Projekt 18

Sie sind gerade volljährig und besuchen einen Grundkurs Politik. Was werden sie wählen? Ein Schulbesuch in der Provinz

Die Jüngstwähler des Jahres 2005 waren elf Jahre alt, als Schröder Kanzler wurde. »Bundeskanzler Gerhard Schröder«, das ist für sie ein Wort, Bundeskanzlergerhardschröder, so wie für die Älteren Bundeskanzlerhelmutkohl. Schröder war schon da, als sie zum ersten Mal die guckten. Sind sie Schröders überdrüssig, ähnlich wie die Jüngeren des Jahres 1998 Kohls überdrüssig waren? Wie denken sie über den einzigen Kanzler, den sie bislang hatten?

Besuch in einer zwölften Klasse, Politik Grundkurs eines Gymnasiums, in Wadern im Saarland, in der Provinz – die meisten Erstwähler Deutschlands gehen in kleinen Städten zur Schule. Die Fahrt ins Hochwaldgymnasium führt von Saarbrücken nach Norden über eine Autobahn, auf der man am Dienstagmorgen fast allein ist, dann 14 Kilometer über Land, vorbei an Bauernhäusern, restauriert zwar, aber nicht teuer saniert, vorbei an Wiesen, Feldern. Bei der vorigen Bundestagswahl hat die SPD in diesem Wahlkreis noch 45,5 Prozent der Zweitstimmen erhalten, die CDU nur 36,5. Wenn die Prognosen wahr werden, wird sich dies im September ungefähr umkehren.

Mathias Wolbers, 56 Jahre, Gymnasiallehrer für Politik und Französisch, erwartet einen am Eingang der Schule, in Jeans und Poloshirt. Matthias Wolbers sagt, kurz bevor man mit ihm in das Klassenzimmer einbiegt: »Es gibt da einen Schüler: Unterbrechen Sie ihn, wenn er zu viel redet.« Er sagt das nett, ohne verächtlichen Unterton.

Heute fällt der Unterricht aus, der Kurs soll darüber Auskunft geben, wie Erstwähler ticken und wie sie über den Kanzler denken. Es stellt sich schnell heraus: Niemand spricht gut über ihn. Niemand verteidigt ihn. Aber ist er für sie das, was für viele Erstwähler des Jahres 1998 Kohl war? Ein Berg von einem Mann, ein Berg von einem Problem, das bitte, bitte schnellstmöglich weg sollte? Nein, so reden sie nicht. Sie gehen mit ihm fair um. Fairer, als Abiturienten vor zehn Jahren mit Kohl umgingen, als in den Schulen ein Slogan wie »Der Dicke muss weg« noch zu den harmlosen gehörte. Niemand im Kurs beleidigt Schröder, nicht in dieser Doppelstunde, aber auch nicht danach, als der Lehrer weg ist, auf dem Schulhof, in der Cafeteria. Er regt sie nicht einmal auf. Das Polemischste, was einer der Schüler sagt: »Ich komme mir vor wie in einer Pleiten-Pech-und-Pannen-Sendung.«

Der Klassenheld ist Mitglied in der CDU

Ihre Gründe, Schröder nicht zu wählen, sind wohlüberlegt. Aber es gibt so viele.

Da ist Felix Hoff, der seine Sätze stets mit einem Lächeln beendet. Er fand Schröders Nein zum Irak-Krieg zwar genauso gut wie sein Ja zum Kosovo-Krieg. Aber entschieden hat er sich zwischen der FDP (wegen der Bürgerrechte) und den Grünen – und wird grün wählen. Er denke ökologisch, sagt er, aber »mehr so à la Marktwirtschaft«. Vor kurzem hat Felix Hoff ein Gewerbe angemeldet, er programmiert Internet-Seiten für Firmen. Nun rufen ihn Vertreter an und wollen ihm Versicherungen aufschwatzen. Er legt nicht einfach auf. Er sagt höflich ab.

Oder Michel Meyer, der die SPD vor allem wegen der Ökosteuer verachtet. Er sitzt nach der Stunde draußen auf einer Bank, zehn Schritte von seinem Opel Astra entfernt, und schimpft über die Steuer, die das Autofahren für ihn so teuer mache, »gerade für mich als Schüler«. Schröder sei ein Showmaster, nicht seriös. Michel Meyer will Bankkaufmann werden, zu Hause wohnen bleiben, damit Geld übrig bleibt für das Studium danach und für sein Auto, das er tiefer legen lassen will.

Oder Sabryna Junker, die als Einzige im Kurs noch nicht wählen darf (sie wurde früh eingeschult, ihr gefiel es nicht mehr im Kindergarten, sagt sie), sich aber zwischen Grünen, CDU und FDP entscheiden würde. In keinem Fall für die SPD. Ihr Vater ist Zahnarzt, und für Sabryna Junker ist die Praxisgebühr das beste Beispiel dafür, dass die SPD eine chaotische Poltik gemacht hat. »Die SPD mag eine gute Theorie haben. Aber die Praxis sieht ganz schlecht aus.«

Oder Eva Becker. Sie will grün wählen, vor allem weil sie »den Atomausstieg gut fand«. Die SPD komme nicht infrage, obwohl ihr Vater in der Gewerkschaft sei »und dies nahe läge«. Schröder ist ihr einfach nicht sympathisch, warum, das kann sie nicht erklären. Überhaupt, gibt sie zu, wisse sie wohl doch zu wenig über Politik. Es fällt ihr erst nach langem Nachdenken ein Thema ein, das ihr sehr wichtig ist: Bildung. »Die muss dringend besser werden, damit wir für die Wirtschaft wieder interessant werden.« Sie ist die Einzige im Kurs, die von der Sorge erzählt, später mal keine Arbeit zu finden.

Oder Dominik Lorenz, der Birkenstock-Sandalen trägt. Aber das hat heute nichts mehr zu bedeuten. Er war schon mit 12 in der Schüler-Union. Heute, mit 18, ist er Mitglied der CDU. Natürlich wird er sie wählen. Seine Kritik an Schröder klingt, als habe er sie in seiner JU-Gruppe schon zehnmal durchgesprochen: »Drei Punkte: mangelnde Kontinuität, hat sein Kabinett nicht im Griff, mangelnde Politikvermittlung – denn inhaltlich ist er mit der Agenda 2010 ja auf dem richtigen Weg.« Dominik redet wie ein Politiker, er sagt solche Sätze wie, »wenn ich diesen Gedanken einmal ausführen darf«. Er hat zwei Praktika im saarländischen Innenministerium gemacht und ist stolz darauf, dass der Ministerpräsident Peter Müller sein Gesicht kennt. Er ist Schülersprecher und macht Bereitschaftsdienst beim Roten Kreuz.

Kein Zweifel: Dominik hat in diesem Kurs das Sagen, seine Stimme füllt den Raum mit weitausholenden Sätzen. Und seine Mitschüler finden das gut. Sie finden ihn gut. Felix sagt: »Ich bin froh, dass wir ihn als kompetenten Diskussionspartner haben.« Sabryna: »Er hat sehr viel Charme. Er ist beliebt, obwohl er keinen Alkohol trinkt, gegen Drogen ist. Ich denke genauso – aber wenn ich das sage, mache ich mir Feinde.« Und sie erwähnt seine Noten, die exzellent seien, fast überall 15 Punkte. Eva: »Das meiste von dem, was Dominik sagt, ist in Ordnung.« Und Michel: »Wir anderen sitzen halt da, für uns ist Politik ein Kurs von vielen, aber Dominik nimmt es sehr ernst.« Ein Klassenheld von der CDU – vor zehn oder zwanzig Jahren schwer vorstellbar.

Wenn man die Schüler reden hört, von Steuern und von Standortnachteil, wünscht man sich vielleicht mehr Visionen. Aber sie sind Kinder einer Zeit, in der sich alle um die deutsche Wirtschaft sorgen. Sie sagen solche Sachen wie: »Die Politik Schröders ist handwerklich nicht gut.«

Mathias Wolbers, der Lehrer, bezeichnet sich als linksliberal. Er ging, bis er Vater wurde, oft auf Studentendemos. »Früher hätte sich ein Schüler gar nicht als CDU-Wähler geoutet«, sagt er. »Wer konservative Ideen vertrat, hatte es schwer mit seinen Mitschülern.« Er erzählt, dass die Wortführer in den letzten drei Jahrzehnten immer von links kamen, dass er von seinen Schülern immer von links kritisiert wurde, sogar auf dem katholischen Mädchengymnasium, wo er in den Siebzigern begann. Das hat sich erst vor zwei Jahren geändert. Und dann erzählt Wolbers von seinem Politik-Leistungskurs, der fest in der Hand war von drei, vier Schülern, die der FDP nahe standen oder Mitglied waren und die sich selbst als »Neoliberale« bezeichneten. Vor ein paar Wochen schon haben sie die Schule verlassen, aber noch immer redet Wolbers von ihnen wie von einer gewalttätigen Jugendgang. »Ich habe so etwas noch nie erlebt. Und ich bin guter Hoffnung, dass mir so etwas auch nicht mehr widerfahren wird.«

Die Abiturreden sind zahm – zum Entsetzen der Lehrer

Auch seine Schüler reden von dieser FDP-Gruppe mit einem Raunen: »Die trugen ›Support our Troops‹-Shirts.« – »Einer kam mit dem FDP-Auto zur Schule.« – »Einmal haben sie Neuntklässler beschimpft, die aus Protest gegen den Irak-Krieg Gebäck verkauft haben.«

Und jetzt also die ausgewogenen Schröder-Kritiker. Mathias Wolbers hadert mit den neuen Wortführern: »Die Gesellschaft bringt eben zurzeit eher Pragmatiker hervor.« So recht kann er sich das nicht erklären. Auf den Gedanken, dass sie ihn damit vielleicht auch provozieren wollen, kommt er nicht. Überhaupt sind an seiner Schule in den letzten Jahren merkwürdige Dinge passiert. Im Kollegium rätsele man schon länger über die Abiturfeiern. Die Reden der Schüler sind zahm geworden, Mädchen tragen Abendkleid zu Hochfrisuren. Und in der Abizeitung »waren fast alle Artikel über Lehrer positiv«.

Die Schüler des Kurses sind tatsächlich wohlerzogen. Sie reichen freundlich die Hand, bringen in der Cafeteria ihre leeren Kaffeetassen zurück, rücken nach dem Essen ihre Stühle an die rechten Plätze. Nirgendwo finden sich Graffiti, sogar die Toiletten sind frei von Kritzeleien.

Und ihre großen Ferien sehen so aus: Sabryna wird ein Praktikum im Saarbrücker Zoo machen, sie hofft bei den Reptilien, auch Insekten wären gut. Dominik will wahrscheinlich im Wahlkampf helfen und ein paar Bücher lesen – auch für die Schule. Eva Becker will jobben in einem Gummiwerk, vier Wochen lang, um sich nach dem Abitur ein Auslandsjahr in Neuseeland oder Australien leisten zu können. Michel will auch arbeiten, im Dillinger Stahlwerk. Felix will zum katholischen Weltjugendtag nach Köln.

Es muss Lehrer Wolbers beruhigen, dass es doch noch Revolte gibt in seiner Schule. Eine kleine wenigstens. In dieser vorletzten Schulwoche campieren die Schüler auf einer Wiese nahe der Schule. Der Direktor war dagegen, die Schüler kämen verschlafen zum Unterricht, könnten zu viel trinken. Darum hat er einen Brief an die Eltern geschrieben. Die Schüler waren empört. Es gehe um ihr Privatleben! Jetzt zelten sie trotzdem.

Und Dominik, der Schülersprecher? Er steht in dieser Frage hinter seinem Direktor.

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