Jessica Alba Ich habe einen Traum
Jessica Alba,24, ist seit ihrem zwölften Lebensjahr Schauspielerin. Bekannt wurde sie vor fünf Jahren in James Camerons TV-Serie »Dark Angel«. Derzeit ist sie in deutschen Kinos in der Comicverfilmung »Fantastic Four« zu sehen, ab August in »Sin City«. Jessica Alba lebt in Los Angeles. Hier erzählt sie von ihrem Traum, sich durchzusetzen
Vor einigen Tagen hatte ich mal wieder einen Albtraum und rief nachts um drei meinen Freund an. Ich hatte geträumt, dass ein Mann sich mir gegenüber unhöflich benahm, und jemand schlug ihn deshalb vor meinen Augen zusammen. Der Traum hatte seinen Ursprung wohl darin, dass ich gerade ein Buch von einer Frau las, die vergewaltigt wurde – und gleichzeitig ein Skript über eine Frau, deren Mann vor ihren Augen umgebracht wird. In meinen Träumen begegne ich häufig Gewalt.
Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Ständig empfinde ich großen Druck, versuche an eine Million Dinge gleichzeitig zu denken. Diese brutalen Träume sind vielleicht ein Weg, den Druck abzubauen, weil ich mir keine Entspannung erlaube, solange ich wach bin. Also träume ich umso intensiver, wenn ich viel arbeite.
Ich habe einige Rollen in Fantasy-Filmen gespielt, in denen die Hauptfigur über besondere Fähigkeiten verfügt; etwa die, sich unsichtbar zu machen. Als Frau im von Männern dominierten Entertainment-Business kommt es mir auch in der Realität manchmal vor, als wäre ich unsichtbar. Zum Beispiel kann es in einem Meeting passieren, dass ich meine Meinung sage und die Männer im Raum sehen durch mich hindurch. Sie warten nur darauf, dass ich endlich aufhöre zu reden, damit sie ihr Gespräch fortsetzen können. Nein, es ist für mich kein Wunschtraum, unsichtbar zu sein. Schließlich arbeitet man beim Film, um gesehen zu werden.
Aber diese Mutanten-Rollen passen zu mir. Sie sind eine logische Abwandlung meiner Persönlichkeit, weil sie mich daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich jung war. Als Teenager läuft man oft wie ein Alien durch die Welt. Schon als Kind ging mir das so. Es ist der Grund, warum ich Schauspielerin wurde. Nur wenn ich spielte, fühlte ich etwas. Vermutlich lag es daran, dass ich nie dort sein wollte, wo ich gerade war.
Während meiner Kindheit zog meine Familie häufig um. Mein Vater arbeitete bei der Luftwaffe. Er verdiente nur 14000 Dollar im Jahr. Damit musste er seine Frau, meinen jüngeren Bruder und mich ernähren. Meine Eltern waren von zu Hause ausgerissen, um zu heiraten. Sie hatten schon Kinder, als sie selbst Teenager waren. Bei uns gab es nie finanzielle Sicherheit. Es gab kein Erbe, kein Familien-Business. Ich fragte mich häufig: Warum kann ich nicht das Gleiche haben wie die anderen Kinder? Meine Mutter sagte: »Ihr könnt haben, was immer ihr wollt im Leben. Ihr müsst nur hart dafür arbeiten.« Das habe ich getan. Aber das Leben, das ich wollte, war ein anderes.
Meine Urgroßeltern kamen aus Mexiko. Schon meine Großeltern waren Amerikaner. Aber sie mussten um Gleichberechtigung kämpfen. Sie waren die einzige Latino-Familie in einer weißen Gegend und wollten unter keinen Umständen, dass ihre Kinder den Unterschied spürten. Der einzige Weg, das zu erreichen, war, auf keinen Fall Spanisch zu sprechen. Alles andere in ihrem Leben war dafür besonders traditionell. Meine Erziehung war streng, katholisch, konservativ. Familie war alles. Ich habe 15 Cousins und Cousinen. Sie werden immer in der Vorstadt bleiben. Alle werden die gleichen Jobs haben. Sie werden glücklich sein, auf ihre Art. Ich wollte das nicht. Ich hatte keine Lust auf ein Angestelltendasein in einer würfelförmigen Büro-Wabe.
Einer meiner ersten Lieblingsfilme, an die ich mich erinnere, ist Die unendliche Geschichte. Als ich ihn sah, wohnten wir in Texas. Wir fuhren in ein Autokino, dort war es billiger. Besonders, wenn wir Kinder uns bei der Einfahrt unter einer Decke auf dem Rücksitz versteckten, um den Eintritt zu sparen. Meinen Eltern war das immer etwas peinlich. Für mich bedeutete es ein kleines Abenteuer. Ich erinnere mich noch gut daran, wie unfassbar schön mir die Kindliche Kaiserin damals erschien. Sie hatte blaue Augen, weiße Haut, war weich und zart. Ich wünschte mir, auch so zierlich zu sein, eine kleine hohe Stimme zu haben. Denn ich war damals genau das Gegenteil: sehr groß für mein Alter und immer etwas großspurig, starrsinnig und laut. Ein richtiger Wildfang.
Ich hatte immer schon große Sehnsüchte. Etwa die, dass Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt sind. Als Mädchen fühlte ich mich Jungs unterlegen. Das habe ich überkompensiert. Ich begann, mit dem Baseballschläger zu üben. Bald konnte ich den Ball weiter werfen als alle Jungs. Ich lief schneller. Ich wollte besser sein als sie. Ich wollte nie wieder zu hören bekommen: Mädchen sind schwächer, Mädchen sind Heulsusen. Ich habe mir jeden Tag neue Schrammen geholt, mir alles Mögliche gebrochen. Wir wohnten nicht immer in den besten Gegenden. Ich begann mit Kickboxen und Karate, lernte früh Auto- und Motorradfahren. Meine ersten Runden drehte ich auf einer Triumph. Wenn man ein paar Mal hingefallen ist, tut man alles, damit sich das nicht wiederholt. Ich mag den Adrenalinrausch noch immer.
- Datum 21.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.07.2005 Nr.30
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