DIE ZEIT: Professor Helmke, die neue Pisa-Studie hat erneut zwischen den Bundesländern große Unterschiede in den Schülerleistungen offenbart. Was machen die Lehrer im einen Bundesland eigentlich besser als im anderen?

Andreas Helmke: Das wissen wir nicht. Wir kennen zwar die sozialstrukturellen Unterschiede zwischen den Bundesländern, wissen etwa, dass es in einigen Regionen mehr Kinder mit Migrationshintergrund gibt als in anderen. Ob, sagen wir einmal, bayerische Lehrer besser unterrichten als ihre Bremer Kollegen, darüber gibt es keine Erkenntnisse. Vom Leistungsgefälle kann man keinesfalls auf die Unterrichtsqualität rückschließen.

ZEIT: Gibt es denn überhaupt so etwas wie guten Unterricht?

Helmke: Es gibt nicht den guten Unterricht im Sinne einer bestimmten, durchweg überlegenen Methode. Wir haben uns in einer Vergleichsstudie diejenigen Lehrer genauer angeschaut, deren Klassen am besten abschnitten. Und siehe da: Im Unterrichtsstil haben sie sich fundamental voneinander unterschieden. Einige arbeiteten mit viel Humor, andere konnten ihre Schüler mit ihrer Begeisterung fürs Fach mitreißen. Einige ließen die Schüler häufig in Gruppen üben, andere bevorzugten den Frontalunterricht. Und sie alle kamen zu hervorragenden Ergebnissen.

ZEIT: Wie geht das zusammen? Gerade der Frontalunterricht wird doch häufig für die schlechten Ergebnisse deutscher Schulen im internationalen Vergleich verantwortlich gemacht?

Helmke: Frontalunterricht muss keineswegs schlecht sein. In Japan beispielsweise, das in allen Vergleichsuntersuchungen gut abschneidet, ist der Unterricht sehr lehrergesteuert, und die Schüler sind dennoch keineswegs passiv. Da fragt der Lehrer die Schüler nach Ideen und lässt viel Zeit für Antworten. Das hat mit stumpfem Pauken nichts zu tun.

ZEIT: Das schülerferne Lernen wird bei uns oft mit dem so genannten fragend-entwickelnden Unterricht in Verbindung gebracht. Was ist an diesem Stil falsch?

Helmke: Moment mal, eigentlich ist der fragend-entwickelnde Unterricht eine sehr anspruchsvolle Technik. Man spricht auch von der sokratischen Methode, weil der Lehrer hier wie Sokrates versucht, im Gespräch die Erkenntnisse aus den Schülern herauszulocken. Viele deutsche Lehrer pflegen diese Methode besonders in den Naturwissenschaften. In der Praxis jedoch führt sie leider oft in die Sackgasse.

ZEIT: Warum?

Helmke: Es gelingt vielen Lehrern nicht, ihren Schülern genügend Raum für eigene Lösungen zu geben. Sie sind zu fixiert auf das Unterrichtsziel, in vorgegebener Zeit ein bestimmtes Wissenspensum abzuarbeiten. Dabei stören dann zwei Arten von Schülerantworten: die fehlerhaften und die zu intelligenten, weil sie das Tempo entweder verlangsamen oder dem Unterrichtsplan vorgreifen. So kommt der Lehrer aus dem Tritt, und das hehre Unterrichtsgespräch degeneriert zur Farce. Die Schüler denken nicht mehr selbst nach, sondern versuchen eher wie Hunde an der kurzen Leine zu erschnüffeln, worauf der Lehrer wohl hinauswill.