Das Szenario ist neu, aber nicht weniger beängstigend. Bisher fürchteten sich die israelischen Sicherheitskräfte stets vor Palästinensern, die sich in Massen auf Checkpoints zubewegen könnten, um so Abriegelungen zu durchbrechen. Nun müssen sie israelische Demonstranten auf ihrem Weg nach Gush Katif aufhalten – erstmals seit dem Irak-Krieg 2003 ist die israelische Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden.

Der Siedlungsblock im Gazastreifen war vergangene Woche für alle Nicht-Bewohner abgeriegelt worden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Abzugsgegner dorthin strömen und die für Mitte August geplante Evakuierung der Siedler stören.

Von Montag bis Mittwoch war die Protestaktion geplant. Der Siedlerverband hatte es jedoch "versäumt", der Polizei die genaue Route und Länge des Marsches mitzuteilen. Und weil sie kein Risiko eingehen wollten, taten rund 10.000 Polizisten schon am ersten Tage alles, um die Demonstranten schon bei ihrer Anreise zum Versammlungsort in Netivot, rund 35 km vom Checkpoint Kissufim entfernt, aufzuhalten. Busse wurden auf ihrem Weg gestoppt, Führerscheine konfisziert. Was Siedler und ihre Sympathisanten dazu brachte, von der bisher "schwersten Verletzung von Demokratie" zu sprechen. Der Minister für interne Sicherheit Gideon Ezra sieht das anders: "Wir können sie (die Demonstranten) nicht marschieren lassen", sagt er, weil sonst der für Mitte August geplante Abzug aus Gaza gefährdet sei.

Noch aber ist die echte Konfrontation nur vertagt. 7.000 Demonstranten haben die Nacht – am Ende eines langen Katz- und Maus-Spiels mit der Zustimmung der Polizei – in Kfar Maimon verbracht, das nur fünf Kilometer vor Netivot liegt. Sobald die Hitze gegen Abend ein wenig nachlässt, wollen sie erneut versuchen in Richtung Gaza zu marschieren. Zuvor aber muss der Siedlerverband entscheiden, wie die Protestaktion weiter verlaufen soll. Sie müssen sich zwischen drei Optionen entscheiden: Den Marsch auf Gaza weiter verfolgen und sich auf eine Konfrontation mit der Polizei einlassen, in Kfar Maimon ausharren, oder Protestaktionen anderswo im Land abhalten.

"Wird Israel diesen Sommer überleben? Man kann davon ausgehen." Das schrieb der prominente Kommentator Ari Shavit am Dienstag angesichts dieser Kraftprobe in der Tageszeitung Haaretz. Doch sei die jüngste Entwicklung sehr beunruhigend. Denn sie zeige "auf beiden Seiten eine unqualifizierte Bereitschaft, Normen zu verletzen". Wenn sich dieses Verhalten nicht ändere, dann könnte die Evakuierung von Gush Katif in einem beispiellosen Identitätstrauma enden.