filmindustrieAngriff der Killerscheiben

Das Kino ist durch die Konkurrenz der DVD bedroht. Doch es arbeitet auch fleißig an seiner eigenen Auflösung von Georg Seesslen

Das Kino steckt wieder in der Krise. Von einem Besucherrückgang um ein Viertel in diesem Sommer ist die Rede, zehn Prozent sind es jedenfalls in der ökonomischen Statistik. Die Schlüsselposition auf dem Markt der audiovisuellen Erzählung erobert derweil die DVD. In den zehn Jahren, seit sie auf dem Massenmarkt ist, hat sie bewiesen, dass sie doch mehr ist als nur ein schnelleres, luxuriöseres und handlicheres Speichermedium für den gewöhnlichen Bilderfluss. Die Zeit von Projektoren und Filmstreifen scheint vorbei zu sein; das Kino der Zukunft wird demnächst per Satellit zur digitalen Projektion aus dem Orbit geholt und allenfalls auf kleinen silbernen Scheiben konserviert. Und wie es in Umbruchzeiten der Fall zu sein pflegt, reden sich die Apokalyptiker, die Opportunisten, die Hysteriker und die Nostalgiker in ihre jeweiligen Rollen und Ragen hinein.

Das Kino sei ohnehin eine Institution, sagen die Opportunisten, die sich gerade in ihren Krisen bilde und stärke, und Totgesagte lebten sowieso länger. Das Kino, sagen die Apokalyptiker, sei dumm, korrupt, bösartig und geschmacklos genug geworden, um endlich zu sterben. Das Kino werde nie sterben, es seien auch der Zirkus, die Oper und die Literatur nicht gestorben, sagen die Nostalgiker. Ein bisschen kleiner, fügen sie hinzu, mit weniger Geld und mehr Seele, sei vielleicht gar nicht schlecht. Und die Hysteriker sehen die nächste semiotische Katastrophe, den Bilder-GAU nahen: Wenn die Bilder ihren Ort verlieren, welche gespenstischen Wege werden sie dann nehmen?

Anzeige

Für die Krise des Kinos gibt es ebenso triftige Gründe wie für den Aufstieg der DVD. Einige davon sind so trivial wie unwiderlegbar: hohe Eintrittspreise, falsche Filme am falschen Ort, ein Generationswechsel des Publikums, die hysterische Anti-Raubkopie-Kampagne, die den Zuschauer eher zum potenziellen Feind als zum gern gesehenen Gast macht, der rapide Glanz-Verlust der Cinemaxx-Architekturen.

Die Vorteile der DVD liegen ebenfalls auf der Hand: Für den Gegenwert einer Kinokarte bekomme ich einen Film, den ich zu der mir passenden Zeit und mit den mir passenden Zeitgenossen ansehen kann. Die technische Qualität ist im Gegensatz zum alten Videoformat so gut, dass ich mir ein privates Kino einrichten kann, bei dem ich Vorführer, Programmgestalter, Zuschauer und bis zu einem gewissen Grad auch Regisseur bin. DVDs haben zurzeit einen hohen Distinktions- und Konsumwert, sie sind aber auch beweglich, wandern vom Heimkino auf den Laptop, lassen alles mit sich machen. DVDs werben mit: "Extras! Bonus! Special Edition!" Wenn ein Regisseur einen Film dreht, den er auf die übliche Spielfilmlänge bringen muss, verspricht er schon während der Dreharbeiten, dass er zugleich an einer viel längeren und besseren DVD-Edition arbeite. Von den Möglichkeiten des legalen und des illegalen Kopierens haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Aber wenn das alles wäre, könnte man sich vermutlich zurücklehnen und zusehen, wie sich die Sache nach ein, zwei Krisenjahren wieder konsolidiert: Es wird auch wieder eine neue Generation von Zuschauern kommen, die für wirkliche Attraktionen angemessene Eintrittspreise zahlen. Vielleicht wird im endlosen Wettstreit auch wieder eine neue Technik, das Imax-Verfahren oder die dreidimensionalen Bilder, das Kino zumindest technologisch nach vorn bringen. Die DVDs werden ihren Neuigkeitswert verlieren, mit den teuren Zusatzangeboten wird Schluss sein, die Sehnsucht danach, das Haus für ein Erlebnis zu verlassen, wird größer sein als der einsame Ehrgeiz des Sammlers. Oder?

Nehmen wir für einen Augenblick an, dass die Krise diesmal tiefer geht, nicht nur eine vorübergehende oder zyklische Krise der ästhetischen Ökonomie ist, sondern eine strukturelle und vielleicht sogar kulturelle Krise von Wahrnehmung und Erzählung. Einiges spricht nämlich dafür, dass wir keine Krise des Kinofilmes erleben, sondern die Krise einer besonderen Art seiner Vorführung an einem besonderen Ort. Unter allen Großstadt-Architekturen ist das Multiplexkino vermutlich diejenige, die am allerwenigsten in die Zeit der Ernüchterung am Ende des Neoliberalismus passt. Als sie entstanden, waren diese Kinos Trutzburgen des technologischen Optimismus, trotzige Behauptungen des Amüsements in bereits schrumpfenden Städten: Ihre provokative Weigerung, sich ins Weichbild zu fügen, ihre radikale Antiästhetik waren damals genau das Richtige. Multiplexe versprachen totale Film-Erlebnisse und kulturelles Scheiß-Drauf.

Ihre Kälte, ihre Protzigkeit imitieren eine Fabrik, ein Verwaltungsgebäude, sie signalisieren weit eher eine abweisende Parallelwelt als einen Ort der kulturellen Begegnung. Die fade Hysterie und aufgesetzte Freundlichkeit des mehr oder weniger uniformierten Personals, der durchdringende Geruch nach Popcorn, Reinigungsmittel und Unzufriedenheit, nichts scheint der Sehnsucht nach Wärme und Gemeinschaft mehr zu widersprechen als ein Multiplex. Wenn man sich umgekehrt ansieht, mit welchen Filmen die verbliebenen kleineren Kinos ihren Hauptumsatz machen, dann wird einem klar: Inzwischen werden wieder die Orte des Zusammenrückens, der emotionalen Wärme gesucht. In den Geschichten von weinenden Kamelen und vom Buena Vista Social Club erleben wir einen, und sei es auch etwas verlogenen Hauch des alten Kino-Glücks: eine Erzählgemeinschaft.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Film | Filmindustrie | Medien | DVD | Noam Chomsky
Service