Der englische Romancier Ian McEwan ist einer der größten Könner unserer Tage, und sein neuer Roman Saturday ist ein Bravourstück. Er schildert einen einzigen Tag im Leben des Londoner Neurochirurgen Henry Perowne und zeigt uns eine ganze Welt: ausgestattet mit allen Insignien einer gut situierten bürgerlichen Kultur, verdunkelt von der Internationalen des Terrors und vom bevorstehenden Irak-Krieg, bedroht vom Einbruch krimineller Gewalt ins familiäre Idyll. Die zeitdiagnostische Qualität des Romans ist von den jüngsten Sprengstoffanschlägen dramatisch bestätigt worden.

Am Ende dieses Tages – es ist der 15. Februar 2003, der Sonntagmorgen dämmert schon herauf – sinkt Henry endlich ins Bett seiner luxuriösen Stadtvilla. Er hat ein Squash-Spiel verloren, die Antikriegsdemonstration gegen Tony Blair erlebt, seine altersdemente Mutter besucht und eine schwierige Hirnoperation vollbracht; er und seine Familie haben die mörderische Attacke eines Verbrechers knapp überlebt, und nun kriecht er unter die Decke zu seiner Rosalind: "Er schmiegt sich an sie, an ihren seidenen Pyjama, ihren Geruch, ihre Wärme, ihre geliebte Gestalt, zieht sie enger an sich. Blind küsst er ihren Nacken. Das wird es immer geben, ist einer seiner letzten Gedanken. Dann: Es gibt nur dies. Und dann, undeutlich, fallend: Dieser Tag ist vorüber."

Der detailgesättigte Realismus, die psychologische Präzision und der Gedankenreichtum der Erzählung sind erstaunlich. Aber bevor man in ohnmächtige Bewunderung verfällt, sollte man sich vergegenwärtigen, dass McEwans Romane – er schreibt ja seit nunmehr dreißig Jahren immer erfolgreichere Bücher – dem Zeitgeschmack auf ebenso verblüffende wie virtuose Weise entgegenkommen. Wie sich die Zeitläufte wandeln, so wandelt sich auch McEwans Schreibkunst. Wer die frühen Bücher ohne Kenntnis der Urheberschaft mit den späten vergliche, käme kaum auf die Idee, sie stammten vom selben Autor.

Er treibt neue Schächte in das Bergwerk der Realität

Diese Wandlungsfähigkeit hat etwas Grandioses und zugleich Unheimliches. Bekannt wurde McEwan mit der Geschichte von vier halbwüchsigen Kindern, die ihre tote Mutter im Keller einzementiert haben und nun in diesen heißen Sommerferien allmählich verwahrlosen, sich inzestuösen Spielen hingeben, während Leichengeruch durchs Haus zieht. Der herzlos erzählte Zementgarten (1978) wirkte wie eine willkommen kalte Dusche gegen die gesinnungspflegerische Selbsterkundungsprosa jener Jahre. In dem Roman Der Trost von Fremden (1981), der sich in die Abgründe sexueller Perversion stürzte, erkannten Kritiker Parallelen zu Patricia Highsmith. Andere wiederum sahen in dem Roman Ein Kind zur Zeit (1988) George Orwell am Wirken. Und der Anfang von McEwans zu Recht gefeiertem Roman Abbitte (2002) war offenkundig eine Stimmenimitation Jane Austens und eine Verbeugung vor ihr. In einem Gespräch bekannte McEwan kürzlich, drei Amerikaner hätten ihn tief beeindruckt: Saul Bellow, John Updike und Philip Roth. Die Kritikerin von Vanity Fair schrieb in ihrem Porträt, dieser Einfluss sei nun in Saturday offenkundig geworden.

In der Tat. Wir finden in Saturday jenen hoch entwickelten Realismus, wie wir ihn von der amerikanischen Literatur her kennen, die sich bekanntlich nicht scheut, ins Bergwerk der gesellschaftlichen Realität neue Schächte hineinzutreiben. Hier ist es die Hirnchirurgie, die als Königsdisziplin der Operationskunst die Herzchirurgie abgelöst hat. McEwan ist, wie er in dem erwähnten Gespräch sagte, einem Neurochirurgen zwei Jahre lang auf Fersen und Fingerspitzen gefolgt. Seine Beschreibungen dieser hoch technischen Balanceakte auf des Messers Schneide sind ebenso lehrreich wie – jedenfalls für den Laien – spannend und gespenstisch. Dass es möglich und oftmals lebensrettend ist, in die geheimsten Bezirke des Organismus, vielleicht sogar der Seele einzudringen, verfolgt der Autor (und so auch der gebannte Leser) mit einem staunenden Schrecken.

Wir haben es nicht mit jener Lebenswelt zu tun, die Schriftsteller in der Regel bevorzugen, weil sie sich darin auskennen, also nicht mit der des gescheiterten Intellektuellen oder der verlassenen Geliebten. Henry Perowne, 45 Jahre alt, glücklich mit einer Anwältin verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder, ist ein materialistischer Philosoph: "Für ihn war es keine Glaubensfrage, sondern eine alltägliche Tatsache, dass das Bewusstsein von bloßer Materie, vom Hirn, geschaffen wird. Eine ehrfurchtsgebietende Tatsache, die auch Neugier verdient: Das Wirkliche, nicht das Magische, sollte die Herausforderung sein."

McEwan gibt seinem Helden allerdings eine Tochter an die Seite, die Literatur studiert hat und eben dabei ist, sich als Lyrikerin einen Namen zu machen. Da er sie inständig liebt, liest er folgsam die Bücher, die ihm Daisy ans Herz legt, darunter auch Anna Karenina und Madame Bovary: "Obwohl er seine Denkvorgänge verlangsamen und viele Stunden kostbarer Zeit aufwenden musste, hatte er sich den wechselnden Komplikationen dieser anspruchsvollen Märchen anvertraut. Doch welche Einsichten hielten sie letztlich bereit? Dass Ehebruch zwar verständlich, aber falsch ist, dass es Frauen im neunzehnten Jahrhundert nicht besonders leicht gehabt haben und dass Moskau, die russische Landschaft und die französische Provinz so und nicht anders ausgesehen haben? Diese Bücher waren das Ergebnis eines unerbittlichen, fachkundigen Sammeleifers."

Wenn Henry derart vor sich hin philosophiert, wirkt er eher als Intellektueller denn als Chefarzt. Aber McEwans Realismus ist viel zu virtuos, um sich an einer simplen Reproduktion festzuhalten. Die Übergänge zwischen dem inneren Monolog des Helden und den Einflüsterungen seines Souffleurs McEwan sind derart geschmeidig, dass sie nicht auffallen – von jenen Stellen abgesehen, wo sich der Autor mit sichtbarem Vergnügen Seitenblicke oder -hiebe auf die Literaturszene erlaubt. Henry fährt einen silbernen Mercedes 500, was seinen Sohn Theo zu dem vernichtenden Urteil bringt, das sei ein typisches Arztauto. Daisy hingegen sagt, ihres Wissens fahre Harold Pinter ein ähnliches Modell. "Damit war für sie alles in Ordnung."