Staub überall, in Äonen von Jahren fein gemahlener Wüstensand. Er liegt auf den Bürgersteigen und auf den Straßen, in Hauseingängen und Nischen. Er setzt sich in den Haaren fest, er kriecht in jede Pore, er dörrt die Nasenschleimhäute und trocknet den Mund aus. Die schweren Reifen über Schotterplätze manövrierender Militärlastwagen wirbeln ihn auf. Jeder Lufthauch bläst ihn von den Erdwällen, die allenthalben als Vorkehrung gegen Selbstmordbomber aufgeworfen wurden. Jeder Stiefelschritt löst kleine Wölkchen aus. Manchmal, wenn ein Windstoß den fast schwerelosen Sand aufpeitscht, bleibt er wie Smog in der Luft hängen und verdunkelt die Sonne.

Ein halbes Dutzend Milizionäre der irakischen Public Order Brigade (POB) lehnen an einem Kleinlaster. "Behaltet die im Auge", raunt der Anführer eines amerikanischen Trupps seinen Kameraden zu. "Die stecken mit den Aufständischen unter einer Decke. Wenn ihr einen Schuss hört, schaut euch zuerst nach denen um."

Die Amerikaner, hünenhafte Gestalten, über 1,90 Meter groß, schreiten in loser Kampfordnung durch das Zentrum von Falludscha, zwei vorneweg und einer hinter mir. Die Waffen schussbereit und aufmerksam die Bürohäuser musternd, die seit der Zerstörung der Stadt im letzten November leer und skelettartig in den vor Hitze flirrenden Himmel ragen. Hinter ausgeschossenen Fenstern liegen dunkle Etagen. In jeder Etage, auf jedem Dachvorsprung könnte ein Heckenschütze lauern.

Die Reise nach Falludscha hatte Tage in Anspruch genommen. Zuerst in einer Herkules-Transportmaschine von einem abgelegenen Wüstenflughafen in Kuwait nach Bagdad. The Rock hieß die Maschine, Baujahr 1962. Sie war voll geladen mit Soldaten und Nachschub. Ihr Rumpf bebte, und mein Magen verkrampfte sich, als der Pilot sie vor der Landung in steilen Korkenzieherkurven in die Tiefe zwang, um Raketen auszuweichen.

Falludscha ist der Inbegriff eines Krieges, wie Guernica, wie Grosnyj

Vom Flughafen, einem riesigen Heerlager aus Tausenden Zelten voll von Soldaten, Söldner, Fremdarbeiter, Abenteurer und Agenten, ging es in gepanzerten Bussen über die gefürchtete Airport Road in die Grüne Zone, von der aus die irakische Regierung und 3000 Angestellte der amerikanischen Botschaft das Land verwalten. Tagelanges Warten. Immer wieder drang Maschinengewehrknattern aus der Roten Zone herüber, manchmal ganz nah an der hohen Schutzmauer. Lange Nächte auf in Gängen aufgeschlagenen Pritschen. Um drei Uhr morgens wurde ich wach gerüttelt. Zwei Helikopter schwenkten mit geöffneter Ladeklappe auf den Hubschrauber-Landeplatz ein, blieben zwei, drei Minuten mit laufenden Rotoren stehen, hoben sofort wieder ab und nahmen volle Fahrt auf. Auf beiden Seiten beobachteten Maschinengewehrschützen durch Nachtsichtgeräte erst die Straßen Bagdads, dann die Vororte, schließlich die nur von wenigen Lichtpünktchen unterbrochene Dunkelheit in der Wüste. Der Landeplatz in Falludscha war durch schwach glimmende Leuchtröhren markiert. Kaum hatte man sich aus dem von den Rotoren aufgepeitschten Luftwirbel entfernt, entschwanden die Hubschrauber wieder.

Falludscha ist mehr als der Name einer Stadt. Falludscha ist der Inbegriff eines Krieges, wie Guernica, wie Stalingrad, wie Grosnyj. Fährt man von Osten auf der Fernstraße von Bagdad nach Amman in die Stadt, kommt man zuerst durch ein Gewerbegebiet kleiner Handwerker. Die meisten Werkstätten sind entweder ausgebombt oder geschlossen – die Schreinereien, die Schlossereien, die Autoreparatur mit dem selbst gemalten Mercedesstern. In einem sich anschließenden Villenviertel ragen aus vormals stolzen Anwesen halb zerschossene Fassaden auf, die dahinter liegenden Zimmer gibt es nicht mehr. Links eine Moschee, vom Minarett steht bloß noch ein Stummel, von der Kuppel ist nur ein zerschossenes Betonrund übrig geblieben.

In den nördlichen Stadtteilen ist kaum ein Haus ohne Einschusslöcher zu sehen. Manche Häuser sind völlig zerstört, viele kaum noch zu bewohnen. Im Süden der Stadt hat die Novemberschlacht eine flächendeckende Verwüstung angerichtet, die nur mit den Zerstörungen zu vergleichen ist, die der Tsunami einen Monat später im indonesischen Aceh verursachte. Trümmer über Trümmer. An manchen Stellen sind sie grob mit Bulldozern zusammengeschoben. Andernorts wurden nur die Straßen frei geräumt. Stromleitungen hängen lose von den Masten. Zerschossene Lastwagen, ein paar jämmerliche Flüchtlingszelte. Zwischen Mauerresten haben in den Trümmern hausende Menschen eine Wäscheleine aufgespannt.

Einige mit abgerissenen Jeans, T-Shirts und zerschlissenen Schuhen bekleidete Kinder stehen in den verwüsteten Straßen und winken den Besatzern zu. Die winken durch die schusssicheren Scheiben ihrer Humvees, der gepanzerten Allzweckfahrzeuge, zurück.

Von einem bestimmten Alter an, so um die 13, 14 Jahre, winken die Kinder nicht mehr. Ihr Ausdruck und ihre Haltung wirken verhärtet. Man hat das Gefühl, sie haben sich ohne das Zwischenstadium von Jugend und Pubertät in Erwachsene verwandelt. Den Soldaten werfen sie nur noch kalte Blicke zu, kalte, abweisende Blicke.