Sozialismus aus Sicht der Grubenkante
Forscher aus aller Welt interessieren sich für die Untergrundzeitschriften aus der DDR. Sie werden digitalisiert und via Internet nutzbar gemacht
Söie waren die Dornen im Auge der Stasi. Plattform, Grubenkante oder Grenzfall, die Untergrundzeitschriften der DDR-Bürgerrechtler. In Kellern meist illegal, mit primitiven Druckwalzen fabriziert und unter der Hand verbreitet, wurden die Flugschriften zu Wegbereitern der politischen Wende.
184 verschiedene Heftreihen mit Texten zu Umweltschutz, Zivildienst oder Abrüstung entstanden zwischen Mauerbau und Mauerfall. Auf mechanischen Schreibmaschinen tippten Regimekritiker wie Markus Meckel, derzeit für die SPD im Bundestag, oder der heutige CDU-Kulturpolitiker Günther Nooke ihre Vision vom demokratischen Rechtsstaat in das Matrizenpapier.
Weit verstreut in privaten Bücherregalen und in sechs ostdeutschen Archiven vergilben und verblassen heute rund 1000 Restexemplare der Widerstandspresse.
Das Papier damals war schlechter als das vor 100 Jahren, warnt Tom Sello, ehemaliger Herausgeber der Berliner Umweltblätter. Einige wird man in ein paar Jahren nicht mehr lesen können.
Nun fragen Forscher aus aller Welt bei Sello nach, der bei der Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft einen Großteil der Bestände verwaltet. Wir haben schon Leute aus Südkorea, Frankreich, Neuseeland oder den USA hier gehabt, erzählt der 47-Jährige. Jüngst kam eine Gymnasiastin, weil sie ihre Hausarbeit über die Blätter schrieb.
Finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Berliner Stiftung Aufarbeitung, wollen Sello und weitere Exherausgeber den Blätterschatz nun weltweit verfügbar machen. Die Kosten: mehr als 200 000 Euro. Spezialisten des Berliner Satz- und Rechenzentrums digitalisieren mit einem Scanner die knapp 14 000 verblassenden Seiten und lassen sie erneut abschreiben. Von 2006 an können dann Historiker, Pädagogen oder Journalisten den Bestand nach Titel, Autor, Herausgeber oder im Volltext durchsuchen und sich als Faksimile anschauen, verspricht der EDV-Fachmann Peter Stahl, der gemeinsam mit Experten der TU Dresden die Internet-Datenbank füttert.
Für Tom Sello sind die Untergrund-Heftreihen heute ein wichtiges Kulturgut.
Im Gegensatz zu Stasi- und Parteiakten zeigten die Oppositionsschriften, wie Leute die DDR auch kritisch gesehen haben. In den Westen geschmuggelt, waren sie wichtige Quellen für Journalisten. Sie vermittelten viele Fakten, die in der Öffentlichkeit nicht auftauchten, erinnert sich Katharina Lenski vom Thüringer Archiv für Zeitgeschichte, die für das Anarcho-Blatt Kopfsprung schrieb. Sie schufen eine andere Realität neben der öffentlichen Propaganda.
Verglichen mit osteuropäischen Ländern wie Polen, wo in den achtziger Jahren allein rund 2500 verschiedene Heftreihen entstanden, fiel das ostdeutsche Blättererbe mit rund 700 Ausgaben eher gering aus. Auch, weil Material knapp war: Wo es ging, haben wir Papier in Schreibwarenläden aufgekauft, erinnert sich Thomas Pilz, der 1989 im ostsächsischen Zittau die Lausitzbotin herausgab. Druckchemikalien schleusten auch Diplomaten aus dem Westen ein.
Vorsicht war oberstes Gebot: Papier und Kopiergeräte transportierten die Oppositionellen oft nur im Schutz der Nacht.
Zudem sabotierten Stasi-Spitzel, wo es ging: Die Nullnummer des Friedrichsfelder Feuermelder stammte komplett aus Stasi-Federn, was die unterwanderte Redaktion zu spät bemerkte. Den Keller der Berliner Zionskirchgemeinde stürmte im November 1987 ein 20-Mann-Kommando der Stasi, weil es die Oppositionellen beim illegalen Drucken erwischen wollte. Doch ohne Erfolg: Schon die nächste Ausgabe der Umweltblätter berichtete auf fünf Seiten über die Schlacht um Zion.
- Datum 21.07.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 30/2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren