afrikaKongos kleines Wirtschaftswunder

Mitten in dem afrikanischen Chaosland stellt ein deutscher Unternehmer Medikamente gegen Malaria und Aids her von 

Eine Arzneimittelfabrik im Kriegsland Kongo, in einer verwahrlosten Stadt, die von hungrigen Soldaten beherrscht und wechselweise von Rebellenhorden und Stammesmilizen heimgesucht wird? Eigentlich ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Hier in Bukavu ist sie entstanden, die einzige Firma, die in Zentralafrika Malariatabletten herstellt und seit Anfang dieser Woche auch Aids-Medikamente. Man kann es sich beim besten Willen nicht vorstellen, wenn man auf den Schlaglochparcours, die einmal Teerstraßen gewesen sein müssen, durch diese Stadtruine rumpelt. Dies ist kein Standort für ein modernes Unternehmen.

Ein paar Minuten später stehen wir auf einem getrimmten Büffelgrasrasen und werden von schneeweißen Wänden geblendet. "Pharmakina" prangt in hellblauen Lettern über dem Eingang des Gebäudes. Drinnen, im klimagekühlten Empfangsraum, erinnert nur noch ein großes Porträt daran, dass wir uns immer noch im Kongo befinden: Le Général Major Président Joseph Kabila. "Ein guter Staatschef, er ist zwar noch jung", lobt Horst Gebbers, "aber er bringt wenigstens ein bisschen Stabilität ins Land."

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Horst Gebbers ist der Besitzer dieser Pharmafabrik, ein stämmiger, rundgesichtiger, silberhaariger Agronom aus Mecklenburg, den es 1972 in das damalige Zaire verschlagen hat. Erst war er Entwicklungshelfer, dann Plantagenmanager. Jetzt ist er selbstständiger Unternehmer, und er hat nach dreieinhalb Jahrzehnten Afrika jene Gemütsruhe, die man für diesen Job braucht. Sonst wird man wahnsinnig oder lebt nicht lange.

Hätte Gebbers zum Beispiel 1996, im ersten Kongo-Krieg die Nerven verloren, dann gäbe es ihn und vermutlich auch Pharmakina nicht mehr. Damals plünderten fliehende Regierungssoldaten die Fabrik. "Ich saß drei Tage lang unter diesem Tisch", erzählt Gebbers und deutet auf das wuchtige Möbel im Konferenzraum, "die hätten mich erschossen, wenn sie mich gefunden hätten." Zwei Jahre später wird Boehringer Mannheim, das Mutterhaus von Pharmakina, vom Schweizer Multi Hoffmann-La Roche geschluckt. Es vergeht kein Jahr, da stößt die Konzernzentrale in Basel den hoch riskanten Ableger im Chaosland Kongo ab. "Wer möchte die Firma haben?", werden die fünf Manager gefragt. Zwei heben sofort den Finger: Horst Gebbers und Etienne Erny, sein Partner aus dem Elsass.

Die Pharmafabrik ernährt rund 20000 Menschen

"Mission impossible", unken die Freunde damals. Heute ziehen sie den Hut. Die vorläufige Bilanz von Gebbers/Erny nach sechs Jahren: Unternehmen gerettet, Umsatz verdoppelt. Pharmakina ist Weltmarktführer in der Produktion des Malariamittels Chinin, das aus der Borke des in dieser Weltgegend gut gedeihenden Chinarindenbaumes gewonnen wird. Die Firma exportiert in 25 Länder, am Anfang waren es ganze drei. Zurzeit stehen 740 feste und rund 1000 freie Mitarbeiter auf der Lohnliste, und weil die Mehrzahl der Beschäftigten aus Großfamilien kommt, ist davon auszugehen, dass die Firma bis zu 20000 Menschen ernährt. Obendrein zahlt sie das Schulgeld für 6000 Kinder. Pharmakina ist der größte Arbeitgeber in Bukavu und die wichtigste Wirtschaftskraft in der Provinz Südkivu – Hoffnung in einem hoffnungslos anmutenden Landstrich.

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Aggregate, Kühlschlangen, blitzende Säuretürme, alles picobello. Diese Fabrik widerlegt die Stereotype, dass im Kongo außer der Schwerkraft nichts mehr funktioniere und dass der Kongolese als solcher arbeitsscheu sei. Man muss nur den freundlichen Herren mit der überdimensionalen Brille treffen: Gestatten, Monsieur Emmanuel Biringanine, Fabrikdirektor. Er ist seit 44 Jahren im Betrieb und mit Sekundärtugenden ausgestattet, die früher den Deutschen zugeschrieben wurden. "Es ist nicht immer einfach", sagt er mit einem lakonischen Lächeln, "aber es läuft."

Vor drei Jahren kam sein Chef auf eine neue Idee. Er las in einem Artikel die Geschichte von Krisana Kraisintu. Die streitbare Pharmazeutin aus Thailand hatte ein antiretroviales Kombinationspräparat "entwickelt", das HIV-Infizierten das Leben erleichtert und verlängert. Solche Aids-Arzneien sind normalerweile so teuer, dass sie sich Patienten aus armen Ländern nicht leisten können. Kraisintu stellte sie als Generika her, als Nachahmerpräparate, die nur noch einen Bruchteil der Originale kosten. Der Preis sinkt weiter, wenn die Pillen dort produziert werden, wo man sie am dringlichsten braucht: in Afrika. Auf diesem Erdteil hat das tödliche Virus nahezu 30 Millionen Menschen befallen.

In Krisenregionen wie dem Ostkongo verbreitet sich die Seuche besonders schnell, weil Rechtlosigkeit und Anarchie herrschen und die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist. Hinzu kommt, dass Soldaten, Rebellen und Kriegsfürsten Massenvergewaltigungen als Waffe einsetzen. Auch Angestellte von Pharmakina oder deren Angehörige sind unter den Opfern. "Vorigen Juni waren viele unserer Mitarbeiterinnen völlig verstört", erzählt Gebbers. Es war der unselige Monat, in dem die Rebellenhorde des Generals Nkunda über Bukavu herfiel, die Stadt plünderte und mehr als tausend Frauen schändete.

Die Aids-Therapie wird nur noch 20 Dollar im Monat kosten

Die HIV-Rate in der Belegschaft von Pharmakina ist hoch, wie hoch genau, weiß man nicht. "Wir können doch nicht zusehen, wie unsere Leute wegsterben", sagt Gebbers. Nun starteten er und sein Kompagnon die Produktion des antiretrovialen Medikaments – mit der Formel und dem Segen von Krisana Kraisintu. Afri-vir wird die afrikanische Variante ihres Generikums heißen, die monatlichen Therapiekosten sollen unter zwanzig US-Dollar liegen. Das ist viel Geld für die Einheimischen, aber viel weniger als die stratosphärische Summe, die sie für das Original hinblättern müssten: tausend Dollar im Monat.

In der neuen Produktionsabteilung muss man ab und zu aus dem Fenster schauen, um sich beim Anblick der ärmlichen Holzhütten, Maniok-Äcker und Macheten schwingenden Bäuerinnen zu vergewissern, dass man nicht bei Bayer in Leverkusen ist. Die "Pharmazeuten ohne Grenzen", aus Europa entsandt, um die Anlage zu begutachten, staunten: Eine solche Fabrik hätten sie in Afrika noch nicht gesehen. Die gebrauchten Tablettenpressen aus Thailand und das Zytometer zur Messung von Zelleigenschaften stehen bereit, alle Grundstoffe sind auf Lager. Selbst die für die Zulassung von Afri-vir zuständige Behörde in der Hauptstadt Kinshasa arbeitete schneller als die Entwicklungsverwalter im fernen Eschborn, wo die Zentrale der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) angesiedelt ist.

Dieses Thema will Anja Gebbers, die Schwiegertochter, lieber nicht kommentieren. Denn das Diagnose- und Beratungszentrum für HIV/Aids, das sie leitet, wird von der GTZ gefördert. Es liegt mitten auf dem Betriebsgelände und ist so neu, dass man noch die Farbe riecht. "Wenn wir schon Medikamente herstellen, dann müssen wir den Menschen auch erklären, wie sie richtig eingenommen werden." Anja Gebbers hofft, dass das Beispiel Pharmakina Schule macht. "Wenn’s das Kriegsland Kongo schafft, dann sollten es andere afrikanische Länder auch schaffen."

Aber auf diesem Kontinent gibt es keine Erfolgsgarantie, selbst für einen Haudegen wie Horst Gebbers nicht. "In zwanzig Jahren ist der Kongo ein starkes Land, dachte ich am Anfang. Jetzt bin ich dreißig Jahre hier… Sie sehen ja selber, wie’s aussieht. Nehmen Sie nur die Beamten in Bukavu, die haben seit vier Jahren kein Gehalt mehr gesehen." Die Korruption ist allgegenwärtig wie eine Seuche. Aber die größten Probleme, sagt Gebbers, seien die miserable Sicherheitslage, der immer wieder auflodernde Bürgerkrieg, die Gewaltexzesse. Jederzeit könne der Nachschub von Rohstoffen abbrechen. "Der Zugang zu den Plantagen ist wie russisches Roulette. Unsere Pflanzung in Kaheyo habe ich zum Beispiel seit acht Jahren nicht mehr betreten – sie liegt im Gebiet der Mai-Mai-Milizen." Auch am Ende der Produktionskette reißen manchmal Glieder. "Der Junikrieg im Vorjahr hat uns viel Geld gekostet, weil die Straßen blockiert waren und die Grenze nach Ruanda sechs Wochen geschlossen war." Das Bankwesen ist seit Jahren flächendeckend kollabiert, große Geldbeträge können nur über Mittelsmänner transferiert werden. Als ob das alles nicht schon genug der Widrigkeiten wären, wenden sich nun auch noch die Naturgewalten gegen das Unternehmen. Die Temperatur des Wassers aus dem Lake Kivu, das man für Kühlprozesse braucht, ist gestiegen, weil Anfang 2002, nach dem Ausbruch des Nyiragongo-Vulkans oben in Goma, Millionen Tonnen von glühender Lava in den See strömten.

Wir sitzen auf einer Veranda über dem See, daheim bei der Familie Gebbers, ringsum Baumriesen, Blumen in flammenden Farben, Kronenkraniche, der krächzende Hauspapagei. Wie packt man die Herausforderungen? "Mit Bauernschläue", sagt der gelernte Landwirt Gebbers und schmunzelt. Er sieht jetzt aus wie Bauer Mecke von Wilhem Busch. "Als Unternehmer brauchst du außerdem gute Bierkollegen." Man muss die wechselnden Machtbündnisse lesen und die Winkelzüge der Akteure riechen können. Vor allem aber muss man kurze Drähte haben, zum Gouverneur, zum General der Armee, zu den Rebellenführern und Chefs der Milizen. "Einem normalen deutschen Manager würde ich hier drei Monate geben. Dann wäre die Firma am Ende." Die Nachfolger müssen afrikagehärtete Menschen sein wie seine Söhne Dirk und Michael, die bei Pharmakina wichtige Rollen spielen.

Das Handy schrillt. Der Arbeitsinspektor. Er war unterwegs, um Abfindungen auszuzahlen, eine Million Francs congolaises, knapp 62000 Dollar. Soeben wurde er im Busch überfallen und ausgeraubt, alles weg. "Mist", knurrt Gebbers. Ob es gewöhnliche Räuber oder Gendarmen waren, wird man nie erfahren, abgesehen davon ist im Kongo die Unterscheidung der beiden Berufe nicht einfach. Frau Gebbers trägt gerade Pizzaschnittchen auf, als Whisky, der Wachhund, anfängt zu knurren. Vom jenseitigen Seeufer ist dumpfes Grollen zu hören, als kündige sich ein Tropensturm an. "Gefechtslärm", sagt unser Gastgeber trocken, "ich höre das gar nicht mehr." Fünf Minuten später, das Geknatter ist lauter geworden, greift er zum Handy, und schon nach dem ersten Satz verfärbt sich sein Gesicht. Die Kämpfe laufen unmittelbar hinter Pharmakina. Eine verirrte Mörsergranate, die im Leichtbenzinlager einschlägt, nicht auszudenken…

An diesem Samstag sterben sechs Menschen, zwei Zivilisten und vier Militärs. Pharmakina bleibt unversehrt, die Arbeit in der Fabrik geht normal weiter. Es hätte aber auch ganz anders kommen können. Es kann in Bukavu jeden Tag ganz anders kommen.

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