Auch der beliebte Hellbrügge, dessen Autor sich als Kinderarzt und Ratgeberautor um die Montessori-Schule und die Integration behinderter Kinder verdient gemacht hat, stellt seinen Leserinnen und Lesern noch 1981 folgendes Szenario vor Augen, sollten sie Nachwuchs erwarten: Die Geburt sei ein "gefahrbringendes Ereignis", das Kreislauf, Lunge, Niere und "besonders das Gehirn" des Kindes akut gefährde, übrigens meist wegen "krankhafter Zustände der Mutter". Zurück zu Hause, erwarte die Mutter bald eine "böse Überraschung", sollte sie nicht auf die Anforderungen der Säuglingspflege vorbereitet sein. Hellbrügge und sein Koautor Döring, beides Professoren, befürworten zwar nicht mehr die Fütterung nach Uhr, aber auch sie finden gelegentliches Schreien "sinnvoll für die Gesundheit des Babys", plädieren für Abhärtung und warnen streng vor der Züchtung eines – ja: "Haustyrannen".

Nach 1980 hat sich das Bild von dem, was auf werdende Eltern zukommt, grundsätzlich geändert. Der Säugling gilt als liebesbedürftig, interaktiv und intelligent und nicht mehr als Tyrann. Die vor 1980 Geborenen aber, also jene jungen Erwachsenen zwischen 25 und 40, die sich momentan besonders fortpflanzungsunwillig zeigen, hatten Mütter und Väter, die in der Zeit des Nationalsozialismus und kurz danach Kleinkinder waren. Nicht nur das: Mit einiger Wahrscheinlichkeit wurden viele von ihnen nur zu festgelegten Zeiten aus der Wiege gehoben, ganz nach Haarer. Das heißt: Den potenziellen Eltern von heute sitzen die kruden Vorstellungen mindestens zweier Generationen in den Knochen.

Eine Überlegung scheint es wert zu sein, ob die Fortpflanzungsmüdigkeit damit zusammenhängt, wie man sich in diesem Land lange den Umgang mit Babys vorgestellt hat. Das würde heißen, dass die kinderlosen Deutschen nicht dem Leben selbst abhold sind. Sie leiden womöglich immer noch unter einer ganz bestimmten Haltung zum neuen Leben, die sie von der älteren Generation geerbt haben.

* Die Autorin ist Historikerin an der Universität Konstanz und erforscht Erziehungstagebücher aus dem 20. Jahrhundert