terrorismus Schüsse in der U-Bahn
Nur durch eine äußerst glückliche Kombination von Umständen ist London ein zweites Blutbad erspart geblieben. Doch schon taucht ein neuer Attentäter auf - und stirbt durch Polizeikugeln
London wachte am Freitag morgen mit der Gewissheit auf, noch einmal davon gekommen zu sein. Doch schon wenige Stunden später hat sich die Lage wieder verschärft, als es in der U-Bahn der britischen Hauptstadt zu einem weiteren dramatischen Zwischenfall kommt: Die Polizei hat einen flüchtenden Selbstmordattentäter erschossen.
Im
BBC
-Fernsehen sagt ein Zeuge, er habe in der Station Stockwell in einer wartenden U-Bahn gesessen. Plötzlich sei ein Mann auf den Zug zugestürmt, verfolgt von Polizisten. Die hätten ihn zu Boden geworfen und mit fünf Pistolenschüssen getötet. Die Polizei bestätigte bislang jedoch nur, dass Beamte in der U-Bahnstation auf einen Mann geschossen hätten. Weitere Augenzeugen berichteten, der Mann sei von etwa zwanzig Polizisten mit
Pistolen verfolgt worden und über eine Absperrung gesprungen.
Der finale Todesschuss: Die britische Polizei hat das Recht, einen potentiellen
Selbstmordattentäter durch einen gezielten Schuss in den Kopf zu töten,
wenn eine "unmittelbare, ernste Gefahr" gegeben ist. Augenzeugen sagen,
Beamte in Zivil hätten mindestens fünf Schüsse auf den Mann abgegeben.
Zuvor war der Mann, gekleidet in einer schweren wattierten Jacke und
offenkundig asiatischer Herkunf, von Beamten durch die Station
Stockwell verfolgt worden. Er sprang über die Barriere, raste auf den
Bahnsteig und versuchte in einen Zug der Northernline zu entkommen.
Dort wurde er von den Beamten eingeholt, dann fielen die Todesschüsse.
Von Scotland Yard ist zu vernehmen, dass es sich bei dem Toten um einen
der vier Attentäter handelt, die am Donnerstag versucht hatten, ein weiteres Blutbad
anzurichten. Er habe sich geweigert, auf Anweisung der Polizei stehen zu bleiben. Daraufhin sei geschossen worden, um einen möglichen Anschlag zu verhindern.
Scotland Yard veröffentlichte außerdem
Einzelaufnahmen von den vier verhinderten Selbstmordattentätern des
Vortages und bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Fahndung. "Das ist
die größte Herausforderung, vor der die Londoner Polizei jemals
gestanden hat", sagte Scotland-Yard-Chef Ian Blair. Die veröffentlichenten Aufnahmen der mutmaßlichen Attentäter
stammen von Überwachungskameras.
Einer der Männer ist darauf mit einem Rucksack auf dem Rücken zu sehen.
Eine Anti-Terroreinheit
der Londoner Polizei durchsuchte unterdessen mehrere Wohnungen. Festgenommen wurde aber niemand. Spezialisten untersuchten auch die Bomben, die die Attentäter vom Donnerstag nach ihren Anschlagsversuchen zurückgelassen hatten. Unter anderem prüfen die Fachleute,
ob der verwendete Sprengstoff zur selben Quelle wie die Bomben vom 7.
Juli gehört.
Bei den neuen Anschlägen gab es glücklicherweise keine Toten und nur eine leicht verletzte Person. Dabei hatten die Täter offenkundig eine Wiederholung des Ablaufes vom 7. Juli geplant. Auch diesmal sollten die Bomben töten, sagt die Polizei, nachdem es zunächst danach ausgesehen hatte, als hätten die Täter es lediglich darauf angelegt, mit kleineren Explosionen psychologische Wirkung zu erzielen.
Nun muss vermutet werden, dass der britischen Metropole nur durch eine äußerst glückliche Kombination von Umständen ein zweites Blutbad erspart geblieben ist. In allen vier Fällen sind lediglich die Zünder explodiert, nicht die eigentlichen Sprengsätze. Darauf deuten auch die Aussagen eines Augenzeugen hin: In der U-Bahn habe es einen Knall gegeben, Panik sei ausgebrochen, die Passagiere hätten sich in das andere Ende des Waggons geflüchtet. Vor sich auf dem Boden habe er einen jungen Mann gesehen, auf dem Rücken liegend, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen; aus seinem Rucksack sei eine „eigentümliche Substanz“ gequollen. Nach kurzer Zeit sei der etwa 19jährige aufgestanden, habe die Tür geöffnet und sei über die Gleise in Richtung U-Bahnstation verschwunden.
Von den Sprengsätzen, die nicht explodierten, erhoffen sich die Fahnder jetzt Aufschlüsse auf Herkunft des Materials und Hintermänner. Aus Polizeikreisen ist zu hören, für die Explosionen seien die gleichen Substanzen wie für die Anschläge am 7. Juli verwendet worden. Alles spricht dafür, dass die Täter auch diesmal aus dem islamistischen Milieu kamen: Junge Muslime, fanatisiert, von tiefem Hass auf den Westen und das Land erfüllt, in dem sie geboren wurden.
Wie sehr man auch die Sicherheitsmaßnahmen verschärfen wird: Großbritannien muss mit weiteren Anschlägen rechnen. Trotz höchster Sicherheitsstufe und zusätzlicher Polizeikontrollen in der U-Bahn konnten die vier Bomber am Donnerstag ihre Tat verüben, die nur wegen technischer Mängel der Sprengsätze ohne verheerende Folgen blieb. Die Furcht vor weiteren Anschlägen wird so schnell nicht schwinden. Offene Gesellschaften bieten Terroristen unendlich viele „weiche Ziele“, wie es im Geheimdienstjargon heißt.
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- Quelle (c) ZEIT.de, 22.07.2005
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