Was derzeit in tausend chinesischen Schlafzimmern läuft, könnte den Sex verändern. Es soll die Überbevölkerung mindern und für Verhütungsfairness zwischen den Geschlechtern sorgen. Das Entscheidende geschieht im Verborgenen, aber die ganze Welt harrt der Ergebnisse: Kommt sie nun endlich, die Pille für den Mann?

Der Tausend-Betten-Test, unterstützt von der Weltgesundheitsorganisation WHO, gilt der Wirkung von Testosteronundecanoat als männlichem Verhütungsmittel. Allerdings ist die "Pille" in diesem Fall eine Spritze, die von Ärzten verabreicht wird. Das injizierte synthetische Derivat des männlichen Sexualhormons Testosteron lähmt die Spermienproduktion in den Hoden. Mit dem chinesischen Testlauf wird erstmals die Zuverlässigkeit eines männlichen Verhütungsmittels im Großversuch geprüft. "Das bedeutet, dass eine große Zahl von Paaren keine andere Verhütungsmethode benutzt", sagt Kirsten Vogel, Expertin für Fortpflanzungsgesundheit bei der WHO in Genf.

Die Chinesen haben nun gute Chancen, als Erste ein Medikament zu präsentieren. Die Forderung nach der Pille für den Mann geistert seit über drei Jahrzehnten nicht nur durch die feministische Literatur und die Medien, sondern auch durch die Papiere von Entwicklungshelfern und Gesundheitsstrategen.

Dass dem Liebesakt nicht auch eine Leibesfrucht folgt, soll mehr als bislang Männersache werden. Während männliche Kontrazeption im Westen eher als ein Mittel für innerpartnerschaftliche Fairness angesehen wird, gilt sie bei der WHO als Schlüssel- instrument in der Bevölkerungspolitik: Schließlich sei das Wachstum von derzeit über sechs Milliarden Menschen auf erwartete acht Milliarden Erdenbewohner im Jahr 2020 zum großen Teil ein Verhütungsproblem. Allerdings ist es irreführend, die Spermienbremse "Pille" für den Mann zu nennen; denn bei keinem der Ansätze, die Forschungsteams rund um den Globus und in ganz unterschiedlichen Stadien bearbeiten, geht es um Tabletten. Die Metapher suggeriert vielmehr die Anforderungen an das Präparat. Es soll ähnlich unsichtbar sein wie die Pille für die Frau, und so der Lust nicht abträglich. Auch ähnlich sicher in Bezug auf das Empfängnisrestrisiko und ähnlich simpel in der Anwendung soll es sein. Als vielversprechend gelten derzeit solche hormonellen Verhütungspräparate, im Fachjargon MHC (Male Hormonal Contraception), wie im Experiment der Chinesen.

In Europa dürfte es die Hormonblockade aus Fernost allerdings schwer haben. Schuld ist eine seltsame Pointe der Natur: Das Verfahren, das chinesische Männer zuverlässig unfruchtbar macht, funktioniert im Hormonhaushalt des so genannten kaukasischen Typs nicht zuverlässig genug. Bislang ist unklar, wo in der genetischen Varianz zwischen Fernostlern und Westlern der Grund dafür liegt. Doch Experimente zeigen eindeutig: Ein einziges Hormon genügt, um bei Chinesen die Samenproduktion versiegen zu lassen. Bei Männern europäischer Abstammung ist das allerdings schwieriger zu bewerkstelligen. Deshalb wird hier mit Kombinationen mehrerer Wirkstoffe experimentiert.

Aber die Mühe könnte sich lohnen. Auch in den schrumpfenden Bevölkerungen der westlichen Industrieländer dürfte sich ein Markt für MHC auftun. Der Berliner Pharmakonzern Schering erzielt allein mit Verhütungspillen für die Frau 430 Millionen Euro Jahresumsatz. Weit über anderthalb Milliarden Stück gehen jährlich über deutsche Apothekentresen. Eine Umfrage der WHO macht potenziellen Herstellern Mut: 69 Prozent der Männer zwischen 18 und 50 Jahren können sich hierzulande mittlerweile vorstellen, medikamentös Acht zu geben.

Mit einem Wirkstoffmix versucht es Schering zusammen mit seinem Partnerunternehmen Organon aus den Niederlanden. Ihre "Pille" wird ein Hormon-Zweierpack sein. Implantiert als Depot, hemmt ein Gestagen namens Etonogestrel, die Ausschüttung zweier spezieller Botenstoffe (LH und FSH, siehe Infografik), die im Hoden die Testosteron-Produktion anregen. Versiegt diese, werden in den Hoden keine neuen Spermien mehr produziert. Da das Sexualhormon aber auch Stimmung, Muskelaufbau, Fettanlagerung und Libido reguliert, muss der Mann alle paar Wochen mit einem künstlichen Testosteron (das seinerseits aber keine Spermienbildung stimuliert) im Gleichgewicht gehalten werden – per Spritze ins Gesäß.