london & die folgen »Unser London«
Erstmals geht nach Anschlägen im Westen eine Welle der Empörung durch die arabische Welt
Es waren keine charmanten Bilder, die einige Araber abgaben, als sie nach den Terroranschlägen auf Amerika am 11. September 2001 vor Schadenfreude auf den Straßen tanzten. Nicht besser wirkten die gequälten Solidaritätserklärungen mancher Muslime mit den Opfern der Angriffe auf Madrider Bahnhöfe am 11. März 2004. Ähnliche Verrenkungen, um das Leid anderer zu ignorieren, hätten deshalb nach den Bomben auf die Londoner U-Bahn niemanden gewundert.
Diesmal aber ist alles anders. Im quirligen Beirut etwa herrschte am Abend des 7. Juli Stille auf den Straßen. In Saudi-Arabien hockten viele Familien verstört vor dem Fernseher, als sie auf al-Arabija-TV die Bilder aus London sahen. In den Fernsehnachrichten gaben arabische Politiker und hohe Geistliche ihre Abscheu zum Besten – in Worten, die in ihrer Eindeutigkeit und uneingeschränkten Härte neu sind.
Zum Beispiel der Kultscheich Jussuf al-Qaradawi, auf dessen guten Rat in allen Lebenslagen Tausende von sunnitischen Muslimen in der Welt hören. »Selbst in Kriegszeiten, wenn Armeen aufeinander einschlagen«, sagt Qaradawi, »ist es nicht erlaubt, Zivilisten zu töten.« Genauso sieht es der schiitische Ajatollah Mohammed Hussein Fadlallah im Libanon: »Diese Barbarei wird vom Islam abgelehnt.« Die Londoner Attentate werden sogar von Organisationen verurteilt, deren Inbegriff der Selbstmordattentäter ist. Die palästinensische Hamas und die libanesische Hamas verabscheuen die Angriffe auf Londoner Zivilisten aus »humanitären, moralischen und religiösen Gründen«.
Die Radikalislamisten zündeten die Bombe mitten im Viertel der Muslime
Was ist passiert? War es die Gleichzeitigkeit des Terrors, der in London 52 Menschen tötete und im Irak den ägyptischen Botschafter das Leben kostete? Wohl kaum. Viele arabische Zeitungen kritisierten zwar die Hinrichtung des Diplomaten durch al-Qaida, aber die meisten beschrieben ihn als Opfer im Kampf um die internationale Anerkennung der neuen irakischen Regierung. Manche fügten noch spitz hinzu, dass er ja zuvor Botschafter in Israel gewesen sei – als würde dies irgendetwas rechtfertigen. Fest steht: Die Anschläge auf Zivilisten im westlichen London wühlen die Araber tief auf, nicht der Tod eines arabischen Beamten. Warum?
De r Ort: Die erste Erklärung findet sich in der britischen Weltstadt selbst. London ist neben Paris die größte arabische Stadt außerhalb der arabischen Welt. Von den 1,7 Muslimen in Großbritannien leben viele in London, wo man – eingepfercht zwischen Satellitenschüsseln, arabischen Zeitungsständen und Falafel-Imbissen – ein Leben führen kann wie in Kairo oder Damaskus. Schon im 19. Jahrhundert zogen Araber nach London, der Bildung, des Handels, des besseren Lebens wegen. »Heute kommen die Araber nach London, weil sie der Unterdrückung in ihrer Heimat entkommen, weil sie in Freiheit leben wollen«, sagt ein religiöser Journalist vom Sender al-Arabija, der häufig nach London reist. Absurd sei es, dass eine der Bomben ausgerechnet an der Londoner Edgware Road hochging – mitten im Viertel der Muslime.
Das allerdings ist vielfältig. In London sind arabische Liberale ebenso untergeschlüpft wie Islamisten, Tausende von ihnen auch gewaltbereit. Deshalb hat die britische Hauptstadt sich in der arabischen Welt den Ruf eines »Nervenzentrums des internationalen Terrorismus« verdient. Flugblätter werden hier gedruckt, Videos produziert, Netzseiten eingerichtet, Geld gesammelt. Wer in Afghanistan bis zur Ermattung gegen die Amerikaner gekämpft hat, darf in London durchatmen. Dies schreibt die algerische Zeitung al-Watan und fährt fort, dass al-Qaida mit London den eigenen Rückzugsraum angegriffen habe, eine Stadt, die Islamisten Asyl gewährt habe – trotz harscher Kritik aus Frankreich und den USA. Die Zeitung Asharq al-Awsat, die, von Saudis finanziert, in London erscheint, greift die »tumbe Großzügigkeit« der Briten direkt an: »Wir haben nie verstanden, warum sie jenen Arabern Visa gewährten, die in ihren eigenen Ländern wegen politischer Verbrechen und religiösen Extremismus verurteilt waren.« Der Sinn und Zweck eines liberalen Asylrechts geht in dieser Lesart zwar unter, aber der arabische Albdruck ist spürbar. Denn den drei großen Anschlägen im Westen (New York, Madrid, London) steht eine Vielzahl von Attacken in der islamischen Welt seit dem 11. September gegenüber. Städte wie Riad, Dschidda, Istanbul, von Bagdad ganz zu schweigen, leben unter steter Terrordrohung. Insgesamt sind durch Anschläge in den vergangenen vier Jahren mehr Araber ums Leben gekommen als Angehörige westlicher Staaten. Allerdings, im Westen nimmt davon kaum jemand Notiz.
Das Image: Was immer mehr Araber umtreibt, ist die Furcht, in der globalisierten Welt in die Schmuddelecke der Bombenleger und Menschenfeinde zu geraten. Die Netzseite Islam online befragte ihre Nutzer, ob sie glauben, dass die UBahn-Anschläge das Bild des Islams und der Muslime in der Welt beeinträchtigt hätten. Weit über 50 Prozent antworteten mit Ja. »Die Bomben von London werden das miese Bild des Islams noch einmal verstärken«, fürchtet die vorsichtig liberale saudische Zeitung al-Watan. Mit unangenehmen Folgen: »Die arabischen und islamischen Exilgemeinden dürften deshalb verfolgt und zur Rechenschaft gezogen werden.«
Die Verantwortung: In den Endlosdiskussionen auf arabischen Satellitenkanälen streiten sich Politik-Astrologen nun, was schlimmer sei: israelische Angriffe auf Palästinenser oder Al-Qaida-Attacken auf westliche Großstädte. Beliebteste Einlassung: Alles sehr bedauerlich, aber ach, Irak und Palästina. Ein notorischer Verbreiter dieses Arguments ist der Chefredakteur der in London erscheinenden palästinensischen Zeitung al-Quds al-Arabi. »Tony Blair muss begreifen«, schreibt Abdel-Bari Atwan, »dass er den Antiterrorkrieg in den Mittleren Osten getragen hat und dass die Terroristen genauso denken und nun die Schlacht nach London verlegt haben.«
»Wir sind vor allen anderen verantwortlich für diesen Terror«
Diesem Zahn-um-Zahn-Stil ist der Kolumnist Amir Taheri weit voraus. »Die Londoner Anschläge sind die bittere Frucht einer Religion, die von einer extremistischen Minderheit gekidnappt wurde, während die Mehrheit staunend zuschaut«, schreibt er in Asharq al-Awsat. »Solange Muslime diese Angriffe nicht ohne Wenn und Aber verurteilen, werden die Mörder glauben dürfen, dass sie die Unterstützung aller Muslime haben.« Die wahre Schlacht gegen die »Feinde der Menschheit« werde beginnen, wenn die »stille Mehrheit in der islamischen Welt ihre Stimme erhebt gegen die Mörder und all jene, die sie finanzieren.«
Journalisten wie Taheri sind keine Außenseiter. Es sind teilweise bisswütige Kritiker der amerikanischen Politik im Nahen und Mittleren Osten, die die Bomben in London für die ganz falsche Antwort auf George Bush zur falschen Zeit halten. »Araber und Muslime müssen den Antiterrorismus-Kampf anführen«, fordert der Kommentator Dschihad al-Chasen in der einflussreichen Zeitung al-Hayat. »Wir sind vor allen anderen verantwortlich für diesen Terrorismus, und deshalb müssen wir ihm Widerstand zu leisten. Diese Aufgabe beginnt nicht damit, dass wir unsere Verantwortung auf andere abwälzen.«
Der Westen hat durch die Anschläge in London keine neuen Freunde im Nahen Osten gewonnen. Wohl aber wächst die Zahl der Araber, die Terrorismus als persönliche Bedrohung ansehen. Wer Verbündete im Antiterrorkampf sucht, muss also nicht zwingend mit Diktatoren paktieren. Auch die Beherrschten reichen die Hand.
- Datum 14.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.07.2005 Nr.29
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