Es dauert eine Weile, bis man sich orientieren kann, zwischen all den Schaufenstern und Auslagen und in der Kakofonie der Stimmen und Sprachen. Bis die Bilder bei aller quirligen Geschäftigkeit durchatmen und ihre Geschichten zur Besichtigung freigeben. Sie erzählen von Vertreibung und Emigration, von Menschen, die in einer Ladenpassage im jüdischen Viertel von Buenos Aires gestrandet sind. Es sind Existenzen, die versuchen, in einer eigenwilligen kulturellen Diaspora Wurzeln zu schlagen. Im Passagen-Niemandsland zwischen Argentinien und Europa, damals und jetzt. Oder die, wie im Fall der Hauptfigur Ariel (Daniel Hendler), von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben werden. Sehnsucht nach dem verlorenen Vater und nach einer Heimat, die nie eine war.

El Abrazo Partido, der auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären und den Preis für den besten Darsteller gewann, ist der vierte Film des argentinischen Nachwuchsregisseurs Daniel Burman. Sein filmisches Patchwork der Lebenswege hat Burman in einer etwas heruntergekommenen Markthalle angesiedelt, Emigranten aus allen Teilen der Erde haben sich hier niedergelassen. Da gibt es den Export-Import-Händler Joseph, der eigentlich lieber Rabbi geworden wäre, als Plüschtiere und Kinderschminkspiegel zu verhökern. Den Schreibwarenhändler Osvaldo, der seit einer Ewigkeit keinen Bleistift mehr losgeworden ist. Nebenan ein koreanisches Pärchen, das bis vor seiner Ankunft in Argentinien noch keine Ahnung von kosmischen Energieflüssen hatte und jetzt Feng-Shui-Zubehör an noch Ahnungslosere verkauft. Rita, die äußerst aufgeschlossene Blonde aus dem Internet-Café. Und schließlich Ariel, einen abgebrochener Studenten, der seiner Mutter gelegentlich in ihrem Geschäft für Damenunterwäsche aushilft.

Die soziokulturelle Architektur der Passage bildet den Hintergrund für Ariels Suche nach dem eigenen Standort zwischen verschwindenden Traditionen und hochfliegenden Zukunftsträumen. Und wie die meisten der nachrückenden Generation, hofft er auf einen europäischen Pass, auf eine Zukunft weit weg von den kleinen Laden-Biotopen und dem wirtschaftlich desolaten Argentinien.

Wie der 32-jährige Regisseur ist auch der Protagonist polnisch-jüdischer Abstammung. Sein Off-Monolog bündelt die Geschichte der Ladenbetreiber, schildert das langsame Verschwinden der Verkäufer in den schwarzen Löchern der Wirtschaftsmisere und die eigene wütende Suche nach einem Vater, der die Familie nach Ariels Beschneidung verlassen hat, um in den Jom-Kippur-Krieg zu ziehen. Mit den polnischen Papieren der Großmutter will er den Weg zurück in eine Heimat finden, die er nur vom Hörensagen kennt.

Begleitet wird er von einer Kamera, die seiner Sprunghaftigkeit geschmeidig folgt und stets auf Augenhöhe mit ihm bleibt. Zu seinen mal abgeklärten, mal anrührenden Ausführungen lässt sie leichte Schwermut in den Bildern aufziehen. Letzlich ist El Abrazo Partido ein Abschied, der einfach kein Ende finden kann. Weil der Vater ein Phantom bleibt und die eigene Identität zu keinem Pass der Welt passen will. Weil die Diaspora ohnehin ein Leben im Dazwischen ist. Und weil ein Stück der eigenen Familiengeschichte vor einem halben Jahrhundert im Warschauer Ghetto unterging. Aus diesem Übergangsgefühl formt Burman liebevolle Vignetten, die das jüdische Leben in der Emigration einfangen. Momentaufnahmen von Menschen, die sich im alltäglichen Überlebenskampf an den Elendsszenarien der Wirtschaftskrise vorbeiwurschteln.

Doch trotz aller Warmherzigkeit, die das wimmelige Nebeneinander der Sprachen und Kulturen grundiert, hütet sich El Abrazo Partido vor der selbstgenügsamen Multikulti-Idylle. Noch in der kleinsten Nebenfigur schwingt der Schmerz der Entwurzelung, der abgebrochenen Biografie. So ist auch Ariels Oma dem Warschauer Ghetto entkommen und nach Argentinien geflüchtet. Eine störrische alte Dame, die sich nach all den Jahren immer noch nicht in der Fremde eingerichtet hat. Als der Enkel sie um Dokumente bittet, die seine polnische Abstammung beweisen sollen, fallen ihr die jiddischen Lieder von damals wieder ein. Wir sehen, wie ein verstaubtes Wohnzimmer zum Varieté wird. Wie sie erst summend, dann trällernd und schließlich mit der Inbrunst der Diseuse die alten Melodien hervorholt, sich gar wieder hinters Mikrofon stellt. In solchen Momenten zeigt sich, wie unglaublich kunstfertig Burman die Last der Vergangenheit mit der sprunghaften Leichtigkeit seines Erzählstils verknüpft.

Gegen Ende, wenn Ariel vor der Begegnung mit dem leibhaftigen Vater die Beine unter den Arm nimmt, unterlegt Burman diesen Sprint ebenso liebevoll wie sinnfällig mit dem Rhythmus eines Tangos. Gefangen im musikalischen Vor und Zurück, im Wechsel aus künstlichen Verzögerungen und langsamer Annäherung, kann auch Ariel der Umarmung mit der eigenen Geschichte nicht mehr entkommen. So fügt sich in diesem wunderbaren Film alles zusammen, und doch wird nichts versöhnt.