philosophieDenker für Hitler?

Emmanuel Faye hat ein wildes Enthüllungsbuch über den Philosophen Martin Heidegger geschrieben von Th. Meyer

Zwei Tatsachen über Martin Heidegger sind so unleugbar, wie sie den Umgang mit seinem Werk kompliziert machen: Er ist einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, und er war ein Nazi. An dieser Spannung entzünden sich bis heute immer neue Diskussionen um das Werk des deutschen Denkers.

Seit April ist in Frankreich ein Buch auf dem Markt, das die bisherigen zahlreichen Beiträge zu Heideggers politischem Engagement während des Nationalsozialismus, von Karl Löwith über Hugo Ott bis zu Victor Farias, mit der Behauptung überbieten will, Heidegger habe "die Grundlagen des Nazismus und des Hitlerismus in die Philosophie" eingeführt, und diese ziele "auf die Zerstörung des Menschen als solchem". Nichts weniger als "die Gefährlichkeit des Heideggerschen Werkes" will der Frühneuzeit-Spezialist Emmanuel Faye in seinem Buch Heidegger. L’introduction du nazisme dans la philosophie (Verlag Albin Michel, 573 S., 29,– €) nachweisen. Wenn dieses weiterhin weltweit verbreitet werde, so fragt er, "sollte man da nicht darauf gefasst sein, dass dies zu einer erneuten Umsetzung in Taten führt, von denen sich die Menschheit dieses Mal nicht mehr erholen könnte"? Denn die "völkischen und durch und durch rassistischen Prinzipien", die durch die Gesamtausgabe weitergegeben würden, zielen seiner Meinung nach "auf die Auslöschung des gesamten intellektuellen und menschlichen Fortschrittes, zu dem die Philosophie beigetragen hat". Daher, so schließt er, seien die Werke "genauso zerstörerisch und gefährlich für das gegenwärtige Denken, wie es die Nazibewegung für die physische Existenz der vernichteten Völker war".

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Doch obwohl mit Enthüllungen über Heidegger in Frankreich die wirkmächtigste Fortsetzung seines Denkens in den Werken von Jacques Derrida oder Michel Foucault mit am Pranger steht, verursachten Fayes Thesen nur wenig Aufregung. Zwar unterstellte Roger-Pol Droit in Le Monde Heidegger "Ideenverbrechen" und schlug Alarm: "Solange Bücher, die nazistische Themen enthalten, ohne Warnung herausgegeben, übersetzt, unterrichtet und kommentiert werden, ist die Wiederkehr des Schlimmsten möglich." Dies war allerdings die lauteste Stimme im ansonsten eher gedämpften Chor der Rezensenten. Robert Maggiori in Libération und Nicolas Tertulian in L’Humanité zeigten sich zwar beeindruckt von der Materialfülle. Allerdings verwies Maggiori darauf, dass man, wenn einmal mit Heidegger begonnen werde, wohl bald nazistische Elemente im Denken eines Lévinas, Derrida oder Ricœur aufspüren müsse. Tertulian vermisste bei Faye die Rekonstruktion der inneren Architektur von Heideggers Werk – was aber die notwendige Voraussetzung sei, wolle man das Werk als Ganzes verwerfen.

Nachdem der Skandal in Frankreich in den üblichen Bahnen verlief, ereignet er sich zuverlässig im deutschsprachigen Raum. Durch Zeitungen und sogar über Agenturen geistert die Nachricht, Heidegger sei durch einen französischen Philosophen als Redenschreiber Hitlers entlarvt worden. Ist also Heidegger der nationalsozialistische Chefideologe, als den ihn Faye überführt haben will?

Tatsächlich versucht Faye seine Thesen durch die Auswertung nicht nur von umfangreichem bereits publiziertem Material zu erhärten, sondern auch mittels ausführlicher Zitate aus noch unveröffentlichten studentischen Protokollen zweier Seminare, die Heidegger in den Wintersemestern 1933/34 und 1934/35 in Freiburg hielt. Fayes Darstellung zielt durchgehend auf den Nachweis, dass Heideggers Denken von rassischen, völkischen und antisemitischen Begriffen bestimmt werde. Dazu bedient er sich bevorzugt einer Konstruktion, die mehr als fragwürdig ist, nämlich einer Rückprojektion. So spricht Heidegger nach der Machtergreifung zustimmend von "national-sozialistischer Weltanschauung". Faye unterstellt in seiner Schlussfolgerung, dass er den Begriff "Weltanschauung" auch in den Jahren davor implizit schon in dieser Bedeutung verwendet habe, ohne dies allerdings offen aussprechen zu wollen. Damit blendet Faye aus, dass "Weltanschauung" seit Anfang des 19. Jahrhunderts in allen ideologischen Lagern inflationär benutzt wurde, und verkürzt den Kontext gegenüber der Faktenlage entscheidend.

Für die Zeit nach 1933 begnügt sich Faye nicht mehr mit der bloßen Zusammenstellung nationalsozialistischer Begriffe in Heideggers Werken, sondern sucht nach geistigen Weggefährten im Kampf für die "Bewegung". Er findet sie in so extrem unterschiedlichen Figuren wie Erik Wolf, Ernst Jünger, Alfred Baeumler, Ernst Krieck, Carl Schmitt, Hans K. Günther, Alfred Rosenberg und schließlich Hitler selbst. Faye konstruiert eine Übereinstimmung in den Konzepten von völkisch, rassistisch und antisemitisch, die er durch persönliche Bekanntschaften, identische Wortverwendungen und vor allem durch vermeintlich gleiche Intentionen bestätigt sieht. So ist es nur ein kurzer Weg von den Seminaren und Vorlesungen in Freiburg zu den Vernichtungslagern im Osten.

Auch wenn es unstrittig ist, wie offensichtlich und bereitwillig Heidegger sein Denken vor allem zwischen 1933 und 1935 in den Dienst des nationalsozialistischen Projektes gestellt hat, muss hier doch nach der Seriosität der Fayeschen Untersuchung gefragt werden. Besonders eklatant ist ein Beispiel aus dem unveröffentlichten Seminar Hegel: "Über den Staat" des Wintersemesters 1934/35. Dort soll Heidegger Richard Kroner, der bis zu den Aprilgesetzen Philosophieordinarius in Kiel war, verunglimpft haben. Als einziger Beleg dafür findet sich bei Faye ein kritischer Satz Heideggers über eine Auswahl von Hegel-Texten: "Die Art, wie (bei Kröner) die Texte zusammengestellt sind, ist höchst oberflächlich." In einer anderen, von Faye nicht zitierten Mitschrift, hat sich Heidegger noch weitaus negativer geäußert: Die Einleitung tauge nichts, und die Zusammenstellung sei schludrig gemacht.

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