verleiden. Doch was haben die Irrungen einer Expertenzunft in den dreißiger Jahren mit unserer heutigen Einstellung zum Kind zu tun?

Zunächst: Die Giftbücher einer Johanna Haarer, Hildegard Hetzer (Seelische Hygiene) oder Elisabeth Plattner (Die ersten sechs Lebensjahre) blieben nach 1945 so populär wie ehedem. Eine Neuauflage nach der anderen wurde gedruckt, bereinigt um »Volk« und »Führer« – jedoch beworben mit den Verkaufszahlen in der braunen Vergangenheit. Während in den USA längst eine neue Beziehung zwischen Eltern und Kleinkind propagiert wurde, schlugen die Erziehungsexperten der jungen BRD harte Töne an.

Eugen Knapp, Kinderarzt aus Stuttgart, fragte 1949 die über drei Millionen Leser seines Abc der Säuglingspflege: »Wer kennt nicht jene unerträglichen kleinen Haustyrannen, die alles mit Geschrei und Wut erzwingen? Und was wird aus diesen Kindern in späteren Jahren?« Auch Handreichungen an junge Eltern wie das Hausbuch der deutschen Familie, 1956 herausgegeben vom Bundesverband der deutschen Standesbeamten, warnten vor dem, was sich eines Tages im Kinderzimmer abspielen wird. »Ruhe, Ordnung, Gewissenhaftigkeit und Selbstbeherrschung muss die Mutter für diese Erziehungsarbeit unbedingt aufbringen.«

Sogar um 1968 herum, als mit der »schwarzen Pädagogik« der Vergangenheit abgerechnet wurde und der deutsche Buchmarkt sich in großem Stil für ausländische Publikationen zur Erziehungsfrage öffnete, änderte sich bei den Vorstellungen von der frühesten Lebenszeit wenig. Der kleine Tyrann, der nur mit Uhr, Waage, frischer Luft und kalten Abreibungen gebändigt werden konnte, bestimmte weiterhin das Bild. Insofern haben die Unrecht, die heute allein die Achtundsechziger für jede Erziehungskatastrophe und jeden Erziehungsnotstand verantwortlich machen wollen. Die professionelle Einstellung zum Kleinkind blieb im Großen und Ganzen bis in die frühen achtziger Jahre erstaunlich lebensfeindlich. Noch im dtv- Baby-Lexikon für Mütter von 1980 heißt es: »Erziehung besteht allgemein im Angewöhnen und Abgewöhnen. Leicht erziehbar ist, wer sich ohne Schwierigkeiten an das gewöhnt, was ihm von einem guten Erzieher zugemutet wird.« Lasse sich eine Mutter nur ein einziges Mal von ihrer Konsequenz abbringen, habe sie »eine weitere erzieherische Schlacht verloren«. Kein Satz steht da ohne gedachtes Ausrufezeichen.

Auch der beliebte Hellbrügge, dessen Autor sich als Kinderarzt und Ratgeberautor um die Montessori-Schule und die Integration behinderter Kinder verdient gemacht hat, stellt seinen Leserinnen und Lesern noch 1981 folgendes Szenario vor Augen, sollten sie Nachwuchs erwarten: Die Geburt sei ein »gefahrbringendes Ereignis«, das Kreislauf, Lunge, Niere und »besonders das Gehirn« des Kindes akut gefährde, übrigens meist wegen »krankhafter Zustände der Mutter«. Zurück zu Hause, erwarte die Mutter bald eine »böse Überraschung«, sollte sie nicht auf die Anforderungen der Säuglingspflege vorbereitet sein. Hellbrügge und sein Koautor Döring, beides Professoren, befürworten zwar nicht mehr die Fütterung nach Uhr, aber auch sie finden gelegentliches Schreien »sinnvoll für die Gesundheit des Babys«, plädieren für Abhärtung und warnen streng vor der Züchtung eines – ja: »Haustyrannen«.

Nach 1980 hat sich das Bild von dem, was auf werdende Eltern zukommt, grundsätzlich geändert. Der Säugling gilt als liebesbedürftig, interaktiv und intelligent und nicht mehr als Tyrann. Die vor 1980 Geborenen aber, also jene jungen Erwachsenen zwischen 25 und 40, die sich momentan besonders fortpflanzungsunwillig zeigen, hatten Mütter und Väter, die in der Zeit des Nationalsozialismus und kurz danach Kleinkinder waren. Nicht nur das: Mit einiger Wahrscheinlichkeit wurden viele von ihnen nur zu festgelegten Zeiten aus der Wiege gehoben, ganz nach Haarer. Das heißt: Den potenziellen Eltern von heute sitzen die kruden Vorstellungen mindestens zweier Generationen in den Knochen.

Eine Überlegung scheint es wert zu sein, ob die Fortpflanzungsmüdigkeit damit zusammenhängt, wie man sich in diesem Land lange den Umgang mit Babys vorgestellt hat. Das würde heißen, dass die kinderlosen Deutschen nicht dem Leben selbst abhold sind. Sie leiden womöglich immer noch unter einer ganz bestimmten Haltung zum neuen Leben, die sie von der älteren Generation geerbt haben.

* Die Autorin ist Historikerin an der Universität Konstanz und erforscht Erziehungstagebücher aus dem 20. Jahrhundert

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