festival Tristan, Pflegestufe IIISeite 2/2

Überraschend ist dieser depressive Interpretationsansatz nicht. Im Gegenteil, was Marthaler gemacht hat, war erwartbar für all diejenigen, die seine verknoteten Verlierertypen und Einsamkeitsbrüter, die In-die-Teppich-Beißer und Eisenträger-Ansinger aus seinen bisherigen Theaterarbeiten kennen. Für den Schweizer bedeutet Rausch der stumme Blick ins leere Bierglas. Es war klar, dass die großen Gefühle bei ihm szenisch eine Leerstelle bleiben würden, die nur von der Musik ausgefüllt werden können. Aber so ideenarm und pointenschwach wie jetzt in Bayreuth ist schon lange keine Inszenierung mehr von ihm ausgefallen. Ausgerechnet dem Meister des genialen Absturztheaters ist beim berühmtesten Untergangswerk der Operngeschichte nicht sonderlich viel eingefallen.

Statisch und zäh zieht der Abend szenisch vorbei, und es wirkt wie eine Verzweiflungstat der Regie, dass Kurwenal einmal völlig unmotiviert mit dem Kopf gegen die Wand läuft: Es muss was passieren, weil zu wenig passiert. Sonst ist Marthaler der geniale Arrangeur gedehnter Zeitmaße und ein Apologet der Langsamkeit, aber dieses Mal ist das Stück womöglich zu langsam für ihn. Die Inszenierung vermag den Spannungsbogen über die vier Aufführungsstunden nicht zu halten für die eine große Erzählung der Vergeblichkeit. Der Festspielleiter Wolfgang Wagner muss wohl einmal mehr einsehen, dass das aufsehenerregende, die Modernität der Festspiele beweisende Regietheater, das er sich in den letzten Jahren ins Haus holen wollte, nicht so leicht zu haben ist. Nach der Absage von Lars von Trier für den Ring und dem Schlingensief-Spektakel im letzten Jahr hat er nun eine Marthaler-Inszenierung im Repertoire, die weit hinter den besten Produktionen des Schweizer Theatermachers zurückbleibt.

So liefern die gekringelten Neonfunzeln, die Anna Viebrock als Leitmotiv für die Energieströme des Stücks in jedem Akt an Bühnendecke und -wände geschraubt hat, das passende Bild zur Festspiel-Eröffnung: Sie flackern oft nur schwächlich vor sich hin. Denn auch was aus dem Orchestergraben herauftönt, hat mit Tristan- Starkstrom nicht viel zu tun. Wolfgang Wagner hat mit der Besetzung des Dirigenten für seinen neuen Tristan mehr riskiert als mit der Wahl des Regieteams: Der Japaner Eiji Oue, Jahrgang 1956, war im internationalen Opernbetrieb bisher nahezu unbekannt. Er leitet seit sieben Jahren die NDR-Radiophilharmonie Hannover und nennt Leonard Bernsteins Münchner Tristan von 1981 als sein großes prägendes Wagner-Erlebnis. Aber mit dessen überschäumender Musikalität kann sich der Japaner nicht messen: Zaghaft und kleinmütig, im besten Fall rechtschaffen klingt seine Tristan- Deutung. Er lässt die Musik nicht frei fließen, es fehlt der Leidenschaftsüberschuss, das Schmachtende, ohne den kein Tristan abheben kann. An Lautstärke mangelt es im Orchester nicht, aber Oue spielt zu wenig mit den Möglichkeiten des Bayreuther Akustik: Den berühmten immateriellen Klang mit den unmerklich verblendeten Stimmungswechseln und Farben vermag er viel zu selten herzustellen.

Die Königin der diesjährigen Festpiel-Eröffnung ist Nina Stemme als Isolde. Bewundernswert ist das Volumen ihrer jungen Stimme. Ohne jeden Einbruch und mit enormer Kraftreserve steht sie die Monsterpartie durch und singt dabei betörend musikalisch: Eine ungemein in sich ruhende, ihre Gefühle kontrollierende, auch im Scheitern nicht verzweifelnde Isolde gibt sie bei ihrem Bayreuther Rollendebüt. Ganz unerwartet kommt Nina Stemmes Erfolg nicht, sie hat schon im letzten Bayreuther Ring eine wunderbare Freia gesungen, aber in ihrer glanzvollen Vehemenz überrascht sie am Ende doch. Auch Robert Dean Smith schlägt sich als Tristan höchst respektabel. Seinem Tenor fehlt die heldentenorale Strahlkraft, aber er gleicht sie durch ein schönes Legato und große Phrasierungsbögen aus. Petra Lang (Brängane) und Kwangyul Chun (König Marke) fügen sich in die ausgezeichneten Sängerleistungen bruchlos ein. So gut ist in Bayreuth schon lange nicht mehr gesungen worden. Jubel für die Solisten, Buhgeheul für das Regieteam.

 
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