Wein Château MisèreSeite 3/3
So groß ist die Krise der Spitzenweine, dass inzwischen nicht nur die Erneuerer, sondern auch die Traditionalisten unter der schwindenden Kaufbereitschaft der Sammler und Liebhaber leiden. Sogar der alteingesessene französische Weinadel, der in den vergangenen Jahren die in winzigen Mengen produzierten und spekulativen Garagenweine oft kritisiert hatte, ist stark unter Druck geraten. Die meisten der 171 klassifizierten Gewächse müssen heute beim Preis große Abstriche machen. Château Latour, seit 150 Jahren Erstes Gewächs aus dem Anbaugebiet Médoc und weltweit Synonym für majestätischen Bordeaux, hat den Jahrgang 2004 für 90 Euro pro Flasche auf den Markt gebracht – das sind 40 Euro weniger als im Jahr zuvor. Damit ist Latour 2004 aber sogar noch das teuerste der Ersten Gewächse: Château Margaux kostet 80 Euro, ebenso der mythische Mouton-Rothschild.
Selbst ob sich diese ohnehin schon stark gesenkten Preise auf dem Markt durchsetzen werden, ist unklar. Der Handel mit den großen Gewächsen beginnt schon im Mai des auf die Lese folgenden Jahres, also lange bevor die Fasslagerung beendet ist und die Weine in Flaschen abgefüllt werden. »Die noch nicht verfügbaren Weine werden als so genannte Futures angeboten, das heißt, der Käufer verpflichtet sich, die Ware zu einem späteren Zeitpunkt zu einem feststehenden Preis abzunehmen«, erklärt Florence Raffard von Weinfachverband CIVB in Bordeaux. Während den Ausgabepreis das Château bestimmt, kann es später je nach Nachfrage zu starken Preisschwankungen kommen. Der Jahrgang 1997 etwa hat im Vergleich zum Ausgabepreis 50 Prozent verloren. Auch 1999 und 2001 sind gefallen.
Nur wenige braucht diese Entwicklung nicht zu kümmern. Samuel Guibert vom Weingut Mas de Daumas Gassac in Südfrankreich winkt gelassen ab, wenn das Gespräch auf die Preise in Bordeaux kommt. Seit 1972 entsteht auf dem Familienbetrieb in der Nähe des Dörfchens Aniane einer der am höchsten bewerteten Weine der Welt. Vertrieben wird Daumas Gassac aber fast nur im Direktverkauf an Privatleute, die 15 Euro pro Flasche bezahlen. »Die Marge genügt uns«, sagt Guibert. Er gehört zu jener Minderheit von Spitzenweinerzeugern, die sich vom spekulativen Geschäft distanziert und selbst in der Blütezeit der Kultweine die Preise nicht nennenswert erhöht haben. Nun geht wie einst der Boom auch die Krise an Guibert vorüber. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben: »Die Anbetung bestimmter Weine war eine Modeerscheinung, die der Vergangenheit angehört.«
- Datum 28.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.07.2005 Nr.31
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