DIE ZEIT: Herr Prinz, Sie beklagen in einem Manifest die Verklärung der Hirnforschung. Warum?

Wolfgang Prinz: Die Öffentlichkeit scheint immer mehr zu glauben, dass die Hirnforschung dabei ist, das Menschenbild zu revolutionieren. Mit diesem Aplomb treten die Kollegen jedenfalls manchmal auf. Und da sagen die Psychologen: Nun mal langsam. Wir haben das Gefühl, dass die Hirnforscher implizit Dinge für sich in Anspruch nehmen, die in der Psychologie seit je verhandelt werden.

ZEIT: Zum Beispiel?

Prinz: Kürzlich hörte ich den Vortrag eines jungen Historikers, der über den Status historischen Wissens sprach. Dabei bezog er sich auf Wolf Singer und behauptete, wir verdankten der Neurowissenschaft die Erkenntnis, dass historische Tatsachen stets eine Art Konstruktion darstellen – das heißt, dass sie in der Erinnerung oft verändert, manipuliert oder überhaupt erst hergestellt werden. Diese Erkenntnis ist vollkommen richtig. Bloß: Das hat nicht die Hirnforschung herausgefunden, sondern das ist seit fast hundert Jahren psychologisches Lehrbuchwissen.

Wolf Singer: Na ja, die Hirnforschung geht da schon ein bisschen weiter als die Psychologie. Sie kann zeigen, dass beim Prozess des Erinnerns die Gedächtnisengramme, die neuronal gespeicherten Spuren der Erinnerung, labil werden. Und zwar so stark, als würde das, was jetzt gerade erinnert wird, zum ersten Mal erfahren. Auf diese Labilisierung erfolgt ein erneuter Konsolidierungsprozess im Gehirn. Dabei bette ich den gerade erinnerten Inhalt in das Jetzt-Gehirn ein und nicht in das Gehirn von früher – so wird jedes Erinnern zu einem Umschreiben der Geschichte. Diese Erkenntnis als solche ist nicht neu. Aber jetzt erst kennen wir den neurobiologischen Mechanismus, der das erklärt.

Prinz: Doch die Hirnforschung kommt dabei natürlich nicht ohne die Psychologie aus. Denn die Neurobiologie untersucht ja nicht Erinnerungsprozesse per se. Sie kann allenfalls Mechanismen liefern, die Erinnerungsprozesse realisieren und tragen. Ohne die Psychologie wüssten die Hirnforscher gar nicht, wonach sie suchen sollten.

Singer: Natürlich muss ich meine neurobiologischen Erkenntnisse in einen Verhaltenskontext einbetten. Ohne die von Psychologen geleisteten Vorarbeiten und die Beschreibungen kognitiver Leistungen könnten wir die zugrunde liegenden neuronalen Prozesse nicht erforschen. Wüssten wir nicht, welche Leistungen ein Laptop erbringt, uns würde selbst die vollständige Kenntnis aller Bauelemente und deren Verschaltung nicht verraten, wozu er gut ist.