Die Oboe ist das Problem. Bisher kam sie nämlich gar nicht vor, in keinem seiner Stücke, jedenfalls nicht als vox humana, als menschliche Stimme. Es ist ihr erstes Mal. Und es ist sein erstes Mal. Und es ist eine verdammt heikle Stelle. Ein Näseln ins Nichts. Eine Musik wie Erinnerung. Das "früheste Vorbei" nennt Rilke solche Momente, und Jörg Widmann zitiert viel Rilke. Die Frage jedenfalls vergisst man rasch wieder. Man will ihm ja nicht zu nahe treten. Die Frage, ob dieser Welt überhaupt noch beizukommen sei mit Rilke oder mit einer Oboe, die klingt wie ein Mensch. Wofür Komponieren heute eigentlich noch gut sein soll? Widmann ist einer der erfolgreichsten und interessantesten Komponisten der jungen Generation. Aber jetzt redet erst mal lieber über die heikle Stelle. Klar, dass es nicht lange dauert – acht Takte, um genau zu sein –, bis die Klarinette sich einmischt, "unmerklich" zwar und in dreifachem Pianissimo, aber dennoch. Sie ergreift das Wort. Hier bin ich. Oboen näseln, Klarinetten rufen. Beide verkörpern so etwas wie den Seelenatem in der Musik. Und es gab schon immer diese beiden Lager, Mozart und Schubert auf der Klarinetten-Seite, Mahler und Strauss mehr auf der der Oboe. Widmann ist Komponist und Klarinettist, und er liebt sein Instrument, dieses Sprechen aus dem Bauch heraus. Insofern ist die Oboe in seiner Messe für großes Orchester durchaus ein Problem. Und nicht nur sie.

April 2005, Wissenschaftskolleg zu Berlin. Feine Villen, propere Gärten. Eine Welt, in der die Welt in Ordnung ist. Institute for Advanced Study steht über den Klingelknöpfen. Die ersten Magnolien recken ihre Köpfe in den eisgrauen Hauptstadthimmel. Drinnen jede Menge Siebziger-Jahre-Muff und das, was man als kreatives Chaos erwartet hat. Für ein paar Monate ist Jörg Widmann Fellow am Kolleg. "Meine Rettung", sagt er. In dieser Zeit ist er von seiner Freiburger Klarinetten-Professur freigestellt und darf, kann, soll nur komponieren. Haust in zwei winzigen Dachschrägenkämmerlein, zwischen sich biegenden Stapeln ungeöffneter Post, zwischen Saftflaschen, Chipstüten, Aschenbechern und Vitamintabletten. Und Notenpapier, riesige Bögen, Teile der Messe-Reinschrift, Skizzen, Entwürfe. Lauter Kopfklänge, ungehörte Musik. Darunter viel Verworfenes, Verworrenes auch. Es glaubt mir ja immer keiner, dass ich überhaupt Entwürfe mache, ruft Widmann und wedelt schmerzlich-triumphierend mit den Beweisen des Gegenteils. Doch, das glaubt man gern, dass das keiner glaubt.

Der 32-jährige Münchner gilt in der Branche als Getriebener, als einer, der "zu viel macht", so viel jedenfalls, dass sich niemand mehr vorstellen kann oder mag, wie das eigentlich geht. Und es geht ja auch nicht. Einer, der komponierend die Nächte durchmacht, in aller Herrgottsfrühe ins nächste Flugzeug steigt, sich ein paar Stündchen aufs Ohr legt, nachmittags übt oder probiert oder unterrichtet und abends im Rampenlicht steht und dabei auch noch strahlt, wann immer man ihn sieht – so einer hat keine Zeit zum Nachdenken, keine Nerven fürs Vorläufige. Der entwirft nicht, der schreibt’s gleich hin. So stellt man sich das zumindest vor. Mozart soll seine Partituren ja auch nur noch abgeschrieben haben, fix und fertig aus dem Kopf. Widmann steckt sich eine Zigarette an und tritt wie Rumpelstilzchen von einem Fuß auf den anderen.

Seine Erfolge geben ihm Recht, das weiß er. Mit 20 leitet er an der Royal Academy of Music in London seine erste Meisterklasse für Klarinette (da sind die meisten seiner Schüler noch älter als er), mit 24 erhält er den Bayerischen Staatspreis für junge Künstler - und 2003 schließlich einen der begehrten Förderpreise der Siemens Stiftung. Der Hauptpreis gilt als Nobelpreis der Musik und wird fürs Lebenswerk verliehen. Gemessen daran, wieviel Leben Widmann in die Zeit packt, und dass er mit 11 angefangen hat, "ernsthaft" zu komponieren, dürfte auch diese Auszeichnung nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Eigentlich hätte die Messe, ein Auftragswerk der Münchner Philharmoniker, bereits Anfang des Jahres fertig sein sollen, woran insofern nicht zu denken war, als Widmann im Dezember 2004 überhaupt erst damit angefangen hat. Den Auftrag bekam er 2002. Schon wollten die Agenten und Intendanten, die Verlage und Sekretariate, die persönlichen Referenten und Impressari, die Gönner und Neider aufeinander losgehen und die Sache: Absagen! Einstampfen! Aufkündigen!, da kommt es Mitte Januar zu einem denkwürdigen Treffen zwischen dem Komponisten und seinem Dirigenten. Christian Thielemann, 45, Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker seit dieser Saison, Spezialist für das schwere, manche sagen: das schwerblütige deutsche Fach, für Beethoven, Brahms, Bruckner, Wagner und Strauss. Der Mann gilt als schwierig, gerade was lebende Komponisten betrifft. Neue Partituren, heißt es, machten ihm Angst, wie überhaupt alles, worauf er sich nicht ausreichend vorbereiten könne. Keine guten Karten für Hasardeure.

Hans Werner Henze etwa, einer der großen alten Komponisten neuer Musik, bekam von Thielemann 2003 die Uraufführung seiner Oper L’Upupa zurück, immerhin bei den Salzburger Festspielen. Nicht schriftlich, nicht persönlich, sondern telefonisch: Weinend, so berichtet Henze, habe der Dirigent ihn von einer Autobahnraststätte aus angerufen. Es ginge nicht, er schaffe es nicht. Überhaupt gehört Thielemann zu jenen raren Erscheinungen im Klassikgeschäft, die betont wenig machen. 50 bis 60 Auftritte pro Jahr. Einer, den eine Meistersinger-Vorstellung in Bayreuth, ein Tristan an der Wiener Staatsoper derart auszehren, dass er für Wochen genug hat von jeder Musik. Ein ganz anders Getriebener also. Wo Widmann sich entgrenzt, da gräbt Thielemann sich einen Schacht.

Der eine staucht die Zeit bis zur Schmerzgrenze, der andere dehnt sie. Dass Widmann bei Henze studiert hat, hilft hier erst einmal nicht weiter.