Verhütung Mann kann auch andersSeite 4/4

An der Universität Oxford fand Aarnoud van der Spoel zufällig heraus, dass ein Medikament zur Behandlung von Fettspeicherstörungen Mäuse binnen vier Wochen unfruchtbar macht, weil ihre Spermien nahezu unbeweglich werden. »Es könnte sein, dass irgendein Medikament Kontrazeption als unerwartete Nebenwirkung hat«, sagt Eberhard Nieschlag. Das wäre die kostengünstige Überraschungsvariante. In seinem Institut an der Universität Münster wird derweil das Ionenmilieu im Nebenhoden untersucht. Nur an wenigen anderen Orten im Körper sind derart viele gelöste Stoffe vorhanden. Und sie alle dienen der Spermienreife. Nieschlags Mitarbeiter Trevor Cooper versucht hier gezielt zu stören. Verhütung durch Spermien-Unterernährung erforscht auch David de Kretser von der Monash University in Australien. Im Hoden versorgen spezielle »Ammenzellen« die entstehenden Spermien. Gelänge es, diese »Kindermädchen« zu stören, würden die Spermien nie bis zur Reife gepäppelt.

Jüngst rückten die Forscher auch immer weiter an den Akt selbst heran. Wem es gelänge, die Empfängnis unmittelbar vor dem Vollzug zu stören, der müsste sich um die komplizierten 70 Tage vorher nicht scheren. Aufsehen erregte hier die Arbeit des Bochumer Professors für Zellphysiologie Hanns Hatt. Der »Riechpapst« (er erforscht unter anderem jenen Abschnitt des Genoms, von dem die Nobelpreisträger Linda Buck und Richard Axel herausgefunden hatten, dass es die Gene für unsere Riechrezeptoren trägt) fand heraus: Spermien verfügen über eine Art Geruchssinn zur Orientierung – und den kann man durch einen chemischen »Gegengeruch« auch blockieren. Ein künftiges empfängnisverhütendes Medikament könnte also aus genau jenem Aroma bestehen, das den Samenzellen die Riechspur zur Eizelle verwischt. Der Haken bei der Sache: In Deutschland darf in diese Richtung nicht geforscht werden, weil das Embryonenschutzgesetz Experimente verbietet, bei denen im Reagenzglas nebenbei neues Leben entstehen könnte.

Erst im Eileiter bekommt der Samen das entscheidende Etwas

Mitte März präsentierten japanische Forscher um Naokazu Inoue in der Zeitschrift Nature eine Methode, mit der die Verschmelzung von Spermium und Ei im letzten Moment verhindert wird – per Schlüsseldiebstahl. Die Japaner hatten herausgefunden, dass das Protein Izumo (sinnigerweise benannt nach einem japanischen Hochzeitsschrein) für die Haftung des Spermienkopfes an der Eioberfläche verantwortlich ist. »Auch menschliche Spermien enthalten Izumo, und eine Beigabe des Antikörpers zu Izumo ließ Spermien unfähig zur Verschmelzung mit Hamster-Eizellen zurück«, berichtet Inoue in Nature, immerhin. Würde daraus allerdings ein Kontrazeptivum, so müsste es wohl doch wieder von der Frau eingenommen werden. Zu einem Verhütungsmittel für beide Beteiligten könnte führen, was David Clapham an der Harvard Medical School entdeckt hat, einen bestimmten Ionenkanal, der nur im Spermienschwanz vorkommt und nirgendwo sonst im Körper. Blockierte man ihn mit einem passenden Wirkstoff, so ergäbe das ein Verhütungsmedikament, welches voll ausgereifte Spermien erstarren ließe. Womöglich könnte es sogar noch kurz nach dem Sex angewendet werden.

Tatsächlich sehen die Visionäre in den letzten Momenten vor der Befruchtung die Chance für eine Pille für beide Geschlechter. Dabei kommt den Forschern ein Umstand zugute, der manchen Mann in seinem Selbstverständnis erschüttern mag: Bis ganz zum Schluss fehlt dem Samen offenbar noch das entscheidende Etwas. »Biochemisch gesehen, passiert im Eileiter noch einiges mit dem Spermium«, sagt Ursula-Friederike Habenicht, Forschungsleiterin Gynäkologie und Andrologie bei Schering. »Die letzte Phase der Reifung geschieht erst im weiblichen Körper.« Das könne man vielleicht in Zukunft nutzen, um ein Antibabymedikament für Mann und Frau zu entwickeln. Dann bleibt nur noch die Frage, wer es schlucken muss.

 
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