Medizin Deutsche Ärzte streiken

Unbezahlte Überstunden, nicht ausgeglichene Bereitschaftsdienste, schlechte Bezahlung - die Krankenhausärzte protestieren. Auslöser des Protests: Eigentlich sollte ab 2006 Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit gewertet werden, wie es der Europäische Gerichtshof festgelegt hatte. Die Übergangsfrist soll nun aber verlängert werden

Berlin . Krankenhausärzte streiken – am Sonntag haben 1.400 Ärzte in Baden-Württemberg und Hessen nicht gearbeitet und dies war der Auftakt zu einer bundesweiten Protestwoche. An diesem Mittwoch wollen Ärzte der Münchner Hochschulkliniken kurzzeitig die Arbeit niederlegen, teilte der Marburger Bund mit. Am Donnerstag wollen Ärzte in Erlangen auf die Straße gehen. Am Freitag ist eine zentrale Kundgebung in Berlin geplant.

Die Ärzte klagen über unzählige unbezahlte Überstunden und Bereitschaftsdienste, dazu noch über die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Viele Ärzte entscheiden sich für eine Karriere im Ausland, weil von dort üppige Angebote locken.

Ausgelöst wurde der Protest, weil die deutschen Krankenhäuser im Streit um Bereitschaftsdienste eine längere Übergangsfrist für geltende Arbeitszeitmodelle verlangt hatten. Seit 2004 gelten Bereitschaftsdienste aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs als Arbeitszeit. Bis Ende des Jahres sind in Deutschland allerdings noch frühere Arbeitszeitmodelle möglich.

Wenn die Übergangsregelung Ende 2005 nicht verlängert wird und Bereitschaft als Arbeitszeit gilt, sind nach Ansicht der Krankenhausgesellschaft mindestens 18.000 Vollzeitärzte zusätzlich nötig. Das koste rund eine Milliarde Euro. Die flächendeckende Versorgung sei in Gefahr, besonders in den ländlichen Gebieten, und es komme zu Personalengpässen, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Wolfgang Pföhler, am Montag in Berlin.

Der Ärzteverband Marburger Bund warf den Krankenhäusern vor, »ewig gestrig« zu sein. »Wir haben massive Ärzteproteste wegen schlechter Bezahlung«, sagte der Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery der dpa.

DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer sagte der dpa: »Wir wollen im Grundsatz eine Anerkennung von Bereitschaftszeit als Arbeitszeit, aber es könnte Ausnahmen geben über tarifliche Maßnahmen.« Sie nannte die Werksfeuerwehr als Beispiel.

Die Krankenhausgesellschaft kritisierte das Wirtschaftsministerium, weil es die Übergangsfrist nicht verlängern wolle. »Da wird bewusst der Kopf in den Sand gesteckt«, sagte Hauptgeschäftsführer Jörg Robbers. Eine Finanzierungsregelung für Mehrkosten gebe es ebenfalls nicht.

Die rund 2.200 Krankenhäuser forderten außerdem mehr Wettbewerb im ambulanten Bereich. Pföhler sagte, die Kliniken könnten jede Leistung erbringen, würden wegen der derzeitigen Regelung aber daran gehindert. Er verlangte, nur noch Krankenhäuser und Kassen sollten über den Katalog ambulanter Leistungen entscheiden und nicht mehr Vertragsärzte.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Die Arbeistbedingungen deutscher Ärzte müssen dringenst überholt werden und die Bereitschafstzeitvergütung endlich aktiviert werden. Sich 24 Stunden in einem Krankenhaus aufhalten zu müssen und dafür nicht bezahlt zu werden, dass man sofort auf Abruf springen muss ist unmenschlich und unwürdig. In meiner Zivildienstzeit hab ich die Arbeitsverhältnisse deutscher Ärzte live beobachten können und war schockiert.
    Nichts desto trotz ist es nur ein weiteres Element falscher Gesundheitspolitik, die bei Privat/ Kasse beginnt und untransparenter Praxispreise für Kassenpatienten aufhört.

    Die gesamte Gesundheitspolitik gehört überarbeitet und der Platz des Gesundheitsministeriums neu besetzt!

    • Linne
    • 02.08.2005 um 17:39 Uhr

    Ich habe Deutschland schon vor 7 Jahren verlasssen und mich mit meiner Familie fest in Schweden etabliert. Unter den derzeitigen Bedingungen besteht keinerlei Anreiz nach Deutschland zurueckzukehren.

    Dr.med André Lagrange, Anästhesist, Uppsala, Schweden

  2. Es ist ja nicht nur die fehlende Arbeitszeit aus dem Bereitschaftsdienst. Es ist mindestetens auch die Zukunftslosigkeit des Systems. Wie soll man als junger Arzt denn die ganze Zeit buckeln, wenn die Karrierechancen fuer den Einzelnen generell abgeschmolzen werden. In der ambulanten Versorgung gehen die ersten Praxen Pleite, durch die Budgetierung und Niederlassungsbeschraenkung ist das persoenliche Risiko einer Praxis schwer kalkulierbar geworden. Chefaerzte duerfen nicht mehr privat liquidieren, dadurch bleibt auch keine "Pool Beteiligung" fuer Oberaerzte, was auch diesen Krankenhausberuf unattraktiv macht. Krankenversicherungen schreiben vor, was dem Patienten wann zu verschreiben ist und streichen Zahlungen unter dem Argument, man produziere keine "Qualitaet". Qualitaet laesst sich nur urch Qualitaetssicherung erreichen, das bedeutet noch mehr Papierkrieg und mehr Geld in den Verwaltungsapparat, da ja irgendjemand diese Papiere auch aufbearbeiten muss. Dieser verbraucht dann die Privatliquidation fuer sich. Alle relevanten Patienten Entscheidungen werden im Endeffekt nicht mehr von Aerzten, sondern von Krankenhasumanagern und Krankenkassenvertretern im Hintergrund gefaellt.
    Das Geld geht zunehmend mehr aus, alle merken es und keiner tut was. Wer will da noch bleiben?

    Ich bin nach meinem Facharzt ins Ausland gegangen und verdiene das 4-fache dessen, was ich in selber Position im deutschen Krankenhaus machen wuerde. Alle jammern wo ich jetzt bin, dass die Aerzte nicht genung respekt bekommen. Aber im Vergleich zu Dunkeldeutschland ist die Situation hier um Klassen besser. Es gibt einen ausgesprochenen Brain Drain aus Deutschland weg. Das dt Arbeitsamt vermittelt Aerzte nach Grossbritannien und Schweden. Das dt Aerzteblatt besteht zur Haelfte aus Stellenazeigen, davon werden die internationalen Angebote immer mehr. Die Assistenzaerzte, die jetzt auf die Strasse gehen, werden sich bald fragen, wo sie ihre Zukunft sehen. Dann haben sie mindestens in Deutschland 6 Jahre studiert plus 4-7 Jahre Facharzt Ausbildung hinter sich und nehmen dieses Wissen aus Deutschland weg.
    Unter http://www.bmjcareers.com... sind die internationalen Stellenausschreibungen fuer Aerzte des Britisch Medical Journals zu finden. Als deutscher Arzt (Europa sei Dank) ist die britishe Anerkennung ein einfaches Uebersetzen der Zeugnisse und 290 Pfund ueberweisen (s. www.gmc-uk.org). Dann kann man auf dieser Boerse zuschlagen.
    In der Welt ist deutsche Arztausbildung durchaus sehr hoch angesehen.

    • Anonym
    • 02.08.2005 um 13:34 Uhr

    Was deutsche Ärzte leisten müssen, ist unzumutbar. Und wer bitte möchte von einem Chirurgen operiert werden, der bereits seit 24 Stunden wach ist? Nach einer Studie besitzt er dann nämlich ein Reaktionsvermögen wie mit einem Promille Alkohol im Blut.

  3. Ich habe Deutschland in 1988 verlassen - mit der ersten "Welle" von Deutschen, die nach England als alternative gegangen sind.
    Die reichhaltige klinische Erfahrung (viele Operationen!) hat mich an England gebunden gehalten.
    Dann bin ich in eine der englischen "Karriere-Rotationen" in Chirurgie eingetreten.
    Inzwischen bin ich (sie 2001) Chefarzt (Consultant) in der Gefaesschirurgie in Cornwall.
    Das Arbeitsleben in England hat mir immer sehr gut gefallen.

  4. 6. Ärzte

    Operierenden Ärzte sind die Fachärzte - die machen nicht den Großteil der 24-Stunden-Dienste; sondern leisten Hintergrundsdienste. Die Nachtdienste werden von Assistenzärzte (sprich in der Ausbildung befindliche Mediziner)abgeleistet - gerne auch fachübergreifend.
    Dabei wechselt in einer Nachtschicht das übrige Stations- und OP-Personal alle acht Stunden.
    Wer kommt sich da nicht verheizt vor!
    Bei LKW-Fahrern gelten klare Lenkzeiten und Ruhepausen - bei Ärzten ist die Konzentrationsgrenze klar überschritten. Meistens fällt die Anspannung auf dem Nachhauseweg - auch die Unfallgefahr ist nicht zu unterschätzen.

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  • Quelle (c) dpa/ZEIT online, 2.8.2005
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