Seinen Vornamen mag er nicht besonders. "Du hättest mir einen geben können, mit dem weniger Schindluder getrieben wurde, habe ich meiner Mama oft gesagt." Er heißt Cristiano wie sonst in Italien nur die Kinder überzeugter Katholiken. Er aber ist Kommunist, verehrt Che Guevara als "Synonym für Freiheit und proletarische Revolution". Von Stalin hält er nicht so viel, im Unterschied zu seinen ultralinken Tifosi von den Autonomen Brigaden. Zu ihnen pflegt der Stürmer Cristiano Lucarelli des Vereins AS Livorno ein enges Verhältnis. Als einige Fans kürzlich in Rom verhaftet wurden, weil sie bei einem Match gegen Lazio randaliert hatten, griff Kapitän Lucarelli in die eigene Tasche und bezahlte ihnen die Heimfahrt nach ihrer Nacht in der Zelle.

Das gab Ärger für Cristiano Lucarelli, genau wie die geballte linke Faust, die er nach jedem Tor der Kurve entgegenreckte. Der kommunistische Gruß wurde vom Verband mit dreimal mehr Bußgeld belegt als der ausgestreckte rechte Arm von Paolo Di Canio, der bei Lazio Rom spielt und aus seiner Verehrung für Benito Mussolini keinen Hehl macht.

"Das kann ich nicht verstehen", erklärte Lucarelli. "Unsere Verfassung verurteilt ganz eindeutig den faschistischen Gruß, aber nicht die geballte Faust." Um nicht mit Di Canio verglichen zu werden, verzichtet der Spieler der AS Livorno jetzt auf die demonstrative Geste.

Dass ein Kommunist Torschützenkönig in der italienischen Profiliga werden kann, wirkt wie ein Treppenwitz der jüngeren Fußballgeschichte. Oder wie die Rache des reinen Fußballs an denjenigen, die geglaubt haben, sie könnten mit Geld alles kaufen, Trophäen, Spektakel und Tore. Cristiano Lucarelli, 24 Saisontreffer, ist in Italien zum Idol für alle geworden, die sich sehnlichst wünschen, dass die Wahrheit auch in ihrem Land wieder auf dem Platz liegt und nicht in politischem Kalkül, wirtschaftlichem Gewinnstreben und Dopingskandalen. Lucarelli ist auch ein Symbol für das andere Italien, das mit Silvio Berlusconi nichts zu tun haben will. Dass der 29-jährige Provinz-Matador den Superstar Andrej Schewtschenko überflügelte, Europas Fußballer des Jahres vom Berlusconi-Klub AC Mailand, hat auch außerhalb der Toskana viele diebisch gefreut. Lucarelli selbst bekennt: "Ich werde immer linker."

Vater Lucarelli ist Hafenarbeiter. Als der Profi noch Kind war, schlief die vierköpfige Familie in einem Bett, "und wenn einer von uns aufs Klo ging, hörte man ihn im ganzen Hochhaus, so dünn waren die Wände." Nicht gerade idyllische Erinnerungen, und doch liebt er seine Heimatstadt so, dass er vor Jahren ein Angebot des damaligen Erstligisten Torino Calcio ausschlug, um dem Ruf nach Livorno zu folgen. Lucarelli spielte eine Liga tiefer und verzichtete auf 500000 Euro. Noch in Turin, hatte er sich selbst das Gehalt gekürzt, als die Tore ausblieben. Es gebe zu viel Geld im Fußball, meint er, "und deshalb können wir sonntags nicht nur eins zu eins spielen. Die Werftarbeiter, die ins Stadion kommen und sich von uns hoch bezahlten Profis Zerstreuung erwarten, haben Besseres verdient." In Livorno ist Lucarellis Biografie Schullektüre. "Weil die Kinder viel daraus lernen können", sagen die Lehrer.

Marcello Lippi, dessen eigene linke Vergangenheit schon sehr weit zurückliegt, hat Lucarelli ins Nationalteam berufen. Und der machte bei seinem Debüt gegen Serbien-Montenegro prompt ein Tor. Jetzt will der Revolutionär zur WM nach Deutschland – halb Italien drückt die Daumen.