Harry Potter Abschiedskuss für die Familie
Philip Ardagh, preisgekrönter britischer Kinderbuchautor, hat sich für uns über das Wochenende mit dem neuen »Harry Potter« verbarrikadiert. Harry Rowohlt, Freund des Rezensenten, übersetzt.
Eines Tages im frühen Juni kam ich von der Eröffnungsfeier der neuen Bibliothek einer katholischen Grundschule zurück – es stellte sich heraus, dass die offizielle Eröffnung erst am nächsten Tag stattfinden sollte, mit Bischof und allem, und ich eher das heidnische Vorprogramm darstellte – und fand eine E-Mail der ZEIT vor, die fragte, ob ich es auf mich nehmen würde, den neuesten Harry Potter am Wochenende seines Erscheinens so rasch zu lesen und zu rezensieren, dass jener andere wohlbekannte Harry, mein Freund Mr. Rowohlt, es noch rechtzeitig für diese Ausgabe übersetzen kann.
Warum gerade ich?, fragte ich mich. Klar, ich habe einen eindrucksvollen Bart, aber keinen von Dumbledoreschem Ausmaß, und, obwohl ich viele britische Kinderbuchautoren kenne, gehört J.K. Rowling nicht dazu. Außerdem war ich einmal in einer BBC-Fernsehsendung mit dem Titel Battle of the Books sachverständiger Fürsprech von Alice im Wunderland, der diese in dem »Prozess« gegen Harry Potter zu verteidigen hatte. Raten Sie mal, wer gewonnen hat? Nun machen Sie schon. Ich gebe Ihnen einen kleinen Hinweis: Alice im Wunderland war es nicht. Dann hinwiederum bin ich ein britischer Kinderbuchautor, und Warner Brothers plant Verfilmungen meiner Eddie Dickens- Bücher, also qualifiziert mich das für irgendwas?
Mit dem 6. Potter, einem Kühlschrank voll Bier und 20 Biokarotten
Was also braucht man für ein Wochenende, das dem Lesen und Rezensieren des neuen Harry Potter vorbehalten ist? (Wobei man, wenn man »vorbehalten« liest, sogleich an »unter Vorbehalt« denkt, weshalb ich das Wort mit großem Bedacht gewählt habe). Was man braucht? Jede Menge Kaffee und Zigaretten, das braucht man. Aber das wäre in einer Idealwelt. Ich bin ein Raucher, der seit etwa 14 Jahren nicht mehr geraucht hat, also gibt es für mich starken Kaffee und Mohrrüben. Mohrrüben waren genug im Haus, einen Aschenbecher brauchte ich nicht, ich war bereit.
Der Tag kam, ich wachte auf und fühlte mich, wie Königin Elisabeth die Erste sich am Tag ihres jährlichen Bades gefühlt haben muss, ob sie es nun brauchte oder nicht: eine Mischung aus Angst und Beklommenheit. Unweigerlich war dann die Ankunft des Buches ein bisschen antiklimaktisch. Ich hätte doch zu allermindest erwartet, dass es, von einer Eule in den Klauen getragen, zum Fenster hereingebracht wird oder gleich aus eigener Kraft einfliegt. Es kam dann aber in einer dieser Pappverpackungen, die mich an einen riesigen Schokoladenkeks erinnern. (Die meisten Dinge erinnern mich dieser Tage an irgendein Nahrungsmittel. Muss an der Diät liegen.) Ein Exemplar erreichte mich immerhin. Vier waren mir versprochen worden, um ganz sicher zu gehen. Die gute Nachricht lautet, dass britisches Postsystem, britische Kurierdienste und britische Buchhändler den kollektiven Kopf hoch tragen können. (Für Liebhaber solcher Statistiken hat die Royal Mail eine Presseerklärung veröffentlicht, aus der hervorgeht, sie plane, mehr als 500.000 vorbestellte Exemplare aus Lagerhäusern an 1.400 Auslieferungsbüros zu liefern, wobei mehr als 150 zusätzliche Lastwagen eingesetzt würden, von denen die »Briefträger [und Briefträgerinnen, nehmen wir mal an] das sehnsüchtig erwartete…Buch an die Haustüren von Kindern und Erwachsenen bringen werden.«) Am Ende hatten es schließlich drei von den vieren geschafft.
Wie groß also ist dies neue Baby? Der erste Harry Potter etwa 190 Seiten, der zweite 368, der dritte 480, der vierte 636 und der fünfte 766. Das bedeutet, dass ein neuer Harry Potter durchschnittlich 1,44-mal so lang ist wie der vorige. Bei dieser Rechnungsweise konnte man füglich erwarten, dass Harry Potter and the Half-Blood Prince maulsperreverursachende, bizepsschwellenlassende 1103 Seiten lang ist. Ich bin in der glücklichen Lage zu berichten, dass dies nicht der Fall ist. Diese letzte Fortsetzung ist etwa 600 Seiten stark und wiegt nur wenig mehr als 700 Gramm (wenn man unserer Küchenwaage trauen kann).
- Datum 10.07.2007 - 05:50 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.07.2005 Nr.30
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