terrorismus

Wiedergeboren, um zu töten

Der terroristische Islamismus ist keine traditionelle, sondern eine höchst moderne Glaubensrichtung. Sie wurzelt in Europa

Islamische Radikalisierung – wie wir sie in diesen Tagen in London und im Irak sehen – halten viele für eine Antwort traditioneller muslimischer Gesellschaften auf die Verwestlichung. Der Fundamentalismus wird gern mit einer islamischen Kultur gleichgesetzt, die sich dieser Verwestlichung verweigere. Dann folgt meist die Rede vom oder »Kampf der Kulturen«. Diese Lesart ist falsch. Tatsächlich leitet sich die religiöse Erneuerungsbewegung, ob in ihrer fundamentalistischen oder spirituellen Form, eher aus der Entkoppelung von Religion und Kultur ab. Es geht also um eine Neubestimmung der Religion außerhalb der Kultur – angesichts der Globalisierung, welche die »traditionellen« Kulturen schwächt. Islamischer und christlicher Fundamentalismus entstehen nicht aus der Absicht, ursprünglichen Kulturen neues Leben einzuhauchen, sondern sind Ausdruck einer Kulturkrise in Zeiten der Globalisierung.

Die Attentate von London bestätigen eine Erfahrung der vergangenen Jahre: Der islamische Radikalismus entwickelt sich vor allem in der zweiten Generation der jungen Muslime in Europa. Eine Form dieses Radikalismus, den man »Dschihadismus« nennen kann, ist eine pathologische Folge der Verwestlichung des Islams. Keineswegs hat er sich aus dem Export mittelöstlicher Konflikte nach Europa entwickelt. Bezeichnenderweise ist kein einziger Palästinenser, kein Afghane und kein Iraker unter jenen Terroristen zu finden, die auf internationaler Ebene arbeiten. Diese Gewalt rührt vielmehr aus einer generellen Umformung des Islams durch eine Reihe von äußeren Einflüssen: die Einwanderung in westliche Gesellschaften, das Dasein als Minderheit und der Import ausdrücklich westlicher Lebensweisen in muslimische Gesellschaften – sei es in der Wirtschaft, der Kultur oder der Religion.

Die Theologie hat dem Dschihadisten nichts zu sagen, er glaubt unmittelbar

Wie äußert sich dieser Fundamentalismus? In sehr modernen Formen von Religiosität, wie sie auch im Christentum zu beobachten sind. An zentraler Stelle steht das Phänomen des »born-again«, des Individuums, das seinen persönlichen Weg zum Glauben gefunden hat und mit dem überkommenen Glauben seiner Familie oder seines sozialen Umfelds gebrochen hat. Der Glaube wird auf individuelle Weise gelebt. Die Gesellschaft wird als zu weltlich, als diabolisch wahrgenommen, die etablierten Kirchen und religiösen Autoritäten werden durchweg misstrauisch betrachtet. Im Allgemeinen lebt der »Wiedergeborene« einen emotionalen und intellektfeindlichen Glauben fern theologischer Aussagen. Normen dagegen finden strenge Beachtung. Seine Gemeinschaft, die manchmal eher an eine Sekte als an eine Kirche erinnert, ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, mit denen ihn das gleiche Verhältnis zum Glauben verbindet. So sind die neuen Formen der Religiosität im Islam wie im Christentum alles andere als liberal. Wenngleich nicht unbedingt gewalttätig, so sind sie doch zumindest sehr konservativ.

Der Graben zwischen Kultur und Religion tritt bei den Muslimen in Europa aber wesentlich deutlicher zutage als anderswo. Die Migration hat die bis dahin selbstverständliche Verbindung von Religion und Gesellschaft zerrissen. In Afghanistan, Pakistan oder Ägypten kann man auch als nicht strenggläubiger Muslim die Fastengebote während des Ramadan problemlos einhalten, weil nahezu alle diese Regeln beachten. Ein Muslim in Europa dagegen steht vor einer Entscheidung: Er muss festlegen, ob die religiösen Regeln einen zentralen Platz in seinem Leben einnehmen, welche von ihnen unverzichtbar sind und wie er sie konkret umsetzen kann. Er kann somit sein ganzes Leben nach den Vorschriften ausrichten, was sein soziales und berufliches Leben vermutlich beeinträchtigen wird; er kann die religiösen Vorschriften aber auch ignorieren oder sie nur symbolisch beachten. Die Ulemas, die Rechtsgelehrten, sind keine Hilfe für die Gläubigen, wenn diese nach Maßstäben für die religiösen Reinheitsgebote suchen, losgelöst von der kulturellen Umgebung. Der Gläubige muss also selbst entscheiden, wie seine Religion aussieht. Für welche Lösung er sich auch entscheidet, er muss seinen Glauben neu aufbauen. Damit setzt er ihn auch von gesellschaftlichen Normen und von Traditionen ab, die für ihn in der neuen Umgebung den Sinn verloren haben. Die Religion seiner Eltern ist in eine Kultur eingebettet, die nicht mehr die seine ist. Diese Problematik spiegelt sich in den Titeln von Büchern, die in jüngster Zeit im Westen erschienen sind: Was ist der Islam?,Was bedeutet es, ein Muslim zu sein? oder auch Wie kann man den Islam erfahren?

Diese Form des Islams hat zum Westen ein zwiespältiges Verhältnis. Der theologische Inhalt des Islams – über den in muslimischen Ländern diskutiert wird – ist dabei weitaus weniger wichtig als die religiöse Praxis. Diese ist in ihren fundamentalistischen Erscheinungsformen viel stärker »verwestlicht«, als es den Anschein hat. Die religiösen Formen des heutigen Islams finden sich so oder ähnlich auch im Katholizismus, im Protestantismus, selbst im Judaismus. Für die Gläubigen unserer Zeit steht vor allem der persönliche Glaube und die spirituelle Erfahrung des Individuums im Zentrum. Diese »Wiedergeborenen« leiten ihre Identität aus der Wiederentdeckung der Religion ab.

Wie kam es zur Krise der traditionellen muslimischen Kulturen? Die Verwestlichung der Konsumformen und die Verbreitung der westlichen Werte und Waren geben da keine erschöpfende Antwort. Ebenso bedeutsam war der Angriff des islamischen Fundamentalismus auf die Kultur in muslimischen Ländern. Als die Taliban 1996 die Macht in Afghanistan übernahmen, pflegten sie zunächst ausgezeichnete Beziehungen zum Westen. In den Jahren 1996 bis 1998 konnten sich abendländische Reisende frei im Land bewegen. Die Taliban bekämpften nicht die westliche, sondern die traditionelle afghanische Kultur in jeder Form, ob in Kunst, Spiel, Musik, Sport. Warum wurde das Halten von Singvögeln verboten, warum das Drachensteigen? Die Argumente der Taliban waren ganz einfach: Fängt der Vogel während des Gebets zu singen an, so wird man abgelenkt, und das Gebet ist wertlos. Ein guter Muslim beginnt noch einmal, aber da wir nicht genau wissen, wer ein guter Muslim ist, verbieten wir lieber den Besitz von Singvögeln, die das Seelenheil in Gefahr bringen könnten. Ein Drachen dagegen kann sich in Bäumen verfangen, und wenn man auf den Baum klettert, um ihn zurückzuholen, erblickt man womöglich eine unverschleierte Frau und begeht somit eine Sünde. Warum soll man wegen eines Papierdrachens im Höllenfeuer braten? Dann lieber das Verbot. In allen Formen des Fundamentalismus begegnen wir der Überlegung: Diese Welt existiert nur, um die Gläubigen auf das Seelenheil vorzubereiten. Der Staat hat nicht die Aufgabe, soziale Gerechtigkeit und die Einhaltung der Gesetze sicherzustellen, sondern, notfalls mit Gewalt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Gläubigen das ewige Leben erlangen.

Auf der ganzen Welt verdammen die Wahhabiten oder Salafis und selbst die Tablighis die traditionellen Formen der Volksreligion wie Sufismus, Musik, Poesie, Literatur. Von Ägypten bis Bangladesch können Schriftsteller und Poeten nur selten ungehindert schöpferisch arbeiten, von Salman Rushdie einmal ganz abgesehen. Und allzu häufig beteiligen die angeblich laizistischen, aber sehr autoritären Regime von Ägypten bis Algerien sich an diesem Angriff auf die Kultur. Der Fundamentalismus ist folglich nicht das Aufbegehren bedrohter traditioneller Kulturen, sondern Ausdruck ihres Verschwindens. Deshalb darf man die modernen Formen des Fundamentalismus nicht mit einem Kampf der Kulturen verwechseln. Junge Menschen werden nicht fundamentalistisch, weil die westliche Zivilisation die Kultur ihrer Eltern ignorieren würde, sondern weil diese Kultur, die sie selbst übrigens eher geringschätzen, ihnen verloren gegangen ist. Die Religiosität der Fundamentalisten ist individuell und generationsgebunden, sie ist eine Rebellion gegen die Religion ihrer Eltern.

»Hallal Fast Food« und islamischer Rap: Fundamentalismus wird global

Ein paar Beispiele machen das deutlich. Viele junge Muslimas der zweiten Generation verschleiern sich nicht auf Befehl der Eltern, sondern um ihre Individualität zu betonen – gleichzeitig übernehmen sie feministische Parolen wie »Mein Körper gehört mir«. Der Fundamentalismus ist Konsequenz und Faktor der Globalisierung gleichermaßen: Die religiösen Merkmale – etwa das Hallal, die Bestätigung also, dass ein Lebensmittel den religiösen Vorschriften entspricht – werden von der Kultur der marokkanischen oder türkischen Küche getrennt, und damit kann man eine neue Kombination wie das »Hallal Fast Food« schaffen: So werden dann islamische Hamburger verkauft. Das Auftauchen von »Mecca Cola« in Frankreich ist ein weiterer klarer Hinweis auf diese Umdeutung des Religiösen in einer westlichen Kulturdomäne ohne Bezug zu den Ursprungskulturen. Dito der islamische Rap, der seinem amerikanischen Äquivalent an Aggressivität in nichts nachsteht.

Bei dem spannungsgeladenen Verhältnis zum Islam im heutigen Europa handelt es sich demnach nicht um einen Konflikt zwischen »europäischen« und »orientalischen« Werten, sondern um eine innereuropäische Auseinandersetzung über die eigenen Werte: Sexualität, Ehe, Abstammung. Als Pim Fortuyn in den Niederlanden eine Kampagne gegen den zunehmenden muslimischen Einfluss lostrat, wollte er damit die neu errungene sexuelle Freiheit und besonders die Rechte der Homosexuellen verteidigen, nicht jedoch die traditionellen christlichen Werte. Buttiglione dagegen wurde vom Europäischen Parlament abgestraft, weil er – gerade im Namen christlicher Tradition – die Ablehnung von sexueller Befreiung und Feminismus verkörperte. Es überrascht nicht, dass bei den Themen Familie und Sexualität fromme Muslime in Europa und traditionalistische Christen oft die gleiche Position vertreten. Da liegt die Gemeinsamkeit der Fundamentalisten. Wenn viele Christen diese Allianz mit den Muslimen aber ablehnen, so tun sie das nicht um der gemeinsamen Werte willen, sondern sie verteidigen eine identitätsstiftende Vision des Christentums, die sich von den Kreuzzügen oder der Reconquista herleitet, mit den zeitgenössischen religiösen Formen dagegen nicht viel gemein hat.

Warum aber lassen sich die islamischen Fundamentalisten eher zu Gewalt hinreißen als die Christen? Nicht im Koran liegt die Ursache, sondern in der Tatsache, dass die radikalislamischen Bewegungen sich gesellschaftliche Brennpunkte für ihre Expansion suchen. Die radikalen Gruppen finden ihre Anhänger da, wo die extreme Linke einst ihre Anhänger rekrutierte. Diese Linke ist längst verbürgerlicht, während in die früheren Arbeiterviertel viele Muslime gezogen sind. »Antiimperialistische« Bewegungen schließen die Bewohner vieler muslimischer Regionen ein. Ergebnis: Die Revolte gegen die etablierte Ordnung findet heute an vielen Orten im Namen des Islams statt.

Zahlreiche junge Extremisten wie Mohammed Atta, Zacharias Mussawi und Kamel Daoudi wurden nicht in Ägypten oder Marokko, sondern in Hamburg, Marseille, London und Montreal »erweckt«; sie alle haben den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen. Statt in ihren Heimatländern haben die jungen Radikalen in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan oder in Kaschmir gekämpft, denn in ihren Augen ist der Nahe Osten nicht das Herz einer von Kreuzrittern belagerten Zivilisation. Sie leben längst im Global Village und leiten ihre Identität nicht aus ihrer geografischen Herkunft ab. Die Ablösung des Linksextremismus durch den islamischen Radikalismus erklärt die wachsende Zahl von Bekehrten in allen in jüngster Zeit entdeckten radikalen Netzwerken. Einer der Terroristen von London ist ein zum Islam konvertierter Jamaikaner. Das Netzwerk Beghal in Frankreich bestand etwa zu einem Drittel aus Bekehrten. Bei den Ermittlungen zum Attentat gegen die Synagoge auf Djerba, Tunesien, nahm die Polizei einen Deutschen mit polnischem Namen fest. Richard Reid, der Terrorist, der versuchte, ein britisches Flugzeug in die Luft zu sprengen, José Padilla, dem vorgeworfen wird, in den USA einen Anschlag mit einer »schmutzigen« Bombe vorbereitet zu haben, und John Walker Lindh, der amerikanische Talib: Sie alle sind Bekehrte.

Die radikale und gewalttätige Linke hat sich von den gesellschaftlichen Randzonen abgewendet. Ein Beispiel liefert die Terrorgruppe von al-Sarqawi im Irak, welche die Exekution von Geiseln im Irak blutig in Szene setzt. Dieses Vorgehen stammt mitnichten aus einer islamischen Tradition, sondern aus der Inszenierung der italienischen Roten Brigaden bei der Entführung und Ermordung des Ministerpräsidenten Aldo Moro. Die Barbarei umspannt die ganze Welt. Ihre Suche nach mythischen, messianischen und transnationalen Befreiungsbewegungen ist gleich geblieben wie auch ihr Feind: der allmächtige amerikanische Imperialismus. Nicht die Geschichte der westlichen Welt oder des Nahen Ostens hat sie hervorgebracht, sondern die Verschmelzung aller Geschichte und die Globalisierung. Ihr Zuhause ist eine aus den Fugen geratene Welt.

Olivier Roy ist Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) und unterrichtet an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales und an der Sciences Po in Paris. Er ist Verfasser des Buches »L’Islam mondialisé« (Le Seuil 2002)

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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  • Von Olivier Roy
  • Datum 11.9.2006 - 09:13 Uhr
  • Serie cvd-vorab
  • Quelle (c) DIE ZEIT 21.07.2005 Nr.30
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