Von dem Dramatiker Heiner Müller stammt der Gedanke, dass die meisten Bayreuth-Besucher zu einer Tristan und Isolde- Aufführung pilgern, um in der Musik etwas zu erfahren, das eigentlich erst nach ihrem Tod gilt. Das Publikum giere danach, ins Jenseits zu lauschen. Darin liege das Geheimnis der Tristan- Wirkung. Müller fügte trocken hinzu: "Eine gelungene Aufführung wäre eine gelungene Beerdigung des Publikums."

Hat er Recht, dann ist die ganze pompös fahnenflatternde, abendkleidraschelnde Wagenauffahrt am Grünen Hügel in Wirklichkeit ein Trauerkondukt und das fröhliche Winken der Prominenten ein Abschied vor der Einfahrt in die Gruft. Angela Merkel hat den Gang hinab in diesem Jahr besonders genossen. Die Nähe zur Macht verleiht ihr etwas Königin-Beatrix-haftes: Üppig in Zartfarbenes gewickelt, lächelt sie huldvoll in die Menge, der Beifall des Volkes fällt wärmer aus als in den Jahren zuvor. Erst nachdem sie den roten Teppich abgeschritten hat, schälen sich Köhler, Stoiber, Beckstein und die anderen aus den Staatskarossen.

Unten angekommen im Jenseits einer Tristan- Aufführung, will die Bayreuth-Gemeinde natürlich keine Grabesschwärze erleben, sondern all das, was dem Leben oben versagt bleibt: Gefühlsüberschwang, Liebesekstase, Rausch, Entgrenzung, Transzendenz. Sosehr Tristan und Isolde ein Nacht-und-Untergangsstück ist, sosehr die Wagner-Helden den "öden Tag" verfluchen und ihre "Wonne voller Tücke" ist, am Ende soll die Richtung doch nach oben weisen, himmelwärts, hin zu einem jenseitigen Liebesglück, hin zur Erlösung. Heiner Müller und der Bühnenbildner Erich Wonder hatten im denkwürdigen Bayreuther Tristan von 1993 ernst gemacht mit ihrer Beerdigungsmetapher, das Stück als Geschichte einer Entfremdung in einen Isolationsbunker eingemauert und die Erlösung verweigert.

Wenn nun, zwölf Jahre später, der Vorhang am Grünen Hügel wieder hochgeht zu einer neuen Tristan- Produktion, bleibt die Perspektive grundsätzlich gleich: Auch in der Inszenierung von Christoph Marthaler führt der Abend tief hinab in einen trostlosen Schacht der unmöglichen Liebe. Wie Gesteinsschichten haben sich die Handlungsorte der drei Akte am Schluss im Bühnenbild von Anna Viebrock abgelagert – oben die dunkelbraune, schon Blasen werfende Tapete eines angegammelten Schiffssalons, in der Mitte das stechende Gelb, in dem die leere Lampenhalle von König Marke getüncht war, und unten der graue, bröckelnde Beton eines Kellerverlieses. Dort steht in der Mitte des Raums ein Krankenbett mit Motorhydraulik für die ganz schlimmen Fälle der Pflegestufe III, Tristans Sterbelager. Schmerzverzerrt wälzt er sich darin und robbt vor dem allerletzten "Isolde"-Schrei fiebernd über den Bühnenboden, während Kurwenal als steinalter Tattergreis, gestützt auf ein Geländer, immerzu um das Bett schlurft: Er ist der Minutenzeiger für Tristans letzte Lebensstunde. König Marke und seine Entourage starren bald nach ihrer Ankunft nur noch Löcher in die Wände. Und bei Isolde ist die Wut darüber, dass ihr Geliebter sich in den Tod verabschiedet hat, bevor sie angekommen ist, stärker als ihre Hingabe. Sie singt ihr entrücktes "Mild und leise…", legt sich auf das Krankenbett und zieht sich das weiße Laken über den Kopf – ein Liebestod aus Frust, kein seliges Verschmelzen.

Der ganze Marthaler- Tristan ist eine Anti-Liebesutopie. Tristan und Isolde kommen nie richtig zusammen. Sie verströmt in ihrem mondänen Strickkleid den Stolz einer gefallenen Grande Dame. Tristan ist in grauen Hosen und einem briefträgerblauen Sakko der verklemmte Junggeselle, der sie aus Schwäche an König Marke verraten hat. Am Ende des ersten Akts, wenn sie den Liebestrank als vermeintliches Todesgift eingenommen haben, sitzen sich die beiden mit hängenden Köpfen gegenüber und warten auf den Tod. Eine berührende Szene ist das: Wie zwei traurige Menschen mit dem Leben abgeschlossen haben, nur noch reglos nach innen auf den Beginn des Sterbens lauschen und nicht wissen, wie ihnen geschieht, wenn in der Musik sich nach und nach die Liebeswirkung ausbreitet.

Im zweiten Akt sitzen sie nebeneinander wie verkorkste Singles bei ihrem ersten Rendezvous. Sie machen sich Liebesgeständnisse, ohne sich anzusehen, oder stehen, verlegen mit den Händen ringend, weit voneinander entfernt wie Fragezeichen im Raum. Isolde scheint ihren starken Gefühlen nie ganz zu trauen, und Tristan berauscht sich mehr an sich selbst als an der Liebe. Irgendwann legt er den Kopf in ihren Schoß, und sie zieht sich verrucht mit den Zähnen die Handschuhe von den Fingern. Eine Szene wie aus einem Loriot-Sketch. Selbstverloren knöpft sich Isolde schließlich im heftigsten Brausen der Leidenschaft ihr Kostüm auf und offenbart der leeren Wand (nicht Tristan!) einmal kurz ihre Unterwäsche. Mehr Ekstase ist nicht, denn dann kommt König Marke und knipst das Licht an wie ein Vater, der die Kinder bei verbotenen Spielen im Dunkeln ertappt hat.

Christoph Marthaler will in seinem Tristan den Kolbenfresser der Liebe zeigen, die Tücke, die sich der Wonne immerzu in den Weg legt. Er erkennt in allen Figurenkonstellationen des Fünf-Personen-Stücks nur ein heilloses Aneinandervorbei, ein unentwegtes Wollen und Doch-nicht-Können. Selbst Kurwenal ist am Ende nicht in der Lage, Melot zu erschlagen, hilflos fuchtelt er nur mit den Fäusten in der Luft.