Medizin Rituale für die Seele

In den Anden Boliviens und im Himalaya ist sie so zu Hause wie im westlichen Wissenschaftsbetrieb.

Als Ina Rösing sich vor rund 20 Jahren mit einem Forschungsstipendium nach Südamerika aufmachte, um dort die Heilungsrituale der Indianer zu studieren, ahnte sie nicht, auf was sie sich einließ. Ein Jahr war geplant, sieben blieb sie schließlich bei den Quechua-Indianern der Kallawaya-Region in den bolivianischen Hochanden. Sie schlief in ihren Hütten zwischen Kindern und Meerschweinchen, buddelte Kartoffeln aus dem Acker, lernte, wie man eine Lamaherde mit dem Lasso zusammenhält, sich der Hunde erwehrt oder sie abrichtet; sie schwitzte am Tag, erfror fast bei Nacht, gewöhnte sich an die Höhe und schließlich auch an die Flöhe. Vor allem aber lernte sie Quechua. Denn niemals hätten die Indianer eine Weiße, die im Idiom der Eroberer sprach, an sich herangelassen.

Nötig hätte sie diesen Auf- und Ausbruch nicht gehabt; als sie Deutschland mit Ende 30 verließ, war die Professorin für Wissenschaftssoziologie in Ulm gut etabliert. Sie hatte bei dem Behaviourismus-»Papst« B.F. Skinner in Harvard studiert, sich mit Lernpsychologie befasst, in Sozialpsychologie promoviert. Außerdem hatte sie eine Ausbildung als Psychoanalytikerin absolviert und sich mit Thanatologie, der Forschung von Sterben und Tod beschäftigt. Sie war bestens positioniert für eine wissenschaftliche Karriere.

Anzeige

Aber zufrieden war sie nicht. Als Therapeutin schlug sie sich mit der Frage nach dem eigenen Tun herum: »Was wirkt eigentlich, wenn ich Menschen behandele? Ich fasse sie nicht an, gebe keine Pillen, ich rede nur mit ihnen, und erstaunlicherweise geht es ihnen hinterher besser. Warum?« Dass es solche »symbolischen Heilungen« gibt, durch Psychoanalyse, seelsorgerisches Gespräch oder auch durch Placebos, ist lange bekannt. Doch sie scheinen nur innerhalb einer Kultur zu funktionieren, in der bestimmte Dinge oder Begriffe als Vehikel für eine Bedeutung dienen. Eine Placebo-Pille etwa oder ein Gespräch über den Ödipus-Komplex wird sich bei Grönland-Eskimos oder Buschmännern als völlig wirkungslos erweisen.

Ina Rösing wollte etwas über das Wesen solcher Heilung jenseits aller kultureller Bedingtheit herausfinden; und das bedeutete zunächst einmal: die Kultur möglichst radikal wechseln. Inzwischen forscht sie sowohl in den Anden als auch im Himalaya, bei den Schamanen derChangpa-Nomaden in 5000 Meter Höhe.

Ihre erste Begegnung mit einer fremden Kultur vor mehr als 20 Jahren war zunächst wie ein Schock. Dann kam die Einsicht in die Vermessenheit ihres Unterfangens. Die Vorstellung, innerhalb eines Jahres den Geheimnissen indianischer Heilungsrituale auf die Spur zu kommen und womöglich mit Tipps für die Psychopraxis des Westens zurückzukommen, erwies sich als Illusion. »Das war geradezu absurd naiv. Ich kann nur den Kopf über mich schütteln«, sagt Ina Rösing heute. »Mein gesamtes Forschungsprojekt schien den Bach runterzugehen. Was sollte ich bloß den Geldgebern von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sagen?«

Sie entschloss sich zu einem radikalen Bruch, ließ sich für sieben Jahre von ihrer Professur beurlauben und wurde Anden- und Himalaya-Forscherin. Und das ist sie bis heute geblieben. Bei mehr als hundert Heilungsritualen war sie dabei. Mit Notizblock, Tonbandgerät und Fotoapparat hat sie alles detailgetreu festgehalten: »Weiße Heilungen«, bei denen vor allem die Seele des Kranken behandelt wird, »Schwarze Heilungen«, bei denen Feindliches von ihm fern gehalten wird (etwa indem der Medizinmann einem bösen Nachbarn eine Grippe »anhext«), Heilungen zur Verbannung der Trauer und Rituale zur Rufung des Regens. Dabei wurde das Tonband ihr wichtigstes Forschungsutensil. Mit seiner Hilfe entdeckte sie beispielsweise die Bedeutung der rituellen Sprache für die Zeremonien.

Mit Hahn oder Katze wird die Seele des Patienten zurückgeholt

Auch frühere Andenforscher hatten den Ablauf von Heilungszeremonien beschrieben: Wie zunächst der Opfertisch je nach Heilung »gedeckt« werden muss, wie der Medizinmann mit den q´intos hantiert, kleinen, mit Lama-, Baum- oder Schafwolle gefüllten »Nestern«, wie er Cocablätter, Eier und Süßigkeiten einsetzt. Dass aber während der Heilung stets auch Gebete und Beschwörungen gesprochen werden, dass mitunter lange Gespräche zwischen Patient und Heiler stattfinden, hielten die Wissenschaftler für nicht untersuchenswert. »Die Andenforschung war stumm«, sagt Ina Rösing.

Sie dokumentierte mit Tonbandaufnahmen, dass Heilungsrituale wesentlich vom Verlauf der Gebete und des »diagnostischen« Gesprächs beeinflusst sind. Manchmal schlitzt der Medizinmann dabei ein Meerschweinchen mit dem Fingernagel auf, um aus den Eingeweiden zu lesen, manchmal muss die Seele des Patienten zurückgeholt werden mit einem Hahn oder einer Katze, die der Medizinmann am Ende des Rituals in einen Sack verschnürt und nächtens in einen Fluss wirft.

In ihrem in zwei Zyklen und sechs Bände gegliederten Hauptwerk Mundo Ankari dokumentiert Ina Rösing die Rituale der Kallawaya. Oft geht es dabei auch um el susto, den »Schrecken«. Das Phänomen, das nur aus Südamerika bekannt ist, äußert sich in Schlaflosigkeit, Blutarmut, Durchfall; die Patienten sind überempfindlich gegen Geräusche, oft depressiv bis zur völligen Teilnahmslosigkeit. Im Verständnis der Kallawaya ist das zentrale Symptom von el susto der »Seelenverlust«. Denn alle Menschen, so sind die Andenindianer überzeugt, haben eine »große Seele«, ihr Leben, und eine »kleine«, in westlichen Kulturen etwa mit der Psyche vergleichbar. Diese muss sorgsam gehütet werden, denn sie kommt leicht abhanden, wenn der Mensch sich erschreckt, etwa weil er einem wilden Tier begegnet, weil ein Blitz einschlägt oder er auf einen bösen Geist trifft. Dann bleibt seine kleine Seele am Ort dieses Schreckens zurück; das muss der Medizinmann zuerst im Gespräch diagnostizieren und sich dann auf den Weg machen, um die Seele durch ein Opfer zur Rückkehr zu bewegen.

Ist das nicht alles abergläubisch, primitiv, grausam? Solche Fragen beantwortet Ina Rösing prompt mit einer Gegenfrage. »Wie human ist denn unsere Kultur des Heilens?« Sie etwa erinnert sich mit Schaudern an die Zeit, als sie in Skinners Labor mit Ratten experimentierte. Aber wie fällt der direkte Vergleich aus? Sind die indianischen Medizinmänner mit ihren Methoden etwa erfolgreicher als unsere Ärzte? »Es geht mir nicht darum, zu messen oder zu werten, was das denn nun gebracht hat«, antwortet die Andenforscherin. Manchmal beobachtete sie, dass eine Behandlung dauerhaft half, manchmal aber hielt die Wirkung nur kurze Zeit an oder blieb ganz aus. Ihr sei es nie um Effizienzforschung gegangen, sondern – bescheidener – darum, zu dokumentieren und zu verstehen, wie umfassend die Kallawaya Heilung »inszenieren«.

Denn die Medizinmänner haben viele Rollen zugleich: Sie sind ärztliche Praktiker, die Kräutertees, Heilpflaster oder Massagen verabreichen, zugleich Seelsorger und Therapeuten und überdies noch mit spiritueller Unterstützung ausgestattet wie unsere Priester und Pfarrer. Ihre Sympathie für dieses System kann Ina Rösing nicht verhehlen. »Sehr viel humaner als unsere Kasten- und Spartenmedizin« sei das; Grund genug, »um unsere Heilungskultur zur kritischen Reflexion und zum Wandel herauszufordern«.

Obwohl Ina Rösing selbst bei Medizinmännern in die Lehre ging, würde sie niemals ein Heilungsritual durchführen. »Ich könnte es, aber ich finde, ich habe nicht das Recht dazu«, sagt sie. Ihre Lehrmeister drängen sie nicht. Und sie sind sich der Grenzen ihres eigenen Tuns durchaus bewusst. Bei Tuberkulose, der Kindersterblichkeit und vielen andere Leiden sind ihre Rituale machtlos. »Vieles ist jenseits unserer Möglichkeiten«, sagt der 36-jährige Medizinmann Aurelio.

Mit ihm verbindet sie eine besondere Beziehung. Denn der Heiler erkrankte selbst schwer, litt an den Folgen falsch behandelter und schlecht verheilter Verbrennungen an Gesicht, Hals und Händen. Als das Fleisch an der großen Wunde am Hals zu wuchern begann und ihn zu ersticken drohte, folgte er dem Drängen seiner Freundin Ina Rösing und vertraute sich den weißen Medizinmännern an. Im Frühjahr dieses Jahres landete er dank ihrer Verbindungen als Direktorin der Kulturanthropologischen Abteilung der Uniklinik Ulm direkt in der Obhut des Unfallchirurgen Martin Metzler. Rösing war bei den Operationen dabei und moderierte die Verständigung zwischen den Welten. Gleichzeitig sammelte sie wertvolles Material: rund 20 Stunden Tonbandaufnahmen – das seltene Dokument einer transkulturellen Begegnung, diesmal in umgekehrter Richtung.

Über die Methoden der weißen Ärzte wundert sich der indianische Heiler

Aurelio, der inzwischen in sein Andendorf zu Frau und sechs Kindern zurückgekehrt ist, war ein dankbarer und geduldiger Patient, voller Bewunderung für die Kunst seiner Kollegen in Ulm. Doch er staunte sehr, dass die sorgfältigen weißen Ärzte sich so gar nicht um seine kleine Seele kümmerten. Hier allerdings war Ina Rösing mit ihrem Quechua am Ende. Dass die westlichen Heiler sich keine Sorgen machten, ob ihrem Patienten auf der Reise in eine fremde Kultur vielleicht el susto die Seele geraubt hatte, blieb dem Südamerikaner unbegreiflich.

Doch Ina Rösing plädiert beileibe nicht dafür, dass man unkritisch fremde Heilmethoden – wie es derzeit Mode ist – übernehmen sollte. Man dürfe sie schließlich nicht aus dem kulturellen Kontext reißen, in den sie traditionell eingebettet seien. Was ihre ursprüngliche Frage nach dem Wirken symbolischen Heilens angeht, ist sie zurückhaltend geworden. So leicht sei das wissenschaftlich nicht zu beantworten. Einen simplen Funktionsmechanismus jedenfalls hat sie nicht gefunden. Daher hat sich ihre forschende Beobachtungsgabe sensibilisiert, zum Beispiel für transkulturelle Gemeinsamkeit. So gleicht etwa der »Seelenverlust« in den Anden oder im Himalaya der Posttraumatischen Belastungsstörung im westlichen Sprachgebrauch. In einem Forschungsschwerpunkt möchte sie dem weiter nachgehen.

Ina Rösing ist jetzt 63, und ihre Forschungsplanung reicht bis ins Jahr 2012. Wenn sie schreibt, zieht sie sich in die Einsamkeit zurück. Nur ihr (dritter) Mann weiß dann, wo sie steckt. Doch tagtäglich empfängt und hört sie auch dort die Tonbandbotschaften aus ihrem Andendorf. Dass der José und die Luisa sich getrennt haben, dass die Geburt von Eugenias siebtem Kind gut verlief, wird ihr da berichtet, während im Hintergrund die Schafe blöken, die Kinder kreischen, die Meerschweinchen quieken und der Esel furzt. Und dann hat sie Heimweh, denn auch wenn sie bei den Kallawaya vielleicht nicht ihre Seele verloren hat – ihr Herz bestimmt.

Der Mensch
Ina Rösing studierte Psychologie unter anderem an der Harvard-Universität, wechselte dann zur Wissenschaftssoziologie. Seit 1975 ist sie Professorin an der Universität Ulm, wo sie heute das Institut für Kulturanthropologie der Uniklinik leitet. Seit Anfang der achtziger Jahre erforscht sie die Heilungsrituale der Quechua-Indianer in Bolivien und der Changpa-Nomaden im Himalaya. Für die Bücher über ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

... und seine Idee
Bei vielen Heilungsritualen in Südamerika wird aus den Eingeweiden von Meerschweinchen gelesen. Wer das grausam findet, den erinnert Ina Rösing an die Rattenversuche der westlichen Medizin. Wie sich der Blick auf die eigene Kultur aus der Anden-Perspektive verändert, zeigt sie in dem Buchzyklus »Mundo Ankari«. Auch in ihrem jüngsten Buch »Intelligenz und Dummheit« stellt sie unsere Vorstellungen denen anderer Kulturen gegenüber.

 
Service