Heute wird nicht gejammert, nicht genörgelt, sondern gefeiert! Denn dies ist ein guter Tag für Deutschlands Schulen. Der Pisa-Bundesländervergleich bietet mehrfach Anlass zur Freude. Erstens: Bayern, schon vor drei Jahren unser Pisa-Primus, konnte sich noch einmal deutlich steigern und hat im internationalen Vergleich Anschluss an die Spitzengruppe um Finnland und Korea gefunden. Wer hierzulande Vorbilder für die Schulentwicklung sucht, kann Kosten sparen und die nächste Pilgerreise nach Bayern buchen.

Zweitens: Mit Sachsen und Thüringen, die sich ebenfalls erheblich steigern konnten, bilden zwei neue Länder zusammen mit Bayern und Baden-Württemberg Deutschlands Pisa-Spitzengruppe. In Mathematik und in den Naturwissenschaften hat sich Sachsen sogar vor Baden-Württemberg geschoben. Labsal für die geschundene Ostseele.

Drittens: Auch unsere „Kellerkinder“ sehen Licht. Bedeutende Leistungszuwächse im Vergleich zur letzten Pisa-Studie können in allen Testfeldern Bremen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg vorweisen. In Mathematik und bei den Naturwissenschaften auch Mecklenburg-Vorpommern. Damit sind jene Bildungspessimisten widerlegt, die meinen, eine miese Wirtschaftslage oder ein hoher Anteil von Einwandererkindern seien unüberwindbare Hürden für gute Schulleistungen. Das zeigt auch eine interessante Zusatzinformation der Pisa-Forscher. Sie haben, - Wunder der Statistik! - in einer Zusatzberechnung so getan, als hätten alle Bundesländer die gleiche soziale Situation und den gleichen Anteil von Einwandererkindern – die Reihenfolge der Bundesländer würde sich kaum verändern. Die Pisa-Daten zeigen auch, dass vom Auseinanderdriften der Schüllerleistungen keine Rede sein kann. Starke wie schwache Länder konnten sich steigern.

Viertens: Noch einmal wird drastisch bestätigt, dass Gerechtigkeit und Leistung in der Schule kein Gegensatz sein müssen. Im Gegenteil: Unsere Pisa-Spitzenreiter Bayern, Sachsen und Thüringen sind (zusammen mit Brandenburg) gleichzeitig die Sieger in puncto Gerechtigkeit. In diesen Ländern sind die Leistungen der Schüler am wenigsten an die soziale Herkunft „gekoppelt“, wie die Bildungsforscher sagen. Augenscheinlich ist das Fordern von Leistung ein entscheidender Faktor auf dem Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit an den Schulen.

Und wo bleibt das Negative? Erstens: Bei der Schlüsselkompetenz, der Lesefähigkeit, hat sich am wenigsten getan. Und hier liegen die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen, aber auch das Saarland, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern unter dem internationalen Durchschnitt. Das mag daran liegen, dass die deutsche Leseschwäche erst spät entdeckt wurde, während die Mängel in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen schon vor Jahren durch internationale Studien wie Timss (Third International Mathematics and Science Study) aufgedeckt wurden und seitdem der Unterricht verbessert wird.

Zweitens: Negativ fällt auch auf, dass die Begabung unserer Schüler in Mathematik nicht ausgeschöpft wird. Im Testfeld „Problemlösekompetenz“ schneidet Deutschland überdurchschnittlich gut ab. Dabei geht es beim Problemlösen im wesentlichen um Mathematik, nur sind die Aufgaben anders verkleidet. Ein anderer Mathematikunterricht, der sich mehr am Lösen von Problemen orientiert und weniger am Lösen abstrakter Aufgaben, könnte Wunder wirken.

Und letztens: Noch immer liegen in Deutschland die Leistungen der besten und der schlechtesten Schüler viel weiter auseinander als in den Pisa-Siegerländern. Das liegt offensichtlich an der starken Gliederung des Schulsystems, mit dem auch die soziale Ungerechtigkeit verstärkt wird. Thüringen und Sachsen sind hier relativ erfolgreich, weil sie neben dem Gymnasium nur eine weitere Schulform kennen. Und Bayern fährt besser als jene Länder, die neben Haupt- und Realschule und Gymnasium zusätzlich Gesamtschulen eingeführt haben. Genug Stoff zum Nachdenken also.

Ab Morgen. Heute wird sich erstmal gefreut.

Zum Thema:

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse aus PISA (IPN, Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften)

Block/Klemm: Studie "Gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet?" Faktenreiche Hintergrundstudie zu den wirtschaftlichen und schulischen Rahmenbedingungen (Arbeitsgruppe Bildungsforschung/Bildungsplanung, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Psychologie, Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen)