Heute ist MP3-Tag. Ich berühre die Pause-Taste meines iPod und überlege, wie dieses Datum auf meiner persönlichen Rangliste andere Feier- und Gedenktage hinter sich lässt. Wohlmeinende Menschen riefen einst den Welttag des Buches und den Tag der Milch aus. Ginge es nach mir, es würde das Fest der Digitalmusik gefeiert. Heute und jedes Jahr.

Diesmal wäre es gar eine Jubiläumsfeier. Weil am 14. Juli 1995, vor genau zehn Jahren, am Erlanger Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) der ISO-Standard IS 11172-3 (MPEG Audio Layer 3) die Dateiendung .mp3 verpasst bekam. Die Entwickler- zwischenzeitlich waren 40 Mitarbeiter beteiligt - des Kompressionsverfahrens hatten abgestimmt. Die Endung .bit, die sie bis dahin intern benutzt hatten, war fortan passé.

Das Verfahren zum Verkleinern von Musikdateien macht aus den 30 Megabytes eines 3 Minuten langen Stücks handliche 3 Megabytes. Nie werde ich das erste Mal vergessen, als ich so eine Sounddatei (Push von Matchbox 20) per Email bekam und mit der Winamp-Software abspielte. CD-weise gebrannte ("burn") Musik sollte folgen.

Termin und Jahr meines Gedenktags sind allerdings willkürlich gewählt. Denn die Firma Thompson, Partner der IIS-Forscher, lizensierte schon ab 1992 die zugrunde liegende Technik an Industriekunden. Und die Massen-Popularität in der zweiten Hälfte der Neunziger entstand eigentlich durch ein Versehen: Software zum Komprimieren ("rip") tauchte ungeplant im Internet auf und sorgte dafür, dass Verfahren und Format eine unvorhergesehene Eigendynamik entwickelten. Der Zeitpunkt ist nebensächlich, die Möglichkeit zählt. Ein Geschenk, die Technologie aus dem bayrischen Labor. Der 14. Juli war ihr Tauftag - darum lasst uns .mp3 heute feiern!

"Musik ist die einzige Kunst, die nicht den Umweg über das Gehirn nimmt", wird John Lennon zitiert. "Sie geht direkt ins Herz, folgt uns aufs Klo und ins Schlafzimmer." Dank .mp3 tut sie das nun auch außer Haus. Musik an sich, nicht mehr eine 90-Minuten-Endlosschleife - sondern mein komplettes Musikarchiv. Das neue Coldplay-Album, meine Beatles-Sammlung und jeder Song, an dem irgendeine Erinnerung hängt.

Im Dreiklang machte mp3 uns Walkmankinder der 80er Jahre zu Trägern eines omnipräsenten Lebenssoundtracks:

Track 1 - Die geschrumpfte Musik kann im neu entdeckten Internet verschickt und getauscht werden. Plattensammlungen wandern vom Wohnzimmerregal in den PC.
Track 2 - Kleine Abspielgeräte mit Speicherkarte machen immer neu zusammen gewürfelte Kombinationen ("mix") aus diesen Bibliotheken unterwegs hörbar.
Track 3 - Minifestplatten verleihen den Unterwegsabspielern die Kapazität, immer jeden Song dabei zu haben. Das persönliche Archiv wird zur Instant-Sammlung.

Lohnt es sich noch, einen Festtag für eine Technologie auszurufen, an der ein Jahrzehnt Entwicklung vorbei gestrichen ist? Ist .mp3 nicht längst obsolet, angesichts seiner jungen, frechen Format-Cousins, des patentfreien Ogg Vorbis, des Windows-integrierten WMA, der überlegenen Nachfolger AAC, AAC Plus und MP3pro?

So, wie ich heute noch Platte sage, wenn ich ein neues Album meine, obwohl es entmaterialisiert statt in Vinyl gepresst daher kommt - so wurde komprimierte Digitalmusik mit dem Schlagwort mp3 popularisiert  und so erhielten eine Anwendung und ein Gerätetyp ihren Namen. Und wenn ich mich darüber ärgere, dass die in AAC kodierte Musik, die mein iPod birgt, nicht auch im Windows Mediaplayer abläuft, wenn ein Dutzend Musiklade-Portale im Web eigene Musikformate anbieten - wenn ich sicher gehen will, dass ein Sound, der mir am Herzen liegt, auch in ferner Zukunft noch entziffert werden kann, greife ich auf mp3 als universelles Austauschformat zurück. Denn das wird es bleiben, für Jahrzehnte. Noch viel Zeit zu feiern.

Happy Birthday mp3,
rip, mix & burn!