london & die folgen »Unser London«Seite 2/2
Die Verantwortung: In den Endlosdiskussionen auf arabischen Satellitenkanälen streiten sich Politik-Astrologen nun, was schlimmer sei: israelische Angriffe auf Palästinenser oder Al-Qaida-Attacken auf westliche Großstädte. Beliebteste Einlassung: Alles sehr bedauerlich, aber ach, Irak und Palästina. Ein notorischer Verbreiter dieses Arguments ist der Chefredakteur der in London erscheinenden palästinensischen Zeitung al-Quds al-Arabi. »Tony Blair muss begreifen«, schreibt Abdel-Bari Atwan, »dass er den Antiterrorkrieg in den Mittleren Osten getragen hat und dass die Terroristen genauso denken und nun die Schlacht nach London verlegt haben.«
»Wir sind vor allen anderen verantwortlich für diesen Terror«
Diesem Zahn-um-Zahn-Stil ist der Kolumnist Amir Taheri weit voraus. »Die Londoner Anschläge sind die bittere Frucht einer Religion, die von einer extremistischen Minderheit gekidnappt wurde, während die Mehrheit staunend zuschaut«, schreibt er in Asharq al-Awsat. »Solange Muslime diese Angriffe nicht ohne Wenn und Aber verurteilen, werden die Mörder glauben dürfen, dass sie die Unterstützung aller Muslime haben.« Die wahre Schlacht gegen die »Feinde der Menschheit« werde beginnen, wenn die »stille Mehrheit in der islamischen Welt ihre Stimme erhebt gegen die Mörder und all jene, die sie finanzieren.«
Journalisten wie Taheri sind keine Außenseiter. Es sind teilweise bisswütige Kritiker der amerikanischen Politik im Nahen und Mittleren Osten, die die Bomben in London für die ganz falsche Antwort auf George Bush zur falschen Zeit halten. »Araber und Muslime müssen den Antiterrorismus-Kampf anführen«, fordert der Kommentator Dschihad al-Chasen in der einflussreichen Zeitung al-Hayat. »Wir sind vor allen anderen verantwortlich für diesen Terrorismus, und deshalb müssen wir ihm Widerstand zu leisten. Diese Aufgabe beginnt nicht damit, dass wir unsere Verantwortung auf andere abwälzen.«
Der Westen hat durch die Anschläge in London keine neuen Freunde im Nahen Osten gewonnen. Wohl aber wächst die Zahl der Araber, die Terrorismus als persönliche Bedrohung ansehen. Wer Verbündete im Antiterrorkampf sucht, muss also nicht zwingend mit Diktatoren paktieren. Auch die Beherrschten reichen die Hand.
- Datum 14.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.07.2005 Nr.29
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