In Gottes OhrSeite 3/3
Anfang Juni 2005, Konzert im Wissenschaftskolleg. Kulturstaatsministerin Christina Weiss sitzt in der ersten Reihe, Peter Wapnewski, Gründungsmitglied des Kollegs, trägt bunte Sommerkaros, und Jörg Widmann leuchtet. Drei seiner Solostücke stehen auf dem Programm, für Klarinette, für Klavier, für Geige. Stücke, die das Virtuose ad absurdum führen, Faxen machen, den Himmel stürmen. Irene Russo, die Pianistin, darf mit zwei Frühstücksmessern herumfuhrwerken und hockt am Ende da wie ein bockiges Kind; Carolin Widmann, die Geigerin, seine jüngere Schwester, fegt über die Saiten, bis die Notenständer wackeln, und singt auch noch dazu. Der Komponist selbst spielt und spricht. Schon als sie klein gewesen seien, habe er seine Schwester gelöchert: Könnte man nicht…? Mach doch mal: auf der Geige die A-Saite eine Quinte nach oben stimmen. Und was passiert eigentlich, wenn...? – Gar nichts, habe Carolin dann meistens geantwortet, das geht nie. Und drei Tage später sei es eben doch gegangen. Der trotzige Griff hinter den Horizont liegt ihnen im Blut. Jetzt aber ist es vollbracht. Daher das Leuchten. Seit kurz nach Pfingsten liegt die Partitur der Messe bei den Münchner Philharmonikern. Hoffnungslos zu spät. Christian Thielemann sieht das inzwischen pragmatisch. Das Stück sei schön, aber nicht schwer, vier Proben müssten reichen. Nach allem, was war und was hätte sein können, nach all den Qualen und Ängsten hat es etwas geradezu Wahnwitziges, wie Thielemann da auf seiner Generalmusikdirektoren-Dachterrasse im Münchner Gasteig sitzt und mit Blick auf die Frauenkirche drei Weißwürste verzehrt. Noch 36 Stunden bis zur Uraufführung. Vor ihm auf dem Tisch ein Glas Händlmair-Senf, eine angebissene Breze und eine Cola, drinnen an den Bürowänden die Thielemannsche Ostpreußen-Galerie: Schloss Friedrichstein in Öl, der Familiensitz der Dönhoffs, Fotos und Stiche, ein Konterfei des Alten Fritz. Heimat ist überall. Der Dirigent klappt seinen Liegestuhl zurück und blinzelt in die Sonne. Gerade junge Komponisten, stöhnt er, dürften doch nicht mit angezogener Handbremse arbeiten. »Gehen Sie mit einem Kind in einen Süßigkeitenladen, und sagen Sie ihm: Du darfst heute so viel essen, wie du willst. Stopf in dich rein, was geht. Entweder es hat den Genuss, oder es hat etwas gelernt. Und im besten Fall beides.«
5. Juni 2005, Tag der Entscheidung. Eine letzte Anspielprobe noch, dann fliegen die Saaltüren auf. Und knapp 40 Minuten später ist alles vorbei. Gemessener Uraufführungsapplaus, Bravi kräuseln sich in der Luft. Jörg Widmann torkelt auf die Bühne, verbeugt sich, kriegt einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt, wird von Thielemann umarmt. Blass schaut er aus, zerbrechlich. Hinterher wird er sagen, dass er in solchen Momenten immer schon woanders sei. Sein nächster Auftrag kommt vom Deutschen Symphonie Orchester Berlin. Hinterher wird er auch sagen, die Philharmoniker hätten sein Stück geliebt. Diese Messe, die keine Messe ist, weil keine Sänger darin vorkommen und keine Orgel und kein Chor. In der das Orchester alles selbst machen muss. Auch das Gloria, das vertrackte, aus dem übrigens ein Echo-Choral geworden ist. Großes Glockengeläut, mächtig viel Budenzauber bei »Ehre sei Gott«. Funkelnd, flunkernd, sehr vergänglich. Dann die heikle Stelle: Streicher, Holzbläser, ganz flach, ganz zart, ganz ernst. Nur jetzt nicht die Nerven verlieren. Einatmen, ausatmen. Wie an der Herz-Lungen-Maschine. Kommt, Oboen, Klarinetten, singt. Friede auf Erden.
- Datum 14.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.07.2005 Nr.29
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