Es muss gute Gründe geben, wenn die Galeristen von Wunder sprechen und Leipzig zur Welthauptstadt der Kunst ausrufen. Es muss mehr im Gange sein als kunstmarktwirtschaftliche Betriebsamkeit, wenn amerikanische Sammler mit Learjets einfliegen und die Werkstätten, Ateliers und Galerien durchpflügen. Es muss einiges passiert sein, wenn plötzlich für die Bilder von Sechstsemestlern einige tausend Dollar gezahlt werden. Was da zurzeit in Leipzig geschieht, ist eine fast prosaische, verblüffende, jedenfalls einleuchtende Angelegenheit. Und das kam so.

Eine Gruppe unbekümmerter junger deutscher Kunststudenten hatte sich vor zehn Jahren aufgemacht, das zu tun, was man in Leipzig immer tat: malen. Menschen, Tische, Stühle, Bäume, Wiesen. Und das muss im Zeitalter der Neuen Medien als derart überraschend empfunden worden sein, dass aus den Studenten rasch Meisterschüler wurden und aus den Meisterschülern vielbewunderte Malergrößen. Viele von ihnen, allen voran Neo Rauch, stellen in Paris aus, in London, New York, bald in Korea, und die Sammler zahlen für ein Bild bis zu 200.000 Dollar. Auch einen Markennamen gibt es für die Kunst der Jungmaler schon: Neue Leipziger Schule.

Woher der Erfolg? Warum so große Begeisterung? Was nur ist so faszinierend an Bildern von einem wie Matthias Weischer, 1973 in Westfalen geboren, der menschenleere, klamme Räume ohne Funktion und Aussicht malt, metaphysisch entleerte Zimmer in matten Retrofarben, in ausgebleichtem Sandgelb, abgegriffenem Braun, stumpfem Mauve, Farben, die man auch in den Treppenaufgängen alter Leipziger Bürgerhäuser finden kann? Oder die Kunst des Christoph Ruckhäberle aus Bayern, Jahrgang 1972: Warum fühlen sich die Sammler von seinen schweigenden Gestalten angezogen, seinen entkräfteten, trübsinnigen jungen Menschen, melancholisch umflort, als seien sie in ihren jungen Jahren bereits Zaungäste einer Generaldepression? Auf den Bildern von Weischer und Ruckhäberle gibt es so wenig Entkommen wie Dynamik. Es ist gelebter Fin-de-Siècle-Ennui.

Nicht alle Leipziger malen so, die Menschen bei Johannes Tiepelmann, 1979 in Sachsen geboren, leben eher im Posthistoire, in der Epoche von Bio-Tech und digitaler Ökonomie. Und so wirbeln die Motive grellbunt durcheinander, ein Supermarkt-Einkaufswagen, ein dickbäuchiger Computer, ein grüner Dino, eine grünköpfige Comicfigur, ein Galgen samt Mikrofon – als finde auf seinen Bildern gerade eine Filmaufnahme statt, als male Tiepelmann am Abbild einer real gewordenen Virtualität. Auch hier fragt sich, ähnlich wie bei Weischer oder Ruckhäberle, weshalb solche oft von Fotografien abgemalten, rein selbstbezüglichen Bilder ohne politische Reibung oder Bewegung, ohne Leidenschaft und Unruhe einen solch wundersamen Erfolg haben.

1. Der Erfolg der Neuen Leipziger Schule gründet in der Tradition der Stadt. Die Neue Leipziger Schule ist genealogisch verwoben mit der alten und geprägt von einer Tradition handwerklicher Perfektion. An der Leipziger Hochschule, 1764 als Akademie für Malerei gegründet, lehrten die Professoren über alle Epochen und Moden hinweg Klassisches Porträt, Landschaftsmalerei, Interieur, Aktzeichnung, Kupferstich. Auch die großen drei der DDR-Kunst, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, pflegten diese Tradition. Und zwei der ehemaligen Schüler dieses Triumvirats, Arno Rink und Sieghard Gille, gelten heute als Königsmacher der Neuen Leipziger Schule und ihrer figürlichen Malerei. Tim Eitel, Tilo Baumgärtel, David Schnell und Christoph Ruckhäberle sind Schüler von Rink, Matthias Weischer wurde von Gille geprägt.

Seit einigen Wochen logiert alles, was in Leipzig zu Recht oder Unrecht Rang und Namen hat, in der alten Baumwollspinnerei, fünf Kilometer südlich der Innenstadt, im ehemaligen Arbeiterviertel Plagwitz. Die Spinnerei wurde 1884 gegründet, war bis 1990 ein VEB und verfiel nach der Wende zur Brache. 70000 Quadratmeter Nutzfläche misst das Areal, 24 Hallen, ein Schornstein, Ziegel auf Ziegel. 60 Ateliers gibt es hier, 30 sind vermietet, zwischen paradiesischen 1,50 und 3 Euro der Quadratmeter. Die Spinnerei ist ein Ort mit wohlinszeniertem Katakombencharme, Werkhallenöde und schicken Lofts, den man als Heimat betrachten kann, so man unter Neuer Leipziger Schule einen Heimatbegriff verstehen will. Von Plagwitz jedenfalls geht ein Signal in die Welt: Hier ist Deutschlands Osten! Hier sind dem Fantasieraum seit jeher keine Grenzen gesetzt; hier komprimiert sich, was Leipzig als Label gegen jede Mode seit jeher ausmacht – kompositorische Strenge und perfektes Handwerk: Bildgrundierung, Raumaufteilung, Figurenführung!

Die Stadt war 40 Jahre lang abgeschnitten von der internationalen Kunstentwicklung, auf sich gestellt. Sie war in DDR eingekerkert, und mit ihr eingekerkert war eine ungebändigte kreative Energie, die sich seit der Wende endlich entladen und in die Kunstwelt veräußern kann. 

Leipzig erlebt dieser Tage eine Art zweite Gründerzeit. Es wird eifrig renoviert, restauriert, neu gebaut, es generiert sich ein neues, teils aus dem Westen zugezogenes Bürgertum, Vernissagen sind beliebt, Ausstellungen gut besucht, Studenten strömen herein und immer mehr junge Künstler aus der gesamten Republik, die an der immer berühmter werdenden Hochschule eine Anbindung ans Fließband des Ruhms finden wollen. Je mehr junge Künstler kommen, desto stärker verbeißt sich Leipzig in die Idee, ein Hort der Avantgarde zu werden, was vor allem die professionellen Galeristen freut.