Projekt 18Seite 3/3
Auch seine Schüler reden von dieser FDP-Gruppe mit einem Raunen: »Die trugen ›Support our Troops‹-Shirts.« – »Einer kam mit dem FDP-Auto zur Schule.« – »Einmal haben sie Neuntklässler beschimpft, die aus Protest gegen den Irak-Krieg Gebäck verkauft haben.«
Und jetzt also die ausgewogenen Schröder-Kritiker. Mathias Wolbers hadert mit den neuen Wortführern: »Die Gesellschaft bringt eben zurzeit eher Pragmatiker hervor.« So recht kann er sich das nicht erklären. Auf den Gedanken, dass sie ihn damit vielleicht auch provozieren wollen, kommt er nicht. Überhaupt sind an seiner Schule in den letzten Jahren merkwürdige Dinge passiert. Im Kollegium rätsele man schon länger über die Abiturfeiern. Die Reden der Schüler sind zahm geworden, Mädchen tragen Abendkleid zu Hochfrisuren. Und in der Abizeitung »waren fast alle Artikel über Lehrer positiv«.
Die Schüler des Kurses sind tatsächlich wohlerzogen. Sie reichen freundlich die Hand, bringen in der Cafeteria ihre leeren Kaffeetassen zurück, rücken nach dem Essen ihre Stühle an die rechten Plätze. Nirgendwo finden sich Graffiti, sogar die Toiletten sind frei von Kritzeleien.
Und ihre großen Ferien sehen so aus: Sabryna wird ein Praktikum im Saarbrücker Zoo machen, sie hofft bei den Reptilien, auch Insekten wären gut. Dominik will wahrscheinlich im Wahlkampf helfen und ein paar Bücher lesen – auch für die Schule. Eva Becker will jobben in einem Gummiwerk, vier Wochen lang, um sich nach dem Abitur ein Auslandsjahr in Neuseeland oder Australien leisten zu können. Michel will auch arbeiten, im Dillinger Stahlwerk. Felix will zum katholischen Weltjugendtag nach Köln.
Es muss Lehrer Wolbers beruhigen, dass es doch noch Revolte gibt in seiner Schule. Eine kleine wenigstens. In dieser vorletzten Schulwoche campieren die Schüler auf einer Wiese nahe der Schule. Der Direktor war dagegen, die Schüler kämen verschlafen zum Unterricht, könnten zu viel trinken. Darum hat er einen Brief an die Eltern geschrieben. Die Schüler waren empört. Es gehe um ihr Privatleben! Jetzt zelten sie trotzdem.
Und Dominik, der Schülersprecher? Er steht in dieser Frage hinter seinem Direktor.
- Datum 21.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.07.2005 Nr.30
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