Die in Asien grassierende, lebensgefährliche Vogelgrippe breitet sich offenbar immer weiter aus und hat nun möglicherweise auch Russland erreicht.

Ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums teilte am Donnerstag mit, in der Region Nowosibirsk seien zahlreiche Vögel an Vogelgrippe gestorben. Ein Tierarzt erklärte dagegen, die Tiere könnten auch aus anderen Gründen umgekommen sein.

Das russische Katastrophenschutzministerium gab zunächst keine weiteren Informationen zu den toten Vögeln. Der für die Region zuständige Tierarzt Sergej Dankwert warnte aber vor übertriebener Panik. Auch verschmutztes Wasser, vergiftete Nahrung oder andere Krankheiten könnten zum Tod geführt haben. Deshalb seien weitere Untersuchungen nötig.

Vogelgrippe in Indonesien

Indonesien hat inzwischen ebenfalls die ersten Todesfälle durch die Vogelgrippe bestätigt. Ein 39 Jahre alter Mann und seine beiden Töchter im Alter von einem und neun Jahren seien an dem aggressiven Virus H5N1 gestorben, teilte Gesundheitsministerin Siti Fadilah Supari am Mittwoch mit. Das hätten Untersuchungen des Blutes der Toten ergeben. Zunächst sei aber noch unklar gewesen, auf welchem Wege sich die drei angesteckt hätten, sagte Supari.

Die Ministerin betonte, der Mann und seine Töchter seien an konventioneller Vogelgrippe gestorben und nicht, wie ursprünglich vermutet, durch eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Vorigen Monat hatte Indonesien die erste Ansteckung eines Menschen mit dem Virus bestätigt.

Vogelgrippe in China

Das unter Zugvögeln in China ausgebrochene Vogelgrippevirus ist eine besonders aggressive Variante des Erregers. Dieses Virus hat das Potenzial, sich mit den Zugvögeln in ganz Asien und darüber hinaus auszubreiten, befürchten chinesische Forscher nach einer genauen Untersuchung des Virus. Sie berichten über ihre Ergebnisse im US-Fachblatt "Science" (DOI: 10.1126/science.1115273).

Am 4. Mai dieses Jahres wurden die ersten Zugvögel tot auf der Vogelinsel im Qinghai-See im Westen Chinas entdeckt, bis Ende Juni waren mehr als tausend Vögel an der Vogelgrippe erkrankt oder verendet. Der See ist eines der wichtigsten Brutgebiete für Zugvögel aus Südostasien, Sibirien, Australien und Neuseeland. Das Virus, mit dem sich die Vögel infiziert hatten, gehört zum H5N1-Typ, von dem Wissenschaftler fürchten, dass es in veränderter Form eine weltweite schwere Grippewelle unter Menschen auslösen könnte.

Die Forscher um Jinhua Liu von der China Agricultural University in Peking untersuchten nun das Erbgut von vier verschiedenen H5N1-Viren, die sie aus erkrankten oder toten Zugvögeln isoliert hatten. Sie fanden heraus, dass das Erbgut dieser Viren verschiedene Kennzeichen sehr aggressiver Virusvarianten aufweist. Dies bestätigte sich auch im Tierversuch: Hühner, die die Forscher mit den verschiedenen H5N1-Viren infizierten, starben innerhalb von 20 Stunden, auch Mäuse überlebten die Infektion nicht.

Bislang sind in Südostasien 55 Menschen an der Vogelgrippe gestorben, die sich derzeit aber in der Regel nicht von Mensch zu Mensch verbreitet.

Weltgesundheitsorganisation WHO will den Trend umkehren

Angesichts immer neuer Vogelgrippe-Opfer in Asien sieht die Weltgesundheitsorganisation WHO den Kampf gegen die Viruskrankheit an einem entscheidenden Punkt. "Entweder kehren wir den Trend um oder wir verlieren die Kontrolle", sagte der WHO-Leiter für die Region West-Pazifik, Shigeru Omi, am Montag in Kuala Lumpur. Im ersten Halbjahr 2005 seien insgesamt 44 Erkrankungsfälle registriert worden. Im Gesamtjahr 2004 seien es 64 gewesen.

Inzwischen sei man "in einer beängstigenden Lage", betonte er zum Auftakt einer UN-Expertenkonferenz in der malaysischen Hauptstadt. Der Druck auf die Region durch das aggressive Virus H5N1 sei in den vergangenen sechs Monaten weiter gewachsen.

Seit dem Ausbruch der Krankheit Ende 2003 starben in Vietnam mindestens 39 Menschen an dem Virus, davon seit dem Beginn einer zweiten Infektionswelle Ende vorigen Jahres alleine 19. Angesichts einer annähernden Verdopplung der Ansteckungsfälle von Menschen in Vietnam sei das Land inzwischen "chronisch infiziert". In Thailand erlagen 12 Menschen der Geflügelpest, in Kambodscha 4.

Joseph Domenech von der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) rief China im Kampf gegen die Viruskrankheit zu mehr Transparenz auf. Während Vietnam mit internationalen Organisationen eng zusammenarbeite, sei die Kooperation mit Peking "nicht ausreichend". "Wenn ein Land keine Transparenz zeigt, wird es früher oder später zu Problemen kommen", sagte er.

Das Virus sei nach wie vor Ursache von Krankheit und Tod von Menschen und Tieren, sagte Shigeru Omi. "Man kann vermuten, dass es instabil, unberechenbar und wandlungsfähig bleibt."