Manche Besucher kommen mit völlig falschen Erwartungen in die Station. Die denken an einen Zoo oder eine Art Delfinarium für drollige Heuler und wundern sich dann, dass es keine Vorführungen gibt. Mit Seehunden, die durch Ringe springen und den Zaungästen die Vorderflipper reichen.

Häufig staunen aber gerade die am meisten, was es hier in der Seehundstation alles zu sehen gibt. Die Leute sind ja offener im Urlaub, stellen Fragen, hören zu. Und die Kinder drücken sich an den Fenstern im Infozentrum die Nasen platt. Von dort haben sie alles gut im Blick: die drei Becken, die Ruhezonen der Seehunde. 28 Heuler haben wir momentan hier, die zwischen Emden und Cuxhaven mutterlos gefunden wurden. Juni und Juli sind ja die Gebärmonate. In manchen Jahren sind dann bis zu 80 Jungtiere in der Station, und es fällt schwer, sich alle Namen zu merken.

Wir machen täglich zwei kommentierte Fütterungen. Da erkläre ich alles: dass die ganz Kleinen nur zweimal pro Tag ins Wasser dürfen, weil sie sonst die Energie gleich wieder verbrauchen würden, die sie beim Schlauchen aufnehmen – also beim Füttern über die Magensonde. Oder wie vorsichtig wir mit den Schnurrhaaren, den Vibrissen, umgehen müssen, weil die so empfindlich sind. Unter Wasser können die Seehunde damit Strömungen ausmachen und sogar die Spur von Fischen erfühlen, die vor ihnen schwimmen. Aber wir sagen eben auch, was Spaziergänger anrichten, die zu nah an die Seehundbänke gehen und die Tiere beim Säugen stören. Die scheuchen doch alles auf, selbst wenn sie nur aus 20, 30 Metern ein Foto machen wollen.

Zurück bleiben immer die Kleinen, die dann mit zwei, drei oder sieben Lebenstagen zu uns kommen. Menschen müssen sich allem nähern, alles anfassen, streicheln, mitnehmen. Ich hab nach dem Abitur in einer Wildtier- und Artenschutzstation meinen Beruf gelernt: Wasda für Tiere ankamen – und wie, unglaublich. Schildkröten, die Urlauber in Mineralwasserflaschen ins Land geschmuggelt haben, oder kleine Brillenkaimane in der Reisetasche. So was macht mich richtig wütend.

Auch Seehunde sind keine Kuscheltiere, es sind Wildtiere. Zwei, drei Monate bleiben sie bei uns, bis sie ordentlich Blubber – das ist die Fettschicht – und Muskulatur aufgebaut haben. Dann bringen wir sie auf die Sandbänke ins Wattenmeer. Zurück in die Freiheit, wo sie hingehören.

Aufgezeichnet von Thomas Gebhardt

Seehundaufzuchtstation, Dörper Weg 22, 26506 Norden-Norddeich, geöffnet täglich 10–17 Uhr, Tel. 04931/8919