Medizin Rituale für die SeeleSeite 3/3

Über die Methoden der weißen Ärzte wundert sich der indianische Heiler

Aurelio, der inzwischen in sein Andendorf zu Frau und sechs Kindern zurückgekehrt ist, war ein dankbarer und geduldiger Patient, voller Bewunderung für die Kunst seiner Kollegen in Ulm. Doch er staunte sehr, dass die sorgfältigen weißen Ärzte sich so gar nicht um seine kleine Seele kümmerten. Hier allerdings war Ina Rösing mit ihrem Quechua am Ende. Dass die westlichen Heiler sich keine Sorgen machten, ob ihrem Patienten auf der Reise in eine fremde Kultur vielleicht el susto die Seele geraubt hatte, blieb dem Südamerikaner unbegreiflich.

Anzeige

Doch Ina Rösing plädiert beileibe nicht dafür, dass man unkritisch fremde Heilmethoden – wie es derzeit Mode ist – übernehmen sollte. Man dürfe sie schließlich nicht aus dem kulturellen Kontext reißen, in den sie traditionell eingebettet seien. Was ihre ursprüngliche Frage nach dem Wirken symbolischen Heilens angeht, ist sie zurückhaltend geworden. So leicht sei das wissenschaftlich nicht zu beantworten. Einen simplen Funktionsmechanismus jedenfalls hat sie nicht gefunden. Daher hat sich ihre forschende Beobachtungsgabe sensibilisiert, zum Beispiel für transkulturelle Gemeinsamkeit. So gleicht etwa der »Seelenverlust« in den Anden oder im Himalaya der Posttraumatischen Belastungsstörung im westlichen Sprachgebrauch. In einem Forschungsschwerpunkt möchte sie dem weiter nachgehen.

Ina Rösing ist jetzt 63, und ihre Forschungsplanung reicht bis ins Jahr 2012. Wenn sie schreibt, zieht sie sich in die Einsamkeit zurück. Nur ihr (dritter) Mann weiß dann, wo sie steckt. Doch tagtäglich empfängt und hört sie auch dort die Tonbandbotschaften aus ihrem Andendorf. Dass der José und die Luisa sich getrennt haben, dass die Geburt von Eugenias siebtem Kind gut verlief, wird ihr da berichtet, während im Hintergrund die Schafe blöken, die Kinder kreischen, die Meerschweinchen quieken und der Esel furzt. Und dann hat sie Heimweh, denn auch wenn sie bei den Kallawaya vielleicht nicht ihre Seele verloren hat – ihr Herz bestimmt.

Der Mensch
Ina Rösing studierte Psychologie unter anderem an der Harvard-Universität, wechselte dann zur Wissenschaftssoziologie. Seit 1975 ist sie Professorin an der Universität Ulm, wo sie heute das Institut für Kulturanthropologie der Uniklinik leitet. Seit Anfang der achtziger Jahre erforscht sie die Heilungsrituale der Quechua-Indianer in Bolivien und der Changpa-Nomaden im Himalaya. Für die Bücher über ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

... und seine Idee
Bei vielen Heilungsritualen in Südamerika wird aus den Eingeweiden von Meerschweinchen gelesen. Wer das grausam findet, den erinnert Ina Rösing an die Rattenversuche der westlichen Medizin. Wie sich der Blick auf die eigene Kultur aus der Anden-Perspektive verändert, zeigt sie in dem Buchzyklus »Mundo Ankari«. Auch in ihrem jüngsten Buch »Intelligenz und Dummheit« stellt sie unsere Vorstellungen denen anderer Kulturen gegenüber.

 
Service