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Wie korrupt ist die Wirtschaft? Der Fall Volkswagen zeigt: Betrug ist eine Wachstumsbranche. Die Unternehmen verkennen die Gefahr

Es passierte in einer dieser kleinen Städte, in einem dieser kleinen Betriebe, in denen der Chef fast alle Arbeiter kennt und der Betriebsrat jeden seiner Kollegen. Sichere Arbeitsplätze waren rar und die meisten Stellen des 400-Mann-Betriebs nur befristet. Geredet wurde darüber viel. Während eines der vielen Gespräche sagte der Betriebsrat einem Mitarbeiter dann, dass aus seinem befristeten Vertrag ein unbefristeter werden könne. Er könne dafür sorgen. Für ein paar Tausend Euro.

Die Geschichte stimmt, und der Insider, der sie erzählt, ist wütend. Wundern tut er sich nicht. Nicht mehr. »Korruption«, sagt er, »gibt es überall, und wir werden sie nie rauskriegen. Nicht aus den Gewerkschaften, nicht aus den Chefetagen, den Behörden und den Kirchen.«

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Dass selbst Betriebsräte von der Macht verführt werden, weiß man spätestens seit dem Skandal bei VW. Vor zwei Wochen trat Betriebsratschef Klaus Volkert wegen einer Schmiergeldaffäre zurück. Dann bot Personalvorstand Peter Hartz seinen Rücktritt an. Berichte über unkontrollierte Betriebsratskassen, Lustreisen und eingeflogene Prostituierte haben den Wolfsburger Autobauer in die Schlagzeilen gebracht. Und vor dem Werkstor schimpfen die Arbeiter darüber, dass sich »die hohen Herren die Taschen voll stopfen«. Der Fall Volkswagen zeigt aber auch: Korruption ist in Deutschland eine Volkskrankheit. Korruption erscheint mittlerweile als einzige Wachstumsbranche in einer stagnierenden Wirtschaft. Die Moral? Sie zählt wenig – wer sich bereichern kann, bereichert sich. Hilflos steht die Republik vor einem Sumpf, den offenbar keiner trockenzulegen vermag. Immerhin werde Korruption jetzt ernst genommen, sagt Peter Eigen, Chef von Transparency International. Vor zehn Jahren sei das noch ganz anders gewesen. Langsam, sagt Eigen, setze sich die Erkenntnis durch, »wie groß die Gefahr durch Korruption auch in Deutschland ist«. Tatsächlich? Es gibt Manager, denen diese Erkenntnis fehlt.

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein neuer Fall bekannt wird, in dem jemand sein Rückgrat gegen neue Rücklagen auf dem Bankkonto eingetauscht hat. In Stuttgart ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 17 Personen, die sich bei Mauscheleien im Vertrieb von DaimlerChrysler bereichert haben sollen. In Andernach soll bei einer Tochter von ThyssenKrupp der zurückgetretene Vorstandschef Leistungen von Lieferanten für sein Privathaus in Anspruch genommen haben. Und in Augsburg gesteht Ludwig-Holger Pfahls, in seiner Zeit als Staatssekretär im Verteidigungsministerium vom Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber Millionen erhalten zu haben. Ob er für das Geld eine Gegenleistung erbracht und sich damit auch der Bestechlichkeit schuldig gemacht hat, ist Gegenstand eines Prozesses.

Ebenso spektakulär der Fall von Jürgen Emig, ehemals Sportchef des Hessischen Rundfunks. Seit zwei Wochen sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Betrug und Bestechlichkeit vor. Mehrfach soll er Vertretern von Randsportarten Fernsehberichte versprochen haben, so sie denn Werbe- oder Vermarktungsverträge mit zwei Firmen abschlössen, von denen eine seiner Frau gehört. Wilfried Mohren, Sportchef des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), wurde wegen eines ähnlichen Verdachts vom MDR beurlaubt.

Generell stellt Korruption nur einen Ausschnitt aus dem Spektrum so genannter doloser, also arglistiger Handlungen, dar – darunter fällt dann der Laptopklau ebenso wie die Industriespionage oder das Fälschen einer Bilanz. Der Schaden ist immens. Laut Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität des Bundeskriminalamtes (BKA) lag er 2003 bei rund 6,8 Milliarden Euro und damit um 39 Prozent höher als im Jahr zuvor. Insgesamt verursachten Korruption und Wirtschaftskriminalität 57 Prozent aller polizeilich erfassten Schäden – obwohl sie nur 1,3 Prozent aller Delikte ausmachten. Wundert es da noch, wenn selbst das BKA fürchtet, dass bei Unternehmen und Verbrauchern auf Dauer »das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der geltenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung schwindet«?

Groß sind die Defizite vor allem in der deutschen Wirtschaft. Bis auf Ausnahmen nimmt sie die Korruptionsbekämpfung nicht ernst genug. »Deutsche Unternehmen haben erst später als ihre Wettbewerber in den USA und England angefangen, sich mit dem Thema Wirtschaftskriminalität auseinander zu setzen«, sagt Steffen Salvenmoser von der Wirtschaftsprüfung PricewaterhouseCoopers (PwC). Laut den Unternehmensberatern von Control Risks schulen nur 26 Prozent der deutschen Firmen ihre Führungskräfte im Kampf gegen Korruption – weitaus weniger als in in den USA (68 Prozent) und Großbritannien (44 Prozent). Einschlägige Seminare finden geringe Resonanz, und es gibt auch weniger Hotlines als im Ausland, über die Mitarbeiter vertrauliche Hinweise geben können.

Sicherheit gilt in Deutschland eben noch immer als Kostenfaktor. Was es jedoch kostet, einen ruinierten Ruf wiederherzustellen, daran denken nur wenige.

Während in den USA nach den Terroranschlägen 2001 und Bilanzskandalen wie Enron viele Konzerne die interne Kontrolle in der Hand eines Chief Security Officer bündelten – etwa die Software-Firma Oracle oder die Investmentbank Merrill Lynch –, arbeiten hierzulande die interne Revision und die Sicherheitsverantwortlichen oft unkoordiniert vor sich hin. »Die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität ist in den meisten deutschen Unternehmen immer noch keine strategische Aufgabe des Topmanagements«, sagt Thorsten Mehles, der früher bei der Hamburger Polizei die internen Ermittlungen leitete und heute mit der Firma Prevent Dax-Konzerne berät.

Es gab Bargeld, eine Quittung der Sekretärin, mehr nicht. Wer in dem stark vom Export abhängigen Unternehmen zu Kunden im Ausland flog, ging zuvor zur hausinternen Kasse. Dass ein Mitarbeiter über die Zeit zehn Millionen Mark mitnahm, war in dem Konzern mit Milliardenumsätzen nicht ungewöhnlich. Dass er davon aber fünf Millionen auf einem Konto in Andorra parkte, erregte Ärger. Herbeigerufene Experten klärten den Vorfall. Gemeldet wurde er nie.

Jahre liegt dies zurück, doch das Beispiel illustriert, wie die Führung einer Firma Probleme selbst heraufbeschwört. Wer eine Einladung zum Urlaub, den gemeinsamen Gang ins Bordell oder Gelder für nie erbrachte Leistungen als Teil des Geschäfts versteht, darf sich über das Fehlverhalten eigener Mitarbeiter nicht wundern. »Schlechte Sitten stecken an«, sagt der Sicherheitschef eines großen deutschen Unternehmens. Wenn wie bei VW »die da oben« in eine Affäre verwickelt sind, verlieren »die da unten« eher die Hemmung. »Geht man gegen Korruptionsfälle an der Spitze nicht rigoros vor«, so der Experte, »breitet sich der Sumpf schnell im ganzen Unternehmen aus.«

Es muss noch nicht einmal echte Korruption sein. Es reicht schon, wenn einzelne Spitzenmanager durch ihr Verhalten den Verfall der Sitten geradezu legitimieren. Wenn Führungskräfte – wie MTU-Chef Udo Stark in der Vergangenheit – mehrmals hohe Abfindungen kassieren; wenn sie – wie bei Mannesmann – sich selbst einen Sonderbonus genehmigen; wenn sie einen Verhaltenskodex einführen, nur damit sie ihn ins Internet stellen können (»Was wir dann machen, ist eine ganz andere Frage«); dann hat das, so ein Experte, »eine fatale Signalwirkung«. Wer sich so verhält, offenbart eine verheerende Mischung aus Naivität, Chuzpe und Selbstherrlichkeit.

»Das ist im Moment die Achillesferse«, sagt Josef Wieland, Professor an der Fachhochschule Konstanz und Experte für Wirtschaftsethik, über das fehlende Gespür der Chefs für ihre Rolle als Vorbild. »Die Mitarbeiter müssen sehen, dass die Topmanager die Prinzipien einer guten Unternehmensführung auch vorleben.« Wieland berät Firmen bei der Prävention. Zum Beispiel Fraport: Der Betreiber des Flughafens Frankfurt plant einen Ausbau für 3,3 Milliarden Euro. »Dass das Begehrlichkeiten weckt, sagt einem schon der gesunde Menschenverstand«, sagt Otto Geiß, Leiter der Internen Revision. Also setzte er durch, dass in Verträgen mit Lieferanten Integritätsklauseln aufgenommen werden und die Mitarbeiter zu schulen sind. »Was ist ›anfüttern‹?«, sagt Geiß, »wie soll man mit Geschenken umgehen? Das beginnt ganz harmlos mit kleinen Präsenten, endet aber schnell in der Erpressbarkeit.« Korruption entsteht schleichend.

Dass Korruptionsbekämpfung den Ruf stärkt und sich rechnet, zeigt die Deutsche Bahn. Sie führte vor Jahren ein entsprechendes Programm ein, etablierte Ombudsmänner und veröffentlicht als einziger deutscher Konzern jährlich einen Korruptionsbericht. »Die Korruption bei der Bahn geht deutlich zurück. Bei vielen unserer heutigen Ermittlungen handelt es sich noch um Altlasten«, sagt Jürgen Marx, Leiter der Ermittlungen. Seit dem Jahr 2001 wurden Schäden in Millionenhöhe aufgedeckt. »Die Mitarbeiter sind stolz auf das Antikorruptionsprogramm«, sagt Marx.

Transparenz, das zeigt die Bahn, ist wohl eines der besten Mittel im Kampf gegen die Korruption. »Transparenz trocknet Wirtschaftskriminalität aus«, sagt PwC-Mann Salvenmoser. Dabei zeigt auch die seit Jahren geführte Debatte über gute Unternehmensführung (Corporate Governance) positive Folgen. Allein sie habe schon »das Bewusstsein für das Thema Korruption geschärft«, so Berater Mehles. Dazu schauen Staatsanwälte und Presse heute genauer hin – und nicht nur sie. »Dass deutsche Unternehmen sich den internationalen Kapitalmärkten zuwenden, zwingt sie auch beim Thema Korruption zu mehr Offenheit«, so ein Sicherheitschef. »Stimmt die Rendite nicht, werden wir schon mal gebeten, die Gründe herauszufinden«, bestätigt Maxim Worcester, Deutschland-Chef von Control Risks.

Und so gibt es auch das ein oder andere positive Signal. »Jene Generation junger Manager, die jetzt vielerorts in Führungspositionen gelangt, ist weit offener und entschlossener«, sagt Worcester. Doch was ist mit der Politik? Er wundere sich über die Zurückhaltung der Parteien, sagt Peter Eigen von Transparency International. Könnte der Kampf gegen die Korruption nicht Teil ihrer Programme sein? »Ich bin sicher«, sagt Eigen, »sie würden beim Wähler damit punkten.«

Mitarbeit: Götz Hamann und Christian Tenbrock

 
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