In einer sehr späten Zeit, als die Erde schon alt und übervölkert war, erschien plötzlich, niemand wußte woher sie kam, eine Frau, die viel Platz brauchte.

Die Menschen waren schwer und reich geworden. Einer hockte neben dem andern auf eigenem Besitz. Auf jeden kamen vier Quadratmeter Boden. Alle Meere waren entwässert und alle Gebirge abgetragen. Die Gebirge lagen in den Meeren. Doch hatten sie zur Füllung nicht ausgereicht; die gesamte Erdoberfläche lag um ein Beträchtliches unter dem früheren Meeresspiegel. Jahrhunderte hatten zu diesem nivellierenden Werke beigetragen, auf das die dicken Menschen nicht wenig stolz waren. Sie lebten in erstaunlicher Enge. Glatt wie ihre Erde war auch die Haut geworden, die sich über ihre fetten Körper spannte. Mit der Eroberung der Meere hatte die Vermehrung der Menschen Schritt gehalten. Sie waren zahllos wie der Sand, den es jetzt nicht mehr gab, sehr viel weniger beweglich; kein Wind trieb sie davon, kein Sturm kam von den alten Meeren her, nach Menschendünen hätte man vergeblich gesucht. (…)

In einer so eingesessenen, festgesessenen, ganzversessenen Zeit bewegten sich die Menschen überhaupt nicht mehr. Zwei Schritte hin, zwei Schritte her war alles, was sie sich erlaubten, und selbst das wurde ihnen oft zu viel. Man rief einander über die halbmannshohen Zäune zu: »Wie geht es, sind Sie heute schon gegangen?« – »Leider nein, ich habe heute noch zu gehen, ich bin ja so verzweifelt.« – »Ärmster, ich hab es heute schon hinter mir.« – »Wirklich, wie ich Sie beneide!« – »Sonst gehe ich eigentlich immer später als Sie. Wie ist Ihnen? Fühlen Sie sich nicht wohl? Vielleicht eine kleine Unpäßlichkeit.« – »Ich weiß es selbst nicht. Meine Beine sind so müde. Ich fürchte, heute werde ich viel Plage mit ihnen haben.« – »Dann lassen’s Sie doch heute. Einen Tag können Sie aussetzen. Was schadet das?« – »Meinen Sie.« – »Glauben Sie, Ihr Sitz wird schlechter davon?« – »Ich glaube gar nichts. Sie jedenfalls sind schon gegangen.« – »Das leugne ich gar nicht. Das habe ich Ihnen ja eben selbst erzählt.« – »Aber ich soll nicht gehen.« – »Wenn Sie sich so elend fühlen.« – »Das hab ich nicht gesagt.« – »Ich entnehme es Ihren Worten.« – »Es liegt Ihnen viel daran, mich zu mißverstehen.« – »Im Gegenteil. Ich verstehe Sie jetzt gar nicht mehr.« – »Bitte.« – »Bitte.«

Beleidigt pflegte man einander den Rücken zu kehren, man hatte ja noch andere Nachbarn. Zum Glück war man auf diesen einen nicht angewiesen. Da die Nachbarn einander sehr glichen, verliefen die Gespräche alle gleich. Es blieb nach ihrer Beendigung eine tiefe Unzufriedenheit zurück. Man überstand sie, indem man dann wirklich ging. Zwei Schritte hin, zwei Schritte her, und das wiederholte man oft ganze fünf Minuten lang, bis man erschöpft in sich zusammensank (und dann gab man sich den letzten Stich und sank hin und war tot).

Der Ruhelose kommt an einen Platz, der mit allem versehen ist, was er zu seinem Leben braucht. Nach einer Seite ist der Platz offen. Auf der andern Seite direkt eine große Station für die Straßenbahn der Stadt. Sie lief bis an diesen Platz, der nach einem Tor benannt ist und stellt sich nachts wie die Pferde in ihren Stall schlafen. Manchmal klingelt sie vor Ungeduld wie Pferde wiehern. Wenn der Ruhelose das lebende Klingeln hört und die Schienen, die aus dem Stall hinaus führen, in Erwartung des Morgens leise beben, packt es ihn wieder und er horcht und wird in diesem Horchen für wenig Zeit und für schlechte Zeit still. Aber es ist nicht nur dies allein, was in sein Leben gehört. Durch die Straßen fahren nachts schwere Autobusse. Geht man aber bei beiden Straßen je einige Treppen in die Tiefe hinab, so stößt man auf die ganze unterirdische Welt der Untergrundbahn, eine geheime Stadt für sich, Beschleunigung der Linie über der Erde, man freut sich dieser Treppe nicht mehr. Sie sind unbescheiden. Eigens hergerichtete Straßenecken sind mit Kaffeehäusern überzogen, deren rotes Licht viel zu weit und unverständlich hell auf die lebenden Straßen hinaus scheint. Man darf sich durch die scheinbar sitzenden Leute nicht beirren lassen. In Wirklichkeit sind alle sehr gehetzt, selbst die Sitzenden laufen und die Stehenden laufen immer auf einem Fleck. Es gibt keine ruhenden Menschen, nichts ist fest, nichts ist sicher, und das einzige, was im Haufen noch Sicherheit in sich hätte, die Häuser, ist in Wahrheit furchtbaren Gefahren unterworfen, die zu schildern hier zu weit und bis auf die Planeten hinauf führen würde. Das Bauen ist eine Illusion, die Menschen davor zu warnen. Vielleicht hat der Ruhelose seinen Weg vorzeiten angetreten.

Wenn er Leute Kartenspielen sieht, denkt er, daß die Karten eigentlich fliegen müßten, er hat in seiner Jugend schon Karten fliegen sehen, und er muß sagen, Karten fliegen schön und besonders gerade.

Sessel aber, Teppiche, Betten usw. sind für Schwächlinge erfunden worden. Es gibt Menschen, die ihre Wahrheit nicht vertragen. Die Wahrheit ist stark und hat so lange Beine wie die Lüge kurze. Um der Wahrheit zu entgehen, gibt es allerhand Erfindungen für schwache Menschen. Diese glauben manchmal in keiner Bewegung zu sein. Es macht dem Ruhelosen Spaß, ihnen zu zeigen, daß sie es sind. Er stört sie gern aus ihrer Ruhe auf und freut sich ihres Erschreckens, und ein einziges gewaltiges Erschrecken, eine rasende Angst, ist sein eigenes Leben. Warum sollen die andern sich davor drücken?