Im Yachthafen von El-Gouna, vielleicht hundert Meter vom Pier entfernt, liegt mit schräg gestelltem Ruder ein Holzboot vor Anker. Es dreht sich gereizt mit den Böen, wirkt etwas ramponiert mit seinem herabhängenden Sonnendeck, rostbraun eingefärbt vom Flugsand - und doch, eine gewisse Eleganz hat es sich im Roten Meer bewahrt. Die anderen Boote sind so dick und selbstbewusst, sagt Sandra Simpson, der das Schiff seit 20 Jahren gehört, sie bleiben, wo sie sollen, auch wenn richtig Sturm ist. Mein Boot zappelt sofort wie ein sterbender Fisch an der Angel.

Deutsche Touristen, die im ägyptischen El-Gouna Urlaub machen, erkennen die Carin II meistens schon am dritten Tag. Hermann Görings schnittige Yacht, die als Nachbau 1991 sogar eine Rolle in Helmut Dietls Film Schontk spielte, belegt seit dem stern-Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher einen festen Platz im Gedächtnis der Deutschen. Dabei ist die Carin II gar kein deutsches Schicksalsschiff wie andere aus dieser Epoche, die später in pathetischer Marineprosa verklärt wurden. Der dicke Reichsmarschall schipperte insgesamt nur zwei Jahre auf ihr herum. Eher ist sie ein Beiboot der Geschichte, mal in Untiefen großer Ereignisse unterwegs, meistens jedoch in ruhigen historischen Binnengewässern - und einmal rutschte sie auch in den Schlick einer öffentlichen Groteske.

Glück brachte sie ihren wechselnden Besitzern nicht. Ihre Geschichte klingt sogar ein bisschen traurig, wie ein Seemannslied vom launenhaften Meer. Sie war ein Geschenk der deutschen Autoindustrie an Göring, mit dem es kein gutes Ende nahm. Nach dem Krieg fiel sie an die Engländer, später machte der junge Prince Charles auf ihr Urlaub. In den Sechzigern fuhr ein Bonner Druckereibesitzer mit ihr auf dem Rhein spazieren, später beklagte er sich, seine Ehe sei gescheitert, das Drama habe sich weitgehend an Bord abgespielt.

Der stern-Reporter Gerd Heidemann ging in einem selbst erzeugten Strudel unter. Sogar der große Knick in Sandra Simpsons Leben hatte mit der Carin II zu tun.

Hurghada, etwa zwanzig Kilometer südlich von El-Gouna gelegen, ist das älteste Touristenzentrum am Roten Meer, voller Tauchschulen und Kramläden, in denen es geklonte Pharaonenköpfe und Wasserpfeifen zu kaufen gibt. Zu Beginn des Booms, 1983, arbeitete die Amerikanerin Sandra Simpson hier als erste weibliche Tauchlehrerin Ägyptens. Sie lebte mit ihrem ägyptischen Mann Mustafa Karim in einem großen Haus, als alles noch Sand und Strand war.

Hurghada war improvisiert, aber schick, Briten und Amerikaner kamen zum Wassersport. Später, als die großen Hotelkomplexe standen, kamen die Deutschen. Jetzt amüsiert sich hier die russische Mittelklasse.

Göring, Prince Charles, Adenauer: Sie alle fuhren schon auf der Carin II